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Stromausfall in den Niederlanden: Technischer K.o. für eine Nation

Von , Den Haag

Amsterdam: Ohne Strom nichts los Fotos
AP/dpa

Ampeln und Notrufnummern fielen aus, Telefone blieben stumm, Züge wurden evakuiert: In den Niederlanden war am Freitag zu beobachten, was passiert, wenn in einer modernen Volkwirtschaft der Strom ausfällt.

In den Niederlanden erlahmte am Freitag das Leben in weiten Teilen des Landes. In einer Hochspannungsstation war es am Morgen zu einer Störung gekommen. Die Folgen verbreiteten sich innerhalb kurzer Zeit über das Land. Der Vorfall zeigt, wie abhängig eine Industrienation von ihrer Energieversorgung ist - und er wirft die Frage auf, wie so etwas in einem modernen Land passieren kann, das sich europaweit seiner guten Infrastruktur rühmt.

Was man bislang über den Vorfall weiß: Um 9.40 Uhr kam es in einer Hochspannungsstation in Diemen, einem Vorort von Amsterdam, zu einem "technischen Defekt", wie der Stromkonzern Liander es nannte. Zwar hatte der Netzbetreiber Tennet das Problem nach einer Stunde behoben - die Folgen aber waren enorm.

Der Stromausfall traf die wirtschaftsstarke Provinz Nordholland, zu der auch die Hauptstadt Amsterdam gehört. Störungen zogen sich aber auch weit nach Norden in die Provinz Flevoland und in den Süden, bis nach Den Haag und Rotterdam.

In Schiphol, einem der größten Flughäfen Europas, wurden Abflüge am Morgen gestrichen. Maschinen konnten nicht mehr landen und wurden nach Brüssel und auf andere Flughäfen umgeleitet.

Der Telekommunikationsanbieter T-Mobile teilte mit, dass 70 Prozent der Sendemasten in dem betroffenen Gebiet nicht mehr funktionierten. Weil die Batterien der Masten jeweils nur Kapazität für ein bis drei Stunden haben, fiel nach und nach auch der Rest aus.

In mehreren Städten, darunter Amsterdam, schlossen Schulen und schickten die Schüler nach Hause, berichtete der öffentlich-rechtliche Sender NOS. Auch Supermärkte machten dicht, weil ihre Kassen und Diebstahlsicherungen nicht mehr funktionierten.

Um 10.16 rief die Polizei über Twitter auf, die Notrufnummer 112 nicht mehr anzurufen, um eine Überlastung des Netzes zu verhindern. Eine Stunde später wies sie darauf hin: Bei ausgefallenen Ampeln gelte rechts vor links. "Auch für Fahrradfahrer." Im Universitätsklinikum Amsterdam wurden die noch laufenden Operationen mit Energie aus Notstrom-Aggregaten versorgt, aber keine neuen begonnen.

Die Polizei verstärkte ihre Präsenz in Einkaufszentren, um Sicherheit und Ordnung zu wahren, und auf die Straßen, um den Verkehr von Hand zu regeln. Die Feuerwehren eilten zu Bürogebäuden, um Leute aus stehengebliebenen Aufzügen zu befreien. Die Verkehrsgesellschaften und die niederländische Bahn evakuierten Züge und Metros, die auf offener Strecke stehen geblieben waren.

Problem könnte in der Komplexität des Systems liegen

Noch ist unklar, wie groß der finanzielle Schaden ist. Kunden haben ein Recht auf Schadensersatz erst, wenn der Strom länger als vier Stunden ausfällt. Schaden entstand aber auch indirekt, weil Verkehrsbetriebe beispielsweise Ersatzbusse einsetzen mussten und Websites von Firmen nicht mehr erreichbar waren.

Wie es zu der Panne kommen konnte, ist noch unklar. Normalerweise würde bei einem Ausfall einfach auf andere Hochspannungsleitungen und -einrichtungen umgeschaltet. Warum dies am Freitag eine Stunde dauerte, muss der Betreiber der Hochspannungsleitungen - Tennet - klären. Die Netze mit niedrigerer Spannung und die Anschlüsse der Haushalte werden dagegen vom regional operierenden Unternehmen Liander betrieben, das versprach, bis zum Nachmittag die einzelnen Gemeinden wieder ans Netz zu bringen.

In dieser Zweiteilung und in der Komplexität des Systems könnte auch die Hürde liegen, die im Ernstfall schwere Probleme verursachen kann - so zumindest die ersten Vermutungen. Näheres dazu gibt es bislang aber nicht.

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insgesamt 93 Beiträge
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1. Usa
Walther Kempinski 27.03.2015
Wenn das in den USA passiert wäre, würden wir hier jetzt viel über die dummen Amis lesen, die vor Geldgier ihr Stromnetz kaputt gespart haben. Nun jedoch muss man sich irgendwelche Käse-Sprüche anhören und dass die Holländer mit ihren Wohnwägen die Autobahnen verstopfen. Nur eine Frage der Zeit...
2. Buchempfehlung:
mikefox 27.03.2015
Marc Elsberg "Blackout"
3. Zweiteilung ist das Problem
wolfi55 27.03.2015
Hm, aber gerade das wurde doch als großer Fortschritt gepriesen. Und so wurde das RWE-Netz an 50Hertz gegeben, das von Eon an Tennet-TSO, das von Vattenfall am Amprion und die EnBW hat ihre Tochter TransnetBW. Vileleicht sollte man mal der Bundesnetzagentur und deren Entscheider den Strom abstellen. Dann fangen vileleicht auch die Marktwirtschaftler das denken an.
4. Das droht in Deutschland auch wo Tennet leitet
Affenhirn 27.03.2015
Wer seine Anlagen aus Kostengründen so auf Kante fährt, wie Tennet, wird über kurz oder lang, auf die Weise zahlen müssen, wie jetzt in den Niederlanden. Insgesamt ist die Billigmasche also mal wieder eine Milchmädchenrechnung. Wird also in Deutschland in den Tennet-Netzen auch irgendwann drohen - ganz ohne Terrorismus. Naja, der Terrorismus hier ist der bedingungslose Sparzwang der Kaufleute ohne Verständnis für technische Erfordernisse.
5. Schlagzeile geändert
Jotrocken 27.03.2015
Ah, Spon hat inzwischen die Schlagzeile geändert. Vorhin konnte man der Schlagzeile noch entnehmen, dass Spon den Unterschied zwischen Holland und den Niederlanden nicht kennt. Das wurde nun wohl korrigiert.
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