Streit ums Energienetz Süddeutschland muss höhere Strompreise fürchten

Die Engpässe im deutschen Stromnetz sind nach Informationen von SPIEGEL ONLINE weiter gestiegen. CSU-Chef Seehofer sperrt sich dennoch gegen neue Leitungen in Bayern. Künftig könnte Strom im Süden teurer sein als im Norden.

Hochspannungsleitung: Strom in Bayern könnte teurer werden
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Hochspannungsleitung: Strom in Bayern könnte teurer werden

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Berlin - Der Unmut der Bundesregierung über Bayerns Ministerpräsidenten Horst Seehofer (CSU) nimmt zu. Weil er sich gegen den Bau von zwei neuen Stromtrassen bis nach Bayern sträubt, droht man ihm hinter vorgehaltener Hand schwere Konsequenzen an: Wenn die Leitungen nicht kommen, müsste der deutsche Strommarkt bald in zwei Preiszonen aufgespalten werden, heißt es nach Informationen von SPIEGEL ONLINE im Bundeswirtschaftsministerium. Ein massiver Anstieg der Strompreise für Bayerns Verbraucher könnte die Folge sein.

Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) und Seehofer streiten seit Monaten über die Trassen. Seehofer will zumindest eine verhindern, am liebsten beide. Denn es gibt gegen die Leitungen großen Widerstand in der Bevölkerung. Gabriel und die ihm unterstehende Bundesnetzagentur halten ihren Bau dagegen für unverzichtbar. Denn durch die Energiewende muss immer mehr Strom aus dem windreichen Norden und Osten der Republik in den industriereichen Süden transportiert werden. Die vorhandenen Stromnetze stoßen dabei zusehends an ihre Grenzen.

Um Engpässe in den Leitungen zu überwinden, müssen die Betreiber der Übertragungsnetze immer öfter Stromproduzenten in Norddeutschland anweisen, weniger Elektrizität ins Netz einzuspeisen, und Stromproduzenten im Süden anordnen, ihre Produktion zu steigern. Im Fachjargon heißen solche Maßnahmen Redispatch.

Die Dauer solcher Eingriffe hat sich zwischen 2010 und 2014 verfünffacht. Im vergangenen Jahr mussten rund 8116 Stunden lang Redispatch-Maßnahmen durchgeführt werden, heißt es in noch unveröffentlichten Zahlen der Bundesnetzagentur, die SPIEGEL ONLINE vorliegen.

Ihr Gesamtvolumen habe bei 5131 Gigawattstunden gelegen; das entspricht dem jährlichen Stromverbrauch von gut 1,4 Millionen Vier-Personen-Haushalten. Gut die Hälfte der Engpässe seien in nur zwei Leitungen zwischen Nord- und Süddeutschland aufgetreten.

Die Kosten für den Redispatch müssen letztlich die Verbraucher tragen. 2013 lagen sie bei 115 Millionen Euro, 2014 dürften sie weiter gestiegen sein, schreibt die Bundesnetzagentur. Werden die zwei Leitungen nach Bayern nicht gebaut, dürften die Engpässe in den kommenden Jahren noch schlimmer werden. Denn in Norddeutschland und vor der norddeutschen Küste gehen weiter neue Windräder ans Netz, im Süden der Republik sollen hingegen bald die nächsten Atomkraftwerke abgeschaltet werden.

Im Wirtschaftsministerium ist man deshalb besorgt. "Der einheitliche deutsche Strommarkt ist schon jetzt immer öfter eine Fiktion", sagt ein Beamter SPIEGEL ONLINE. "Wenn sich die Engpässe weiter verschlimmern, ist diese Fiktion irgendwann nicht mehr aufrechtzuerhalten."

Eine Aufspaltung wäre schmerzhaft für alle

Offiziell teilt das Wirtschaftsministerium mit, dass es eine Aufsplittung des deutschen Strommarkts in zwei Preiszonen "nicht befürwortet". Man stelle sich jedoch die Frage, ob es dafür nicht doch die "Notwendigkeit geben könnte, wenn die Netzengpässe nicht in absehbarer Zeit beseitigt werden".

Inoffiziell heißt es: "Der Kipppunkt ist erreicht, wenn kein Wille mehr erkennbar ist, die Engpässe möglichst bald zu beseitigen." Dies wäre der Fall, wenn Seehofer sich weiter weigere, die zwei Leitungen nach Bayern zu bauen.

Eine Aufspaltung des deutschen Strommarkts wäre für alle Beteiligten schmerzhaft. Laut Berechnungen des deutschen Netzbetreibers 50 Hertz könnten die Börsenstrompreise in Süddeutschland in der Folge um bis zu sechs Euro pro Megawattstunde steigen. Insgesamt könnte die deutsche Stromversorgung durch Ineffizienzen pro Jahr um gut 600 Millionen Euro teurer werden. Auch die Bundesregierung kann an einer solchen Ultima Ratio also tatsächlich kein Interesse haben.

Eine leere Drohung ist die Aufspaltung des deutschen Strommarkts dennoch nicht. Denn unbegrenzt lassen sich die Redispatch-Maßnahmen nicht steigern. Für die Betreiber der Stromnetze gibt es vor allem drei Begrenzungen:

  • Sie müssen sich, erstens, zum Teil auch Kapazitäten in ausländischen Kraftwerken sichern, damit die Nachfrage in Süddeutschland trotz Netzengpässen immer gedeckt ist; diese Kapazitäten stehen aber nicht unbegrenzt zur Verfügung.
  • Die Netzbetreiber müssen, zweitens, operativ in der Lage sein, die Versorgung in ganz Deutschland trotz Netzengpässen zu sichern. Je öfter und länger Redispatch aber nötig wird, desto schwieriger werden diese operativen Anforderungen.
  • Die Betreiber der Stromnetze müssen, drittens, stets die Versorgungssicherheit der kommenden Jahre mitdenken. Denn der Bau neuer Stromleitungen braucht seine Zeit, und bis die Leitung fertig ist, dürfte der Redispatch weiter zunehmen .

Wie viel Luft die Übertragungsnetzbetreiber derzeit noch haben, ist ihr Betriebsgeheimnis. Die Aufsplittung des deutschen Strommarkts aber sei ohne die zwei neuen Trassen nach Bayern ein "sehr reales Szenario", heißt es im Umfeld der Bundesregierung. Sehr lange könne sich Seehofer nicht mehr gegen den Bau der neuen Leitungen stemmen.

Zusammengefasst: Das Wirtschaftsministerium droht Bayern damit, den deutschen Strommarkt in zwei Preiszonen aufzuteilen - sollte der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) im Streit um den Stromtrassenbau nicht einlenken. Für bayerische Stromkunden könnte das teuer werden.

Grafik: Mögliche Stromtrassen
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Grafik: Mögliche Stromtrassen

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ClausWunderlich 05.03.2015
1.
Und wo ist das Problem? Gerade die Unions Politiker wollen doch mehr Markt. Und wenn wie hier ein Bundesland etwas nicht will dann paßt der Makt sich eben an. Vieleicht ist es den Bayern in der Mehrheit sogar recht. Also lieber was mehr Zahlen aber dafür keine Stromtrassen.
spon-facebook-837979585 05.03.2015
2. Kein Problem für Bayern
Wenn es mit dem Länderfinanzausgleich verrechnet wird. (Was natürlich nichts daran ändert, dass Seehofers wider jegliche Logik dem CSU eigenen Populismus fröhnt)
wo_st 05.03.2015
3. EnBW ..
Die EnBW hat schon in früheren Zeiten Strom in Norwegen eingekauft. Wie kam der von Nord nach Süd? Ich glaube fest, dass der Bürger mal wieder verarscht wird.
brunellot 05.03.2015
4. Widerstand in Bayaaaan!
"Denn es gibt gegen die Leitungen großen Widerstand in der Bevölkerung (von Bayern)" Das ist so nicht richtig: Der Widerstand ist lokal dort angesiedelt, wo Trassen gebaut werden sollen. Über das Bundesland Bayern verteilt gibt es gar keinen großen Widerstand gegen die Trassen und dieser wird spätestens dann verschwinden, wenn er sich auf der Stromrechnung mit höheren Preisen bemerkbar macht. Herr Seehuber hat sich da in eine populistische ("ich bin der Robin Hood aus Bayaaan") Ecke hineinmanövriert, aus der er ohne massiven Gesichtsverlust schwerlich wieder heraus kommt. So viel zum politischen Gespür des Landesvaters...
dieteroffergeld 05.03.2015
5. @ Herrn Schultz
Der geneigte Leser möchte Herrn Schultz darauf hinweisen, dass er seinem Artikel auch die Wahrscheinlichkeit hätte anfügen können, Erzeuger und Lieferanten werden auch anderswo dann die Preise erhöhen und somit höhere Gewinne generieren gelt.
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