Energiewende Ausbau der Stromnetze ist bedenklich langsam

In Deutschland müssen gut 1800 Kilometer neue Stromleitungen verlegt werden, damit die Energiewende gelingt. Nach SPIEGEL-ONLINE-Informationen ist derzeit jedoch erst rund ein Drittel fertig.

Stromtrasse
dapd

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Ein zentrales Projekt der Energiewende kommt nur im Schneckentempo voran. Von den rund 1800 Kilometern Höchstspannungsleitung, der sogenannten EnLag-Trassen, die laut Bundesregierung vorrangig gebaut werden müssen, sind erst gut 650 Kilometer - also gut 35 Prozent - fertiggestellt. Das geht aus dem Zwischenbericht der Bundesnetzagentur hervor, der SPIEGEL ONLINE vorliegt. Bis Ende 2017 sollen erst 45 Prozent der EnLag-Trassen realisiert sein.

Damit steht jetzt schon fest, dass der Zeitplan kaum einzuhalten sein wird. Denn bis 2022, wenn das letzte Atomkraftwerk vom Netz geht, soll der Ausbau abgeschlossen sein, wenn es nicht zu Engpässen in der Energieversorgung kommen soll. Die Planungsverfahren sind erst für 850 Kilometer abgeschlossen. Und angesichts der vielen Unwägbarkeiten, die solche Verfahren bergen - Verwaltungsklagen inbegriffen - wagen auch Experten keine Prognose, wie lange es dauern wird, bis der Prozess abgeschlossen ist.

Der Ausbau der Stromnetze ist für die deutsche Energiewende essenziell wichtig. Ohne die neuen Leitungen können beispielsweise die immer größeren Strommassen, die Windräder an und vor der deutschen Küste erzeugen, nicht in den Süden des Landes transportiert werden, wo viele Industrieunternehmen angesiedelt sind.

Der Leitungsbau stockt nicht zuletzt, wegen eines seit Jahren schwelenden Streits darüber, wo genau die neuen Stromtrassen verlaufen sollen. Regionalpolitiker, allen voran Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU), sperrten sich in der Vergangenheit dagegen, dass die bei Bürgern unbeliebten Leitungen ihre Hoheitsgebiete überspannen.

Die Bundesregierung hatte kürzlich einen Kompromiss erzielt, dem zufolge wichtige Trassenabschnitte durch Deutschland unterirdisch verlaufen. Von diesen Projekten, bei denen sogenannte Erdkabel zum Einsatz kommen, sei aber bislang noch keines in Angriff genommen worden, heißt es im dem Monitoringbericht. Lediglich in der Gemeinde Raesfeld bereite der Stromnetzbetreiber Amprion bislang ein entsprechendes Projekt vor.

Auch der Bau der weniger wichtigen, aber dennoch für die Energiewende notwendigen Stromleitungen hinkt den Planungen hinterher. Laut dem sogenannten Bundesbedarfsplan müssen insgesamt Leitungen mit einer Länge von 6100 Kilometern gebaut werden. Hiervon seien im zweiten Quartal 2016 gerade einmal 350 Kilometer genehmigt gewesen, heißt es im Monitoringbericht. Nur 69 Kilometer seien fertig gebaut.

Der Grünen-Fraktionsvize Oliver Krischer nennt den schleppenden Ausbau eine "Bankrotterklärung der Großen Koalition". "Dass Deutschland mit dem Netzausbau Jahre hinterherhinkt, verdanken wir einer Großen Koalition, die dem Seehofer-Populismus wieder einmal nachgeben hat", sagt er.

Der Monitoringbericht ist die alljährliche Bestandsaufnahme der Bundesnetzagentur zum deutschen Strommarkt. Deutschlands oberste Kontrollbehörde für dieses Marktsegment gibt ihn einmal jährlich im November heraus.



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