Studie Deutsche Patienten sind Rekordhalter bei Kernspin-Untersuchungen

Die Deutschen gehen häufig zum Arzt, fast jeder zweite Bürger lässt sich pro Jahr von mindestens vier Medizinern behandeln. Bei den teuren Kernspintomographien liegt die Bundesrepublik weltweit sogar auf Platz eins. Dabei ist unsicher, ob die Untersuchungen immer notwendig sind.

Patient bei CT-Untersuchung: International die meisten Kernspintomographien
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Patient bei CT-Untersuchung: International die meisten Kernspintomographien


Berlin - Jeder zehnte Deutsche geht im Jahr zu mehr als sechs Ärzten. Die Rekordhalter, immerhin noch rund ein Prozent der Patienten, suchen sogar mehr als zehn Ärzte pro Jahr auf. Das geht aus dem Arztreport der Krankenkasse Barmer GEK hervor. Der Report beruht auf den Daten von rund 8,2 Millionen Versicherten der Barmer GEK. Das entspricht rund zehn Prozent der deutschen Bevölkerung.

2009 gingen demnach 41 Prozent der Patienten zu vier oder mehr Medizinern, im Durchschnitt wurden 3,4 unterschiedlichen Ärzte aufgesucht. Die genaue Zahl der Arztbesuche verrät der Bericht nicht. Das liegt an den Änderungen im Abrechnungssystem der Kassen, nach denen die Mediziner nicht mehr pro Patientenkontakt bezahlt werden.

Im Vorgänger-Report gab die Kasse pro Patient 18,1 Arztbesuche für das Jahr 2008 an. Dass diese Zahl 2009 gesunken ist, sei schon wegen der Aufregung um die Schweinegrippe in jenem Jahr unwahrscheinlich, heißt es in dem Arztreport.

Bei knapp einem Viertel der Bundesbürger wurden laut Studie Rückenschmerzen diagnostiziert, in 18,5 Prozent der Fälle akute Entzündungen der Atemwege. Zudem litten 7,8 Prozent der Patienten demnach unter Fettleibigkeit und weitere 6,9 Prozent unter der Zuckerkrankheit Diabetes Mellitus Typ 2. Auch gibt es immer mehr psychische und Verhaltensstörungen. Alle Ergebnisse in der Grafik:

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Grafiken: Welche Diagnosemethoden boomen
In den Mittelpunkt des Reports stellt die Krankenkasse den Anstieg bei den Diagnoseverfahren Kernspintomographie (MRT) und Computertomographie (CT). Darunter versteht man bildgebende Diagnoseverfahren. Dank der MRT kann ein Arzt Schnittbilder von Organen und Gelenken beurteilen und so eventuelle krankhafte Veränderungen feststellen.

Der Anteil der Menschen mit mindestens einer Kernspin stieg seit 2004 um 41 Prozent. Bei der waren es 26 Prozent, wie aus dem am Dienstag in Berlin veröffentlichten Arztreport 2011 der Krankenkasse Barmer GEK hervorgeht.

Zuletzt erhielten 6 Prozent der Bevölkerung mindestens eine Computertomographie im Jahr, bei der MRT waren es sogar 7,2 Prozent. Mit 97 Kernspintomographien pro 1000 Einwohner lag Deutschland international an der Spitze vor den USA, Belgien und Frankreich.

Die Häufigkeit der Nutzung sage dabei nichts über den medizinischen Nutzen aus, sagt Friedrich Wilhelm Schwartz vom Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitssystemforschung (ISEG). In welchen Fällen das MRT sinnvolle therapeutische Konsequenzen nach sich ziehe, lasse sich nur schwer herausfinden. Bei Knieuntersuchungen etwa werde man bei der Kernspintopographie "fast immer einen pathologischen Befund sehen".

Angesichts der geschätzten Gesamtkosten für CT- und MRT-Untersuchungen von rund 1,76 Milliarden Euro im Jahr fordert der Vizechef der Kasse, Rolf-Ulrich Schlenker, die Untersuchungen nur anzuwenden, wenn sie wirklich sinnvoll seien. Schlenker warnte auch vor zunehmender Strahlenbelastung durch CT-Untersuchungen.

Ostdeutsche Ärzte stellen häufiger Diabetes fest

Auffällig sind auch die markanten Ost-West-Unterschiede bei der Häufigkeit einzelner Diagnosen. "Noch 20 Jahre nach dem Mauerfall ließe sich die ehemalige innerdeutsche Grenze allein anhand von ärztlichen Diagnosen nachzeichnen", sagt Thomas G. Grobe vom ISEG.

Ärzte in den Neuen Bundesländern diagnostizieren Bluthochdruck ("Essentielle Hypertonie") etwa 20 Prozent häufiger als im Bundesdurchschnitt, einen "Diabetes mellitus Typ 2" etwa 30 Prozent häufiger. Die Bluthochdruck-Werte liegen in Mecklenburg-Vorpommern 47 Prozent über jenen von Hamburg, beim Diabetes liegen die Diagnoseraten um bis zu 93 Prozent auseinander (Sachsen verglichen mit Hamburg).

Ob Ostdeutsche jedoch wirklich häufiger Diabetes oder Bluthochdruck haben oder die Ärzte die Krankheiten unterschiedlich verbuchen, lässt der Report offen.

cte/dpa/dapd



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insgesamt 90 Beiträge
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Seite 1
betawa 01.02.2011
1. Man muss unterscheiden.
wenn man den Deutschen unterstellt zu oft zum Arzt zu gehen. Es gibt Hypochonder die bei einer harmlosen Erkältung beim Arzt rumsitzen und ich dann erst wieder dort wegbewegen wenn sie endlich eine Verordnung für ein Antibiotikum haben, was in dem Fall natürlich Nonsens ist. Ich war aber über einen Zeitraum von 15 Jahren jemand der nicht zum Arzt ging. Trotz Hypertonie. Das hat mir am Ende nun diverse chronische Leiden eingebrockt. Ab und zu ein Checkup kann nicht schaden. Besodners Blutdruck. Wenn da was im Argen ist merkt man davon kaum was. Gleichzeitig ist der Blutdruck an sich schon etwas das auf vieles hinweist. Inzwischen hole ich viel früher den Rat eines Arztes ein. Und sei es wegen Hautveränderungen, wie neulich. Das ganze war gutartig. Aber in jedem Fall besser als wenn nicht und man kümmert sich nicht drum.
Alf.Edel 01.02.2011
2. Gkv...
Na da sind meine 304 € monatlicher GKV-Beitrag doch gut angelegt... ;)
sic tacuisses 01.02.2011
3. Das muss so sein.
Zitat von sysopDie Deutschen gehen häufig zum Arzt,*fast jeder zweite*Bürger lässt sich pro Jahr von mindestens vier Medizinern behandeln. Bei den teuren Kernspintomographien liegt die Bundesrepublik weltweit sogar auf Platz eins. Dabei ist unsicher, ob die Untersuchungen immer notwendig sind. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,742897,00.html
Die Dinger kosten ein Schweinegeld und müssen sich schließlich amortisieren.
endbenutzer 01.02.2011
4. Schuld?
Und wer ist daran jetzt Schuld, dass immer mehr Patienten im Kernspin-Tomographen landen? Der Patient oder der Arzt? Oder vielleicht doch Firmen wie Siemens, die diese Geräte herstellen und möglichst zahlreich verkaufen wollen?
albert schulz 01.02.2011
5. Geldschneiderei müßte aber lange bekannt sein
Zitat von sysopDie Deutschen gehen häufig zum Arzt,*fast jeder zweite*Bürger lässt sich pro Jahr von mindestens vier Medizinern behandeln. Bei den teuren Kernspintomographien liegt die Bundesrepublik weltweit sogar auf Platz eins. Dabei ist unsicher, ob die Untersuchungen immer notwendig sind. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,742897,00.html
Das ist aber ein uralter Hut. CT und MRT kann heute jedes Mini - Krankenhaus machen. Vor dreißig jahren noch haben die Kassen regelmäßig die Kostenerstattung verwehrt, und heute wird es wegen jedem Picke gemacht, regelmäßig ohne den geringsten Erkenntnisgewinn wie beim Röntgen auch. Neulich habe ich ein affenschrafes Argument dazu gelesen: "Soll Siemens etwa Techniker entlassen ?"
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