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Strenge Vorschriften: G-20-Staaten sagen Finanzmärkten den Kampf an

Es soll Schluss sein mit Gezocke und absurd hohen Bonuszahlungen: Die Industrie- und Schwellenländer wehren sich gegen die Macht der Geldhäuser und Börsenplätze. Bei ihrem Treffen in Cannes wollen die G20 nach SPIEGEL-Informationen umfassende Reformen für die Finanzmärkte beschließen.

Börsenhändler (in New York): G20 wollen klare Regeln beschließen Zur Großansicht
AFP

Börsenhändler (in New York): G20 wollen klare Regeln beschließen

Hamburg - Der EU-Gipfel in Brüssel hat den europäischen Großbanken schon eine Kapitalerhöhung verordnet - nun legen die G20 nach. Bei ihrem Treffen in Cannes will die Gruppe der großen Industrie- und Schwellenländer am Donnerstag weitreichende Schritte zur Reform des globalen Finanzsektors beschließen. Das geht nach Informationen des SPIEGEL aus dem Entwurf des Gipfel-Kommuniqués hervor.

So sollen die Banken gezwungen werden, deutlich mehr Eigenkapital auszuweisen als bislang. Außerdem wollen die Staats- und Regierungschefs sicherstellen, dass "künftig keine Finanzfirma mehr zu groß für eine Pleite" sei. Wenn eine solche Institution dennoch abgewickelt werden müsse, "sollten Steuerzahler nicht für die Kosten aufkommen", heißt es in dem Papier.

Der Entwurf sieht ein ganzes Maßnahmenpaket vor: Geplant sind eine intensivere Aufsicht sowie neue internationale Standards, nach denen Banken und andere Finanzinstitute abgewickelt werden können. Der Handel mit komplizierten Finanzprodukten, vor allem den sogenannten Derivaten, soll künftig nicht mehr außerbörslich, sondern nur noch an Handelsplätzen und auf elektronischen Plattformen stattfinden. Dort können sie von den Aufsichtsbehörden besser überwacht werden. Für diese Geschäfte müssen die Finanzinstitutionen künftig ebenfalls mehr Haftungskapital ausweisen.

Die Staats- und Regierungschefs wollen auch gegen Exzesse bei Gehältern und Bonuszahlungen im Finanzsektor vorgehen, "um zu verhindern, dass übertriebene Risiken eingegangen werden", wie es in dem Entwurf für das Kommuniqué heißt.

Mehr Transparenz für Terminmärkte

In dem Dokument sagen die G20 außerdem den Schattenbanken, also vor allem Hedgefonds, den Kampf an. Dieser Sektor soll ebenfalls strengerer Aufsicht und Regulierung unterworfen werden.

Die Runde spricht sich zudem dafür aus, für mehr Transparenz auf Terminmärkten für Rohstoffe und Waren zu sorgen. So soll verhindert werden, dass Spekulation zum Beispiel die Preise für Nahrungsmittel in die Höhe treibt. "Den Regulierungsbehörden müssen Eingriffsbefugnisse gewährt werden, um Störungen des Marktgeschehens abzuwenden und Marktmissbrauch zu verhindern."

Finanzinstitutionen und staatliche Stellen sollen künftig bei ihren Entscheidungen auch weniger von den Urteilen der Rating-Agenturen abhängig sein. Derzeit sind zum Beispiel viele Pensionsfonds verpflichtet, Staatsanleihen abzustoßen, wenn diese von den Rating-Agenturen herabgestuft werden - was den Kursverfall beschleunigt.

Seit Monaten belastet die Schuldenkrise einiger Euro-Staaten wie Griechenland, Portugal, Spanien und Italien die weltweiten Finanzmärkte. Mittlerweile machen sich bereits negative Effekte für die Weltkonjunktur bemerkbar. Auch deshalb hatten die G-20-Staaten eine schnelle Lösung und klare Beschlüsse des Euro-Gipfels in Brüssel verlangt.

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1. Jetzt zitiere ich mal Herrn Schäuble
Packy 30.10.2011
"Ankündigungen allein helfen nicht." Wenn alle Ankündigungen nach 2008 umgesetzt worden wären, würden wir heute nicht über Ankündigungen diskutieren.
2. Am Kernproblem geflissentlich vorbei
nurgut 30.10.2011
Zitat von sysopEs soll Schluss sein mit Gezocke und absurd hohen Bonuszahlungen: Die Industrie- und Schwellenländer wehren sich gegen die Macht der Geldhäuser und Börsenplätze. Bei ihrem Treffen in Cannes wollen die G20 nach SPIEGEL-Informationen umfassende Reformen für die Finanzmärkte beschließen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,794812,00.html
Der Euro mag ein Fehlkonstrukt sein, gleichwohl macht er eine einschneidende (Fehl-)Entwicklung der westlichen Industrienationen sichtbar. Der durch die Industrialisierung errungene Wohlstand wurde in den vergangenen Jahrzehnten durch die politische Klasse (alle) zunehmend zu Erringung oder Sicherung der Macht verwendet. Die ruht in einem demokratischen System auf zwei Säulen, dem Beamten- und dem Sozialstaat mit seinem relativ homogenen Potential an Wählerstimmen. So wurde de facto zunehmend von Oben nach Unten umverteilt, nämlich vom fleißigen, innovativen, risikobereiten, ungezählte Überstunden ableistenden Mittelstand zu denen, die unverschuldet oder gewollt nichts tun. Hinzu kam ein riesiges Beamtenheer, überwiegend nutzlos und auf permanenter Sinnsuche. Als Resultat verschuldeten sich selbst die solidesten Volkswirtschaften, denn diese Endlosschraube bedarf auch einer ‚unendlichen’ Finanzierung. Ergo, der Staat leiht sich Geld vom Bürger um es in einem Bereich zu ‚investieren’, von wo nicht ein einziges Äquivalent an Produktivität oder Innovation zurück-fließt. Die nächste Verschuldung wird damit von Beginn an pflichtvergessen eingeplant. Griechenland, besonders leistungsschwach und besonders spendierfreudig geht auf einem Weg voraus, den wir alle gehen, wenn nicht endlich die Bremse betätigt wird. Als einziger hat dies Gerhard Schröder erkannt und zugleich den Mumm gehabt die nötigen Reformen anzupacken. Dafür wird er heute von seinen eigenen Leuten mit faulen Eiern beworfen, während der (ver)greise(nde) Helmut Schmidt, mit dem der ganze Irrsinn begonnen hat zum Messias mutiert. Erstaunlich, daß diese simplen Zusammenhänge nirgends diskutiert werden. All diejenigen, die mehr und höhere Steuern fordern, müssen sich fragen, ob sie dem Staat allen Ernstes noch mehr Geld zum Verschleudern geben wollen. Nicht der Kapitalismus, was immer das ist, bedarf der Regulierung, sondern der alles erdrückende Wohlfahrtsstaat. Dafür gibt es eine einzige scharfe Waffe, und die heißt Bildung!
3. Na endlich
TimBimmler 30.10.2011
Da fragt man sich doch nur, warum solche Maßnahmen nicht schon vor 10 Jahren beschlossen wurden. Ach ja, stimmt ja, Banken sind in Europa und vor allem in Deutschland ja total überreguliert und können faktisch gar nicht mehr arbeiten / Gewinne erzielen / die Wirtschaft am laufen halten. Wenn man die so machen ließe, wie die wollen, geht es ja auch allen viiieeel besser und der Markt regelt eh alles.
4. Die Macht der Titel
ratxi 30.10.2011
Zitat von sysopEs soll Schluss sein mit Gezocke und absurd hohen Bonuszahlungen: Die Industrie- und Schwellenländer wehren sich gegen die Macht der Geldhäuser und Börsenplätze. Bei ihrem Treffen in Cannes wollen die G20 nach SPIEGEL-Informationen umfassende Reformen für die Finanzmärkte beschließen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,794812,00.html
Durchaus ein sehr sinnvolles Anliegen. Ich bin gespannt, was dabei heraus kommt...
5. Sonntag Morgen 8:00 Uhr
katanga1 30.10.2011
Das Beste Maßnahmenpaket von dem ich bisher gehört habe von unseren EU Oberen. Mal sehen wie stark denn nun die G20 "Gemeinschaft" ist. Wann und mit welchen Punkten wird man einknicken? Den Artikel werde ich mal bookmarken, um ihn später meinen Enkeln zu zeigen.
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G20
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Die G20 sind die Gruppe der 20 größten Volkswirtschaften. Sie umfasst Industrie- und Schwellenländer. Die G20 repräsentieren rund zwei Drittel der Weltbevölkerung und 90 Prozent des globalen Bruttosozialprodukts - folgende Länder gehören derzeit zu der Gruppe: Argentinien, Australien, Brasilien, China, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Indien, Indonesien, Italien, Japan, Kanada, Mexiko, Russland, Saudi-Arabien, Südafrika, Südkorea, Türkei, USA. mehr auf der Themenseite...

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