Stress im Job Zahl der psychischen Erkrankungen steigt auf Rekordhoch

Vor allem jüngere Berufstätige sind betroffen: Die Zahl psychischer Erkrankungen hat laut dem DAK-Gesundheitsreport 2010 einen neuen Höchststand erreicht. Die Betroffenen sind depressiv, ausgebrannt oder haben Schmerzen ohne körperliche Ursache.

Ausgebrannter Arbeitnehmer (Symbolbild): Unterforderung kann auch eine Ursache sein
Corbis

Ausgebrannter Arbeitnehmer (Symbolbild): Unterforderung kann auch eine Ursache sein


Berlin - Sie fühlen sich in ihrem Job unterfordert, sind gestresst, weil sie Kind und Beruf nicht ideal vereinbaren können oder empfinden die Bedingungen am Arbeitsplatz als belastend - und werden krank: Immer mehr Berufstätige in Deutschland fallen wegen psychischer Erkrankungen am Arbeitsplatz aus. Ihre Zahl ist laut dem DAK-Gesundheitsreport im vergangenen Jahr so stark gestiegen wie noch nie - und hat einen Rekordstand erreicht.

Demnach gab es im vergangenen Jahr 13,5 Prozent mehr Krankheitstage wegen psychischer Leiden als 2009. Depressionen und andere psychische Krankheiten machten ein Achtel des gesamten Krankenstands aus - und sind damit die vierthäufigste Ursache für Ausfälle im Job.

Der am Dienstag veröffentlichten DAK-Studie zufolge spielen diese Diagnosen inzwischen eine fast doppelt so große Rolle wie noch 1998. Das Problem ist sowohl für Arbeitnehmer als auch für Arbeitgeber besorgniserregend: Denn psychisch Erkrankte fallen mit durchschnittlich 28,9 Tagen sehr viel länger aus als andere Kranke.

Untersucht hat die DAK die Daten von 2,6 Millionen erwerbstätigen Beschäftigten. Nach Angaben eines Sprechers sind die Versicherten in dieser Kasse "relativ nah am Durchschnitt", was die Verteilung auf Alters- und Berufsgruppen angeht. Somit würden die Daten Rückschlüsse auf den Krankenstand aller Beschäftigten in Deutschland erlauben.

Jeder Zehnte unter 30 leidet unter Schmerzen ohne organische Ursache

Als besonders alarmierend bezeichneten die Experten die Entwicklung bei jungen Arbeitnehmern. Diesen Aspekt rückte die Kasse in den Mittelpunkt ihres Reports mit einer repräsentativen Befragung von Berufstätigen unter 30 Jahren. So nehmen psychische Krankheiten auch bei dieser Gruppe stark zu. Jeder Zehnte zwischen 15 und 29 Jahren hat Schmerzen oder andere körperliche Probleme ohne organische Ursache, oft begleitet von Depressionen. Knapp sechs Prozent haben Anpassungsstörungen - also Probleme, mit wichtigen Lebensveränderungen umzugehen.

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Grafiken: Wachsender Psychostress bei Arbeitnehmern
Rund 60 Prozent der befragten jungen Arbeitnehmer gaben an, sie könnten mehr leisten als im Job verlangt wird. "In der Arbeitsorganisation und im betrieblichen Gesundheitsmanagement sollte der Fokus nicht nur auf Überforderung und Burnout gerichtet sein, sondern auch darauf, wie sich Unterforderung auswirkt", sagte DAK-Chef Herbert Rebscher. Das könne auch Stress verursachen.

Generell steigt das Risiko, psychisch zu erkranken, bis zum 44. Lebensjahr an. Danach nimmt die relative Bedeutung psychischer Erkrankungen (bei insgesamt steigendem Krankenstandsniveau) dann wieder ab. Die Experten vermuten, dass dieser Verlauf mit "der vielfach in der Lebensmitte beobachteten Häufung von Krisen und Konflikten (der sogenannten "Midlife-Crisis")" zusammenhängt. Konflikte um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die Karriereplanung und Überlastungssymptome könnten die Probleme hervorrufen.

Krankenstand trotz Aufschwungs stabil

Neben der Zunahme psychischer Erkrankungen sorgt die Experten noch ein weiteres Phänomen: Inzwischen gehörten auch bei den Unter-30-Jährigen Fettsucht und Bluthochdruck mit einem Anteil von jeweils knapp sechs Prozent zu den 40 am häufigsten behandelten Krankheiten. Schon bei jungen Erwachsenen entwickelten sich teure Zivilisationskrankheiten. "Hier lassen sich Warnzeichen für spätere chronische Erkrankungen wie Diabetes und Arteriosklerose erkennen", sagte Rebscher.

Insgesamt blieb der Krankenstand mit 3,4 Prozent im Wirtschaftsaufschwung unverändert. Ein Krankenstand von 3,4 Prozent heißt, dass an einem Tag im Schnitt 34 von 1000 versicherten Arbeitnehmern krankgeschrieben waren. Unbeachtet bleiben bei dieser Berechnung die Fehltage ohne Krankschreibung.

yes/dpa

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insgesamt 195 Beiträge
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Seite 1
Spiegeleii 15.02.2011
1. Wir
müssen jetzt für mehr Wachstum und Aufschwung sorgen, damit wir den Depressiven die Pillen finanzieren können-wiederum Wachstumsimpuls für die Pharmaindustrie. Wachstum macht glücklich, immer höhere Produktivität macht glücklich und stolz. Und nichts hinterfragen bitte, wir konkurieren mit China da gibts keine Depressionen.
blue_plasma, 15.02.2011
2. Flott, flott...
wieder ein Artikel, der unsere Arbeitswelt anklagt. Aber was wird passieren? Nix! Weil in unserer Gesellschaft "Lebensqualität" ein belächelter Wert ist. Was zählt sind die harten Fakten, wie Geld, Umsatz, Deckungsbeitrag und was weiss ich. Und solange aus den liberalistischen BWL-Fakultäten kleine Ackermänner strömen wird sich das leider nicht ändern.
ElGrande-CG, 15.02.2011
3. .
Zitat von sysopVor allem jüngere Berufstätige sind betroffen: Die Zahl psychischer Erkrankungen hat laut dem DAK-Gesundheitsreport 2010 einen neuen Höchststand erreicht. Die Betroffenen sind depressiv, ausgebrannt oder haben Schmerzen ohne körperliche Ursache. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,745634,00.html
Tja, die einen leben am Existenzminimum, weil angeblich keine Arbeit da ist und müssen sich auch noch als Faulenzer beschimpfen lassen und die anderen werden im Beruf derart ausgequetscht, dass es an Körperverletzung grenzt. Wir haben genug Arbeit, mann muss sie nur richtig auf die Leute verteilen.
sponwurm 15.02.2011
4. Lesen Sie den dieswöchigen SPIEGEL-Titel,
Zitat von sysopVor allem jüngere Berufstätige sind betroffen: Die Zahl psychischer Erkrankungen hat laut dem DAK-Gesundheitsreport 2010 einen neuen Höchststand erreicht. Die Betroffenen sind depressiv, ausgebrannt oder haben Schmerzen ohne körperliche Ursache. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,745634,00.html
dann ist es wahrscheinlich nur noch die Hälfte. Aber das ist immer noch viel zu viel. Ergänzend ist zu empfehlen: Richard Sennett; Der flexible Mensch.
rsi 15.02.2011
5. Tja...
vor tausend Jahren im Wald war das Leben viel leichter und stressfreier. Den ganzen Tag an der frischen Luft ist einfach viel besser für Leib und Seele. Vielleicht werden wir aber auch genetisch immer zerbrechlicher und den Anforderungen des Lebens nicht gewachsen. Beides möglich, denke ich. Vielleicht fällt aber auch den Redaktionen keine ernsthafte Katastrophe mehr ein, mit der sich Umsatz und Gewinn weiter steigern lässt. Vielleicht hätte auch das Geld für diesen Artikel stattdessen besser einen armen Menschen in der Welt vor dem Hungertod retten können.
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