Energiewende Hier sollen Deutschlands Stromautobahnen verlaufen

Für die Energiewende plant die Bundesregierung zwei gigantische unterirdische Stromtrassen quer durch die Republik. Jetzt gibt es erstmals konkrete Vorschläge für deren Verlauf.

Kunststoffrohre für Strom-Erdkabel
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Kunststoffrohre für Strom-Erdkabel

Von (Text) und Aida Marquez (Grafik) 


Der Bau zweier riesiger Stromtrassen quer durch Deutschland ist eines der größten Infrastrukturprojekte des laufenden Jahrzehnts - und eines der größten Streitthemen der Republik. Nun geht das Projekt in die heiße Phase.

Die Stromnetzbetreiber Tennet und Transnet haben ihre Vorschläge für die neuen Leitungen ausgearbeitet. Aus diesen Vorschlägen soll bis 2017 der exakte Verlauf der beiden Trassen festgelegt werden.

Wie aus den Plänen hervorgeht, sollen die neuen Leitungen jedenfalls deutlich weiter im Osten Deutschlands verlegt werden als ursprünglich geplant. Die empfohlenen Varianten für den Trassenverlauf können Sie der Karte entnehmen:

Die neuen Leitungen sind dringend nötig, um die deutsche Energiewende

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voranzubringen. In der Nord- und Ostsee und an den Küsten gehen immer neue Windparks ans Netz und produzieren gewaltige Mengen Strom. Die beiden Trassen sollen diesen in den industriereichen Süden der Republik transportieren.

Doch wegen des Trassenbaus gab es in den vergangenen Jahren immer wieder heftigen Streit. Hunderte von Bürgerbewegungen protestierten dagegen und warnten unter anderem vor einer Verschandelung der Landschaft und einem drohenden Werteverfall von Immobilien in der Nähe der geplanten Leitungen. Auch CSU-Chef Horst Seehofer blockierte das Projekt lange. Er sprach von "Monstertrassen" in Bayern, die es unbedingt zu verhindern gelte.

Im Oktober 2015 einigte sich die Regierung schließlich auf einen komplizierten - und teuren - Kompromiss: Statt riesige neue Strommasten zu bauen, sollen nun sogenannte Erdkabel verlegt werden. Bei diesem Verfahren werden mit Pflügen Schächte in die Erde gebuddelt und die mit Kunststoffrohren ummantelten Stromstrippen dort hineingelegt.

Die unterirdischen Stromautobahnen werden nach Schätzung der Regierung die Baukosten um drei bis acht Milliarden Euro im Vergleich zu Freileitungen verteuern. Da das auf die Stromtarife umgelegt wird, kommen auf den Durchschnittshaushalt bis zu zehn Euro im Jahr Mehrkosten zu. Ein typischer Industriebetrieb muss demnach bis zu 160.000 und eine Gewerbefirma bis zu 11.000 Euro zusätzlich aufbringen.

Die Vorschläge von Tennet und Transnet werden nun von der Bundesnetzagentur geprüft. Auch die Bürger können sich ab sofort an dem Verfahren beteiligen und auf einer eigens eingerichteten Webseite ihre Wünsche und Anmerkungen einreichen. Im Jahr 2025 sollen die Leitungen fertig gebaut sein.

Seehofer reklamiert die neuen Vorschläge der Netzbetreiber schon als politischen Sieg für sich. "Das ist ein voller Erfolg", sagte er dem "Münchner Merkur".

Die Opposition dagegen kritisiert Seehofers Rolle im Trassenstreit. "Der Populismus der CSU hat den Netzausbau um Jahre zurückgeworfen und um Milliarden teurer gemacht", sagt der Grünen-Fraktionsvize Oliver Krischer. Die Zeche zahlten nun die Verbraucher.

Eva Bulling-Schröter, die Energieexpertin der Linken, monierte, dass die hohe Rendite der Netzbetreiber die Kosten für die Verbraucher unnötig in die Höhe treibe. Derzeit erhalten die vier Netzbetreiber Tennet, TransnetBW, Amprion und 50Hertz sowie die kommunalen Netzbetreiber auf Neuinvestitionen eine Garantie von 9,05 Prozent Eigenkapitalrendite, bei Investitionen in Altanlagen sind es 7,41 Prozent.

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syracusa 27.09.2016
1. die Mehrkosten der unterirdischen Leitungen können wir uns leisten
Die Mehrkosten der unterirdischen Leitungen können wir uns leisten. Wir erreichen damit eine sehr viel höhere Zustimmung der Bürger dafür, und diese Zustimmung ist mehr wert als diese 3 bis 8 Mrd Euro Mehrkosten.
treuhand333 27.09.2016
2. Auch wenn am Ende
nicht 8 Mrd. sondern 22 Mrd. Kosten auflaufen, ist es ein großer Gewinn für den Bürger. Wenn wir dabei sehen, wofür wie viel mehr Geld "verbraten", sind das doch nur Peanuts; und zumindest hier mit Sinn und Nutzen.
holzheizer 27.09.2016
3. Artikel dürfte ruhig etwas konkreter sein
Statt blumiger Begriffe wie "mit Kunststoffrohren ummantelten Stromstrippen" wäre gut zu hören, ob es sich um Wechselspannung oder um Gleichspannung handelt. Das Handling mit Wechselspannung ist zwar einfacher, die Verlust sind aber höher. Gleichspannungsübertragungen sind teuerer aber wiederum verlustärmer. Wie hoch ist die Spannung? Von welchen Stromstärken reden wir hier? So bleiben viele Fragen offen.
mauerfall 27.09.2016
4.
Zitat von syracusaDie Mehrkosten der unterirdischen Leitungen können wir uns leisten. Wir erreichen damit eine sehr viel höhere Zustimmung der Bürger dafür, und diese Zustimmung ist mehr wert als diese 3 bis 8 Mrd Euro Mehrkosten.
Mehrkosten entstehen nicht nur beim Bau, die Wartung wird auch erheblich teurer!
willi_ac 27.09.2016
5. 8 Mrd. Mehrkosten ...
... umgelegt auf 80 Mio. Einwohner und abgeschrieben über 20 Jahre macht bei quasi 0%-Finanzierung 5 Euro pro Einwohner und Jahr. Ist zwar immer noch Geld, aber unfinanzierbar ist das nicht - man kann eine ernsthafte Debatte darüber führen. Viele der im Text genannten Schlagworte helfen hingegen nicht weiter - weder die "Monstertrasse" noch der "volle Erfolg". Was als Problem bei solch großen Infrastrukturprojekten dazu kommt ist, dass möglicherweise ein Technologiesprung in der Bau- oder Nutzungsphase erfolgt (z.B. billiger Stromspeicher, Fortschritte bei Power-to-Gas), der diese Investition entwertet. Dieses Risiko bremst sicherlich manche Entscheidungsträger.
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