Streit um Patienten-Prämien Ärzte beklagen maßlose Verleumdungskampagne

"Generalverdacht", "Bananenrepublik", "Verleumdung": Ärzteverbände wehren sich lautstark gegen den Vorwurf, dass Mediziner Prämien für die Vermittlung von Patienten an Kliniken erhalten. Korruptionsexperten dagegen sagen, es gebe ähnliche Deals auch mit Sanitätshäusern und Hörgeräteakustikern.

Ärzte: Mediziner sollen von Krankenhäusern Patienten-Prämien kassieren
ddp

Ärzte: Mediziner sollen von Krankenhäusern Patienten-Prämien kassieren


Berlin - Im Skandal um "Fangprämien" von Kliniken gehen die Ärzte in die Offensive: Die Kassenärztliche Bundesvereinigung empört sich darüber, dass Ärzte unter Generalverdacht gestellt würden. Die Debatte verunsichere Patienten und müsse dringend wieder sachlicher werden, forderte KBV-Chef Andreas Köhler. Der Verband der niedergelassenen Ärzte (NAV) sprach von einer "Verleumdungskampagne von noch nie dagewesenem Ausmaß".

Laut "Frankfurter Allgemeiner Zeitung" kassieren immer mehr Ärzte von Krankenhäusern Prämien für die Einweisung von Patienten. "Das sind nicht mehr nur Einzelfälle wie vor zwei oder drei Jahren", zitiert die Zeitung Rudolf Kösters, den Präsidenten der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG). Ärzte setzten Krankenhausleitungen zusehends unter Druck, zum Teil organisierten sie sich dafür in Vereinen. Insider würden diese Bezahlungen "Kopfgeld", "Zuweisungsprovisionen" oder "Fangprämien" nennen.

Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) geißelte die illegale Geschäftemacherei als verwerflich. "Patienten sind keine Handelsware", sagte sie dem "Münchner Merkur". SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach warnte vor den Risiken etwa für Krebspatienten bei Einweisungen in ungeeignete Kliniken. "Im Einzelfall kann das sogar den Tod des Patienten zur Folge haben", sagte Lauterbach in N24.

Köhler entgegnete: "Das ist Quatsch." Patienten würden massiv verunsichert. Zwar gebe es unrechtmäßige Zahlungen an Ärzte, doch es seien Einzelfälle. Verschiedene Dinge würden vermengt: Es gebe ganz legale Verträge zwischen Krankenhäusern und Kassenärzten, etwa zur postoperativen Behandlung. Dort seien Leistung und Bezahlung klar definiert. Nicht in Ordnung seien nur Prämien, die ohne Leistung nur für die Einweisung gezahlt würden. Die Ärztekammern gingen solchen Fällen aber nach.

Schmutzige Deals mit Hörgeräteakustikern?

Die Korruptionsexpertin der Krankenkasse KKH-Allianz, Dina Michels, erklärte dagegen, das Ausmaß der Ärztebestechung sei noch weit größer als bislang bekannt. "Fangprämien" seien auch jenseits der Krankenhäuser verbreitet - etwa bei der Zusammenarbeit mit Sanitätshäusern und Hörgeräteakustikern.

Ähnlich äußerte sich das Vorstandsmitglied Anke Martiny von der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International. Kick-Back-Geschäfte gebe es zum Beispiel auch zwischen Internisten und Röntgenärzten, Dentisten und Zahnlaboren oder Orthopäden und Schuhmachern, sagte sie dem "Tagesspiegel". Michels und Martiny forderten schärfere Gesetze.

Das Gesundheitsministerium sieht jedoch keinen Änderungsbedarf. Die Regeln seien völlig klar: Zahlungen für die Einweisung von Patienten in bestimmte Krankenhäuser seien verboten, sagte Gesundheitsstaatssekretär Klaus Theo Schröder in der ARD.

Krisentreffen am Freitag

Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt forderte lediglich eine rasche Aufklärung der Korruptionsvorwürfe gegen niedergelassene Ärzte und Kliniken. "Umfang und Verbreitung dieser Machenschaften" müssten ermittelt werden, sagte die SPD-Politikerin dem "Kölner Stadt-Anzeiger" . Es sei nun Aufgabe der Ärztekammern, der berufsständischen Gerichte und der Staatsanwaltschaften, "Umfang und Verbreitung dieser Machenschaften" zu ermitteln und zu verfolgen.

Krankenkassen, Politiker, Sozialverbände und Vertreter der Ärzteschaft haben am Donnerstag gefordert, den Kampf gegen mögliche Korruption im Gesundheitswesen zu verschärfen. Die Spitzen der Deutschen Krankenhausgesellschaft (DKG), der Bundesärztekammer und der KBV wollen dazu bei einem Treffen an diesem Freitag in Berlin ein gemeinsames Vorgehen beraten.

Die KBV kündigte an, gemeinsam mit der Deutschen Krankenhausgesellschaft in einem Rundschreiben klarzustellen, was erlaubt sei und was nicht. Die Barmer Ersatzkasse schlug vor, "manipulationsanfällige Mediziner und Kliniken" öffentlich zu machen.

ssu/AFP/AP/dpa



insgesamt 119 Beiträge
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Seite 1
Rainer Helmbrecht 31.08.2009
1.
Zitat von sysopIm deutschen Gesundheitssystem herrscht nach Einschätzung von Patientenvertretern und Medizinern ein regelrechter Prämien-Wildwuchs. Ärzte kassieren demnach von Krankenhäusern saftige "Kopfgelder" für die Einweisung von Patienten - wie lassen sich solche Praktiken vermeiden?
Das Prämien unseren Geldkreislauf an den Rand des Urins gebracht hat, sollte eigentlich Anlass genug sein, über Prämien nach zu denken. Diese Boni und Prämienjäger bedienen eine Art von Korruption und Bestechung, die normales Handeln ausschließt. Bananenrepublik light und teuer, Abwrackprämie als Auslöser? ;o). MfG. Rainer
lupenrein 31.08.2009
2.
Zitat von Rainer HelmbrechtDas Prämien unseren Geldkreislauf an den Rand des Urins gebracht hat, sollte eigentlich Anlass genug sein, über Prämien nach zu denken. Diese Boni und Prämienjäger bedienen eine Art von Korruption und Bestechung, die normales Handeln ausschließt. Bananenrepublik light und teuer, Abwrackprämie als Auslöser? ;o). MfG. Rainer
Kopfgeld- und Prämienjäger jeglicher Art, mit oder ohnle ärztliches Ethos, sind nur in Heuschrecken-Republiken möglich. Deutschland ist so eine.
Habeaucheinemeinung 31.08.2009
3. Ins Knast weil korrupt
Zitat von sysopIm deutschen Gesundheitssystem herrscht nach Einschätzung von Patientenvertretern und Medizinern ein regelrechter Prämien-Wildwuchs. Ärzte kassieren demnach von Krankenhäusern saftige "Kopfgelder" für die Einweisung von Patienten - wie lassen sich solche Praktiken vermeiden?
" Geld für eine Einweisung zu nehmen, sei "total verboten", sagte Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe " Das ist nicht " total verboten " , sondern ganz einfach kriminell ( weil korrupt). Steckt ein paar von denen, die es tun, ins Knast und damit ist das Problem schnell gelöst. Weil sich dann der nächste doppelt überlegt, ob er es riskieren soll.
Roller, 31.08.2009
4.
Zitat von sysopIm deutschen Gesundheitssystem herrscht nach Einschätzung von Patientenvertretern und Medizinern ein regelrechter Prämien-Wildwuchs. Ärzte kassieren demnach von Krankenhäusern saftige "Kopfgelder" für die Einweisung von Patienten - wie lassen sich solche Praktiken vermeiden?
Das ganze System ist krank. Jeder, der zum Arzt geht, sollte bedenken, dass er sich in einem System begibt, wo Versagen und Unwissen finanziell belohnt wird. Der Arzt hat sowieso kein wirtschaftliches Interesse an einer Gesundung des Patienten. Was da heute abläuft ist auch schon ein riesiger Betrug am Patienten. Da sind diese Kopfgelder nur noch eine Bestätigung meiner Theorie, daß wir alle nach Strich und Faden betrogen werden.
clh 31.08.2009
5. Was tun gegen Patienten-Prämien?
Sind denn alle nur noch blöd? Was soll denn dieser Zwischenhandel? Die Krankenhäuser sollten direkt an den Patienten bezahlen. Das gilt auch für den Organhandel uvm. Schaltet endlich den Umweg über Arzt und Apotheke und Pharmaindustrie aus. Das verteuert den Deal doch nur. Wenn ein Krankenhaus mich möchte, gebt mir direkt das Geld! Wenn ihr meine Niere braucht, bezahlt direkt an mich! Macht ordentliche Kaufverträge, das ist legal, dann meckert keiner! :)
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