Streit über Griechen-Hilfen: EZB stemmt sich gegen Rating-Giganten

Die Europäische Zentralbank kämpft für die Rettung Griechenlands: Laut einem Pressebericht will sie dem Staat weiter Anleihen abkaufen - auch wenn eine oder zwei Rating-Agenturen das Land für zahlungsunfähig erklären. Die EZB will so Spielraum für eine Lösung der Schuldenkrise schaffen.

EZB-Zentrale in Frankfurt am Main: Kauf von Schuldenpapieren weiter möglich? Zur Großansicht
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EZB-Zentrale in Frankfurt am Main: Kauf von Schuldenpapieren weiter möglich?

Hamburg/London - In der griechischen Schuldenkrise gibt es neue Hoffnung auf eine Lösung: Laut einem Bericht der britischen "Financial Times" erwägt die Europäische Zentralbank (EZB) selbst dann noch Griechenland-Anleihen zu kaufen, wenn eine oder zwei Rating-Agenturen das Land für zahlungsunfähig erklären. Nur wenn alle drei großen Agenturen den Daumen über Griechenland senkten, würde sie den Kauf Athener Schuldenpapiere einstellen.

Die Bank stütze sich auf die Praxis, das beste Rating als Grundlage für ihre eigenen Entscheidungen zu nehmen, zitiert die Zeitung einen hochrangigen Manager der Bank. Die EZB selbst wollte den Bericht nicht kommentieren.

Durch ihren Pro-Griechenland-Kurs schafft die EZB Spielraum für eine Lösung der Schuldenkrise. Die Unterstützung von Europas Notenbank ist zentral für deren Lösung. Mehr als 100 Milliarden Euro hat die EZB dem hochverschuldeten griechischen Staat bislang geliehen. Zuletzt hatte es Sorgen gegeben, die EZB könnte ihre Hilfen einstellen.

Grund ist ein Streit über einen Rettungsplan für Griechenland. Diskutiert wird das Modell eines sogenannten Rollover. Dabei tauschen die privaten Gläubiger ihre bestehenden Forderungen gegen neue Schuldtitel mit längerer Laufzeit. Der Tausch soll freiwillig sein.

Die Rating-Agentur Standard & Poor's hat gedroht, dieses Vorgehen streng zu ahnden - und eine Schuldenverlängerung als teilweisen Zahlungsausfall zu werten. Eine solche Bewertung wäre für Griechenland fatal. Die Zinsen auf Athener Anleihen würden weiter steigen, eine Rückkehr des Landes an die Finanzmärkte würde noch unwahrscheinlicher. Ein Zahlungsausfall gilt zudem als schwer kalkulierbares Risiko für das Finanzsystem, weil dann auch Kreditausfallversicherungen (CDS) in unbekannter Höhe fällig würden.

Immerhin dürfen die Griechen nun zunächst weiter auf Hilfen der EZB hoffen - vorausgesetzt, mindestens eine der drei Agenturen wertet den Rollover in Zukunft nicht als teilweisen Zahlungsausfall.

EZB-Ratsmitglied kritisiert Rating-Agenturen

Die Bonitätsprüfer stehen stark in der Kritik. EZB-Ratsmitglied Ewald Nowotny etwa monierte, dass die Agenturen in der Euro-Krise "viel strikter" seien, als in vergleichbaren Situationen - etwa in Südamerika. "Nur wenn sie die Hilfen als freiwillig einstufen, kommen sie nicht einem Staatsbankrott gleich, der mit dem Paket vermieden werden soll."

Nach Ansicht von Bayerns Finanzminister Georg Fahrenschon muss sich Europa rasch von den US-Agenturen emanzipieren. Man müsse schnell mit dem Aufbau europäischer Rating-Agenturen beginnen, sagte der CSU-Politiker. Standard & Poor's Warnung vor dem Zahlungsausfall sei "unangemessen und wenig hilfreich".

Gerade die US-Rating-Agenturen hätten im Vorfeld der Finanzmarktkrise als Frühwarnsystem und bei den Einschätzungen der Risiken eklatant versagt. Wenn nun eben diese Rating-Unternehmen notwendige Rettungsmaßnahmen der Länder der Euro-Zone und des IWF zusätzlich erschwerten, zeuge das von mangelnder Verantwortung und könne nur als bewusste Provokation gegenüber den europäischen Steuerzahlern gewertet werden, sagte Fahrenschon.

Deutschland zahlt offenbar Großteil der neuen Griechenland-Tranche

Neben einem Rollover werden EU-Kommission, EU-Länder und Internationaler Währungsfonds bald eine neue Tranche aus dem Rettungspaket für Griechenland auszahlen. Deutschland übernimmt dieses Mal Deutschland einen Großteil der Hilfen.

Die staatliche Bankengruppe KfW bestätigte auf Anfrage, Kredite über 5,05 Milliarden Euro bereitzustellen. Das sei mehr als die Hälfte der von den Euro-Ländern vereinbarten Hilfen von 8,7 Milliarden Euro. Zur Begründung hieß es, Deutschland sei bei den Gesamthilfen bisher unter seinem vereinbarten Anteil von rund 28 Prozent geblieben. Das müsse nun aufgeholt werden.

Finnland stellte derweil Bedingungen für eine Beteiligung an neuen Hilfspaketen. Das Land werde Garantien fordern, sagte die neue Finanzministerin Jutta Urpilainen am Dienstag in einem Interview mit dem Fernsehsender YLE. Eine Beteiligung privater Investoren sei im Umgang mit der Schuldenkrise in der Euro-Zone wichtig. "Wir wollen die Verantwortlichkeiten Finnlands begrenzen." Als Garantie sei etwa eine Aktienbeteiligung an einer Firma denkbar, die staatliche Vermögenswerte verwalte.

ssu/dapd/dpa/Reuters

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insgesamt 138 Beiträge
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1. ***
eulenspiegel 47 05.07.2011
Die Euroländer stemmen sich gegen den normalen Menschenverstand. Selbstverständlich ist Griechenland pleite, und es ist eine Insolvenzverschleppung, die von den EU Mächtigen schöngeredet wird. ABer es wird weiter gemacht, bis die Fliehkräfte das Ganze zerreißen.
2. Wer ist der Böse ?
Klekih_petra 05.07.2011
Zitat von sysopDie Europäische Zentralbank kämpft für die Rettung Griechenlands: Laut einem Pressebericht will sie dem Staat solange Anleihen abkaufen, bis alle drei Rating-Agenturen es für zahlungsunfähig erklären. Die Kritik am Vorgehen der Bonitätsprüfer wächst. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,772374,00.html
Warum kritisiert man jetzt wieder die bösen Rating-Agenturen ? Die urteilen nach - so hoffe ich - objektiven Kriterien, egal ob sie einen südamerikanischen oder europäischen Staat bewerten. Wenn nach diesen Kriterien Griechenland pleite ist, dann muss man das eben akzeptieren und eine geordnete Insolvenz einleiten.
3. Klar,
syramon 05.07.2011
Zitat von sysopDie Europäische Zentralbank kämpft für die Rettung Griechenlands: Laut einem Pressebericht will sie dem Staat solange Anleihen abkaufen, bis alle drei Rating-Agenturen es für zahlungsunfähig erklären. Die Kritik am Vorgehen der Bonitätsprüfer wächst. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,772374,00.html
die EZB hat eine hohes Eigeninteresse auch ihre eigene Haut zu retten. Bail-Out von maroden Staaten, permanente Stellung- nahmen zu aktueller Tagespolitik usw. waren eigentlich nicht für sie vorgesehen. Hieran zeigt sich aber auch schonn der grad ihrer eigentlichen (Un-)Abhängigkeit.
4. Schlaue Finnen
Liberalitärer 05.07.2011
Zitat von sysopDie Europäische Zentralbank kämpft für die Rettung Griechenlands: Laut einem Pressebericht will sie dem Staat solange Anleihen abkaufen, bis alle drei Rating-Agenturen es für zahlungsunfähig erklären. Die Kritik am Vorgehen der Bonitätsprüfer wächst. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,772374,00.html
"Als Garantie sei etwa eine Aktienbeteiligung an einer Firma denkbar, die staatliche Vermögenswerte verwalte." Quelle: s.o. Schlau die Finnen, die wollen jetzt Inseln. Die Auktion ist eröffnet. Ich will Korfu.
5. Noch wo ne Guillotine einsatzbereit?
Altesocke 05.07.2011
Zitat von sysopDie Europäische Zentralbank kämpft für die Rettung Griechenlands: Laut einem Pressebericht will sie dem Staat solange Anleihen abkaufen, bis alle drei Rating-Agenturen es für zahlungsunfähig erklären. Die Kritik am Vorgehen der Bonitätsprüfer wächst. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,772374,00.html
Das ist dann der Sargnagel fuer den Euro! Natuerlich nachdem Die EZB ALLE Anleihen Griechenlands angehaeuft hat. 100 Milliarden, jetzt? Na, keine Angst, die 200 Milliarden Grenze wird nicht 'ewig' auf sich warten lassen! Die Finanzindustrie wird der einzige Sieger sein, alle Laender und Bevoelkerungen deren Geisel und Zwangsarbeiter!
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Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 11,305 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Karolos Papoulias

Regierungschef: Antonis Samaras

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Wie Rating-Agenturen arbeiten
Geschichte
Die Geschichte der Rating-Agenturen reicht ins 19. Jahrhundert zurück, als das US-Eisenbahnnetz sich über den Kontinent ausdehnte. Das erforderte Kredite, die die Banken nicht alleine schultern konnten. Industrieunternehmen begannen, Anleihen auszugeben, um an Geld zu kommen. Heute dominieren drei Agenturen den Markt: Standard & Poor's, Moody's und Fitch.
Standard & Poor's
Standard & Poor's (S&P): Henry Varnum Poor veröffentlichte 1868 das "Manual of the Railroads of the United States", in dem die Anleger Informationen über die Eisenbahngesellschaften erhielten. 1941 verschmolzen die Poor's Publishing Company und die Standard Statistics Company zur Rating-Agentur Standard & Poor's. Das Rating reicht von AAA ("Triple A", exzellente Bonität, praktisch kein Ausfallsrisiko) über BBB (befriedigend) bis D (in Zahlungsverzug, keine Bonität).
Moody's
Moody's: John Moody gründete 1909 die Agentur Moody's Investors Service, die seit 1975 von der US-Börsenaufsicht SEC anerkannt ist. Die Bewertungen reichen von Aaa über Baa1 bis C.
Fitch
Fitch Ratings: 1924 entstand in New York aus der Fitch Publishing Company von John Fitch das Unternehmen Fitch Ratings. Alle drei Unternehmen haben ihren Sitz in New York, Fitch Ratings zudem in London; sie betreiben Büros in aller Welt. Das Rating reicht von AAA bis D.
Wie die Agenturen arbeiten
Rating-Agenturen bewerten die Kreditwürdigkeit von Unternehmen, Banken und Staaten und vergeben dazu verschiedene Bonitätsnoten. Dabei fließen veröffentlichte Zahlen ebenso ein wie Brancheneinschätzungen oder eine Beurteilung des Managements.
Die Noten der Rating-Agenturen
Das bedeuten die Ratings
Moody's S&P Fitch Bewertung
Aaa AAA AAA Beste Qualität
Aa1 AA+ AA+ Sichere Anlage
Aa2 AA AA
Aa3 AA- AA-
A1 A+ A+ Prinzipiell sichere Anlage
A2 A A
A3 A- A-
Baa1 BBB+ BBB+ Durchschnittlich gute Anlage
Baa2 BBB BBB
Baa3 BBB- BBB-
Ba1 BB+ BB+ Spekulative Anlage
Ba2 BB BB
Ba3 BB- BB-
B1 B+ B+ Hochspekulative Anlage
B2 B B
B3 B- B-
Caa1 CCC+ CCC+ Substantielle Risiken / Extrem spekulativ
Caa2 CCC CCC
Caa3 CCC- CCC-
Ca CC CC
Ca C C
C D D Zahlungsausfall
Bedeutung der Noten
Je schlechter sie die Bonität eines Marktteilnehmers beurteilen, umso teurer und schwieriger wird es für diesen, sich Geld zu besorgen. Die Refinanzierungskosten steigen, schlimmstenfalls ziehen Geldgeber ihr Kapital ab. Am Rating orientieren sich nicht nur Banken, sondern zum Beispiel auch institutionelle Investoren.

Hochspekulative Anleihen (Moody's: Ba1, S&P: BB+, Fitch: BB+) gelten als "Ramsch". Wird eine Anleihe als spekulativ eingestuft, müssen beispielsweise Zentralbanken sie verkaufen.
Kritik
Kritiker bemängeln, es bleibe oft unklar, welcher Anteil der Bonitätseinstufungen (Ratings) Mathematik und welcher Meinung ist. In der Finanzkrise wurden Rating-Agenturen an den Pranger gestellt: Weil sie Ramschpapiere als sichere Geldanlage anpriesen, wurde ihnen eine Mitschuld an der Krise gegeben.


Wo die Griechen konkret kürzen
Die griechische Regierung stemmt sich gegen den Staatsbankrott: Mit ihrem radikalen Kürzungsprogramm will sie in den kommenden Jahren fast 80 Milliarden Euro einsparen. Aber wen treffen die Einschnitte konkret? Das Sparpaket im Überblick.