Strompreise Verbraucher zahlen Nachlass für die Industrie

Die Ausnahmeregeln für energieintensive Industrieunternehmen belasten private Stromverbraucher offenbar härter als vermutet. Wie die "Frankfurter Rundschau" berichtet, müssen kleine Unternehmen und Verbraucher allein 2012 Vergünstigungen in Höhe von 440 Millionen Euro finanzieren.

Arbeiter an Überlandleitung: Verbraucher zahlen der Industrie die Zeche
Getty Images

Arbeiter an Überlandleitung: Verbraucher zahlen der Industrie die Zeche


Frankfurt am Main - Energieintensive Industriebetriebe sind von der Zahlung der sogenannten Netzentgelte befreit, alle anderen Stromverbraucher müssen für sie mitzahlen. Diese Ausnahmeregelungen werden die Strompreise laut "Frankfurter Rundschau" ("FR") im kommenden Jahr für kleinere Stromverbraucher spürbar in die Höhe treiben. Wie die Zeitung unter Berufung auf die Bundesnetzagentur berichtet, ist bislang für 178 Unternehmen die Befreiung von den sogenannten Netzentgelten genehmigt worden.

Weil aber erst rund 80 Prozent der Anträge abgearbeitet seien, dürften insgesamt vermutlich weit über 200 Unternehmen in den Genuss der Befreiung kommen - deutlich mehr als geplant. Die dort verloren gegangenen Beträge müssten nun hauptsächlich von privaten Haushalten und kleineren Unternehmen aufgebracht werden. In diesem Jahr seien so insgesamt 440 Millionen Euro an Vergünstigungen zu finanzieren.

Hintergrund ist laut "FR" eine Ausnahmeregelung, die im vergangenen Sommer von der schwarz-gelben Regierungsmehrheit im Bundestag beschlossen wurde und rückwirkend seit Anfang 2011 gilt. Sie sieht vor, dass Unternehmen, die mehr als zehn Gigawattstunden Strom pro Jahr verbrauchen und sehr kontinuierlich Strom abnehmen, von den für sie ohnehin deutlich reduzierten Netzentgelten, also den Gebühren für die Nutzung des Stromnetzes, gänzlich ausgenommen werden.

2013 wird nachgezahlt

Die dort verloren gegangenen Beträge müssen dem Bericht zufolge nun über eine Umlage hauptsächlich von Kleinkunden getragen werden, die jährlich weniger als 100.000 Kilowattstunden verbrauchen. Die Bundesnetzagentur hatte die Umlage für Kleinverbraucher für das Jahr 2012 auf 0,151 Cent festgelegt. Damit sollen insgesamt 440 Millionen Euro an Vergünstigungen finanziert werden, von denen 300 Millionen auf die umstrittene neue Ausnahmeregel für die Industrie entfallen.

Doch diese 300 Millionen Euro sind offenbar viel zu niedrig angesetzt. Die Netzagentur entschied sich im Dezember vergangenen Jahres für diese Summe, als nur etwa hundert Anträge auf Netzentgeltbefreiung eingegangen waren. Offiziell abgerechnet wird erst im Oktober, dann müssen die Stromnetzbetreiber die Höhe der Umlage für das Jahr 2013 bekanntgeben.

Wie die "FR" berichtet, geht die Bundesnetzagentur intern davon aus, dass schon die Summe für dieses Jahr zu niedrig festgesetzt wurde und die Umlage schon im kommenden Jahr drastisch ansteigen wird. Denn die Fehleinschätzung für 2012 wird dann doppelt in Rechnung gestellt: Die zu niedrigen Einnahmen aus dem Jahr 2012 müssten 2013 nachgeholt werden.

Auch die Opposition erwartet, dass das Geschenk der Regierung an die großen Industrieunternehmen für kleine und private Stromverbraucher richtig teuer wird. Bärbel Höhn, die Energieexpertin der Grünen, sagte dem Blatt: "Wir gehen davon aus, dass sich die Umlage mindestens verdoppeln wird."

nck/dapd

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 268 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
fort-perfect 13.08.2012
1. Wer
Zitat von sysopGetty ImagesDie Ausnahmeregeln für energieintensive Industrieunternehmen werden private Stromverbraucher offenbar härter treffen als vermutet. Wie die "Frankfurter Rundschau" berichtet, müssen kleine Unternehmen und Verbraucher allein 2012 Vergünstigungen in Höhe von 440 Millionen Euro finanzieren. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,849672,00.html
hat denn geglaubt, dass staatliche Institutionen richtig rechnen würden? Die Bundesnetzagentur wird auf Anweisung der Bundesregierung dem Endverbraucher schon geschönte Zahlen präsentiert haben. Es macht sich schliesslich besser, wenn man nachträglich ein bischen an der Preisschraube dreht..... die Empörungswelle ist niedriger! Ausserdem haben Kleinunternehmen und Privatkunden nicht die entsprechenden Lobbyvertreter beim Bund und pseudodemokratische Wahlen finden eh nur alle 4 Jahre statt..... bis dahin hat die Masse sich an die Stromtarife gewöhnt.
EchoRomeo 13.08.2012
2. Wer bestellt, der bezahlt
Nicht die Unternehmen haben sich von Grünen und Bessermenschen in die Atompanik treiben lassen und träumen weiter den Traum von der "Lieben Sonne, die keine Rechnung schickt". Es ist langsam an der Zeit, daß die politisch zur Kasse gebeten werden, die mit ihrer perfiden Panikmache und den Aaaaangst-Szenarien das alles verursacht haben. Ja, genau, wissen wir aber schon: Die haben es ja nur "gut gemeint". Und leider funktionieren ihre Lösungen nur in Okomärchen auf dem buntem Papier von Bäumen in Bodenhaltung.
Liquid 13.08.2012
3. Genauso...
Zitat von sysopGetty ImagesDie Ausnahmeregeln für energieintensive Industrieunternehmen werden private Stromverbraucher offenbar härter treffen als vermutet. Wie die "Frankfurter Rundschau" berichtet, müssen kleine Unternehmen und Verbraucher allein 2012 Vergünstigungen in Höhe von 440 Millionen Euro finanzieren. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,849672,00.html
stelle ich mir als kleiner unternehmer die freie marktwirtschaft vor. den kleinen legt man steine in den weg wo es nur geht, lässt sie krachen gehen, zockt sie ab und den großen konzernen und banken, schiebt man es rein wo es nur geht, auch wenn sie unternehmerisch nichts auf die reihe kriegen. größe macht's eben!
pömpel 13.08.2012
4.
Zitat von EchoRomeoNicht die Unternehmen haben sich von Grünen und Bessermenschen in die Atompanik treiben lassen und träumen weiter den Traum von der "Lieben Sonne, die keine Rechnung schickt". Es ist langsam an der Zeit, daß die politisch zur Kasse gebeten werden, die mit ihrer perfiden Panikmache und den Aaaaangst-Szenarien das alles verursacht haben. Ja, genau, wissen wir aber schon: Die haben es ja nur "gut gemeint". Und leider funktionieren ihre Lösungen nur in Okomärchen auf dem buntem Papier von Bäumen in Bodenhaltung.
Und wenn wir nicht ausgestiegen wären und es einen Unfall gegeben hätte? Wer hätte das gezahlt? nur diejenigen die für Atomkraft waren? wohl eher nicht. Ganz Deutschland wäre verseucht nicht nur die Atomkraftbefürworter. Zum Netzentgeld: Dass die größten Firmen am wenigsten Zahlen ist ne sauerei. Ich meine ein Mengenrabatt in unvorstellbarer Dimension ist eine Sache aber sie vom Netzgeld zu befreien ist doch unsinnig, immerhin bekommen sie ihre Private Leitung gelegt und müssen nicht mal dafür zahlen.
eduardschulz 13.08.2012
5.
Zitat von sysopGetty ImagesDie Ausnahmeregeln für energieintensive Industrieunternehmen werden private Stromverbraucher offenbar härter treffen als vermutet. Wie die "Frankfurter Rundschau" berichtet, müssen kleine Unternehmen und Verbraucher allein 2012 Vergünstigungen in Höhe von 440 Millionen Euro finanzieren. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,849672,00.html
Dass durch das Grünstromprivileg fast vier Billionen kWh ebenfalls von der EEG-Umlage befreit sind, das allerdings erfährt der geneigte Leser in diesem Medium nicht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.