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Studie: "Die Arbeitswelt driftet auseinander"

Auf den ersten Blick ist die Lage akzeptabel: Die Deutschen arbeiten im Schnitt rund zehn Jahre bei einem Unternehmen, 60 Prozent haben eine unbefristete Stelle. Doch die Arbeitswelt wandelt sich drastisch - darunter leiden vor allem Berufseinsteiger und Frauen.

Demo der IG Metall in Emden: Leiharbeiter fühlen sich ausgeschlossen Zur Großansicht
DPA

Demo der IG Metall in Emden: Leiharbeiter fühlen sich ausgeschlossen

Nürnberg - Jeder zweite deutsche Arbeitnehmer bekommt mittlerweile zunächst einen befristeten Vertrag. Das bedeutet vor allem für Berufseinsteiger: Sie können ihr Leben kaum planen, müssen ständig flexibel sein. Denn schon nach einem Jahr kann die Stelle wieder weg sein - und die Jobsuche beginnt von neuem.

Die massiv gestiegene Zahl befristeter Verträge ist ein zentrales Ergebnis der Langzeitstudie, die das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) am Mittwoch vorgestellt hat. Während 1996 nur 1,3 Millionen Stellen befristet waren, verdoppelte sich die Zahl bis 2010 fast - auf nun mehr als 2,5 Millionen Stellen. Die Forscher konstatieren zudem eine drastische Zunahme bei der Leiharbeit: Vor 15 Jahren habe es 180.000 Leiharbeiter gegeben, im vergangenen Jahr mit mehr als 800.000 schon fast fünfmal so viele.

"Die Arbeitswelt driftet auseinander", sagt IAB-Direktor Joachim Möller. Dennoch sei das normale Arbeitsverhältnis - sprich eine unbefristete, sozialversicherungspflichtige Vollzeitstelle - kein Auslaufmodell. Durchschnittlich seien Mitarbeiter 10,8 Jahre in einem Unternehmen beschäftigt. Vor 20 Jahren war der Wert sogar niedriger: Damals lag die Dauer bei 10,3 Jahren.

Auch beim Anteil der normalen Jobs an der Gesamtzahl ist die Entwicklung nicht besonders extrem: Nach rund 66 Prozent 1992 sank der Wert hier auf rund 60 Prozent.

Also doch alles wie gehabt in der deutschen Jobwelt? Mitnichten. Denn etwa bei Frauen stellen die Forscher durchaus einen enormen Wandel fest: Von ihnen hat nur noch jede zweite ein normales Arbeitsverhältnis. Das liegt unter anderem an der zunehmenden Bedeutung von Teilzeitjobs. Von diesen gab es im vergangenen Jahr 8,7 Millionen, 1996 waren es noch halb so viele.

Auch bei jungen Arbeitnehmern, oft Berufseinsteigern, stellen die IAB-Forscher einen Wandel fest. So sei ein Unter-30-Jähriger früher im Schnitt zwei Jahre und drei Monate in einem Betrieb beschäftigt gewesen. Heute ist es deutlich kürzer: Ein 1977 geborener Angestellter sei demnach durchschnittlich nur noch ein Jahr und acht Monate bei der gleichen Firma. Kontinuität sieht anders aus.

Leiharbeiter fühlen sich ausgegrenzt

Vor allem leiden aber Leiharbeiter unter den neuen Anforderungen: Bei ihnen ist die Beschäftigungsdauer sehr kurz. Mehr als die Hälfte der Jobs dauert laut IAB keine drei Monate. Die Leiharbeiter bekämen zudem rund 20 Prozent weniger Lohn als festangestellte Kollegen.

Wozu das führt, ist bekannt: Ein Großteil der Leiharbeiter fühlt sich gesellschaftlich ausgegrenzt. Die augenscheinliche Korrelation von dem Gefühl sozialer Teilhabe und der Erwerbstätigkeit belegen die Forscher mit einer Umfrage. Demnach fühlen sich auch befristet Beschäftigte deutlich weniger integriert als Arbeitnehmer mit unbefristetem Vertrag und Selbständige.

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Grafiken: Diese Menschen fühlen sich ausgrenzt
Ostdeutsche fühlen sich übrigens laut der Studie durchgängig weniger integriert als Westdeutsche. Die Forscher vermuten, dass das neben der hohen Unsicherheit auch an den Dumpinglöhnen in der Zeitarbeitsbranche liegen könnte. 13,4 Prozent der Leiharbeiter in den Neuen Bundesländern mussten ihr Gehalt 2010 mit Hartz IV aufstocken, im Westen waren es nur knapp elf Prozent.

cte

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insgesamt 28 Beiträge
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1. Frauen = Teilzeit = Leid ?
AllesGrau, 03.03.2011
Wollen die Frauen nur eine Teilzeitstelle, oder bekommen sie nur eine Teilzeitstelle? Alle Frauen in meinem Umfeld wollten eine Teilzeitstelle oder sind Lehrerin, was sowas ähnliches ist. Ich würde mich freuen, wenn mein Arbeitgeber mir eine Teilzeitstelle anbieten würde! Mir würde die Kohle aus 30 Std./Woche reichen. Noch mehr würde ich mich aber über Heimarbeit freuen, weil ich zu 100% alles von zuhause machen könnte und dann 10 Stunden Fahrzeit pro Woche spare! Das will mein Arbeitgeber aber beides nicht. Also leide ich wirklich !-) Wenn ein Akademiker im Schnitt 10 Jahre in jeder Firma bleibt, dann ist der also ab Mitte 40 arbeitslos, oder? Oder wer stellt Leute über 40 ein? Statistiken sind was ganz wunderbares ;-)
2. darunter leiden vor allem ... Frauen
billger 03.03.2011
Zitat von sysopAuf den ersten Blick ist die Lage akzeptabel: Die Deutschen arbeiten im Schnitt rund zehn Jahre bei einem Unternehmen, 60 Prozent haben eine unbefristete Stelle. Doch die Arbeitswelt wandelt sich drastisch - darunter leiden vor allem Berufseinsteiger und Frauen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,748847,00.html
Gähn. Das kann man echt nicht mehr hören. Frau + Teilzeistelle = zu wenig Lohn = diskriminiert Frau + Vollzeitstelle = Doppelbelastung, keine Zeit für Kinder usw. = diskriminiert Was war das noch für eine Generation, die man "Trümmerfrauen" nannte ...
3. ...
acitapple 03.03.2011
Zitat von billgerGähn. Das kann man echt nicht mehr hören. Frau + Teilzeistelle = zu wenig Lohn = diskriminiert Frau + Vollzeitstelle = Doppelbelastung, keine Zeit für Kinder usw. = diskriminiert Was war das noch für eine Generation, die man "Trümmerfrauen" nannte ...
die trümmerfrauen hatten auch keine -heutzutage existenziellen - bedürfnisse wie fitness, wellness, cocktailabende, mädelsabende, designermode, nobelrestaurants, cluburlaub, suv usw... trotzdem haben sie eine furchtbare zeit überlebt und, man höre und staune, das ganze ohne gleichberechtigungsbeauftragte zwischen den trümmern...
4. darunter leiden vor allem Berufseinsteiger und Frauen.
haltetdendieb 03.03.2011
darunter leiden vor allem Berufseinsteiger und Frauen. Ach nee! Wer hätte das denn gedacht? Die Frauen leiden besonders! Ein besonders origeneller Beitrag! ....ist das eher nicht!
5. Unbefristet
Clawog 03.03.2011
Unbefristete und unkündbare Arbeitsstellen ist ein auslaufendes Model für Arbeitgeber wie für Arbeitnehmer. Wer kann schon seine Talente und kreatives Potential voll entwickeln, wenn der Arbeitnehmer gezwungen wird, ein Leben lang beim gleichen Arbeinehmer zu arbeiten? So eine Absprache stumpft ab und zerstört die Arbeitsmoral.
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Was ist Hartz IV?
Die Reform
Hartz IV ist die größte und umstrittenste Arbeitsmarktreform in der Geschichte der Bundesrepublik. Benannt ist sie nach dem damaligen Volkswagen-Personalchef Peter Hartz, der als Leiter einer Regierungskommission die Grundlagen der Reform vorgeschlagen hatte. Am 1. Januar 2005 trat das entsprechende Gesetz in Kraft.
Fördern und Fordern
Kernpunkt der vieldiskutierten Gesetze ist die Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfe zu einer einheitlichen Grundsicherung. Davor hatten sich die bundeseigenen Arbeitsagenturen und die kommunalen Sozialämter die Betreuung von Arbeitslosen und Sozialhilfeempfängern geteilt. Das Nebeneinander von zwei unterschiedlichen Systemen wurde abgeschafft, erwerbsfähige Sozialhilfeempfänger sollten nach dem Prinzip "Fördern und Fordern" in die aktive Arbeitsvermittlung eingebunden werden.
Die Höhe der Leistung
Empfänger der früheren Arbeitslosenhilfe erhalten ebenso wie arbeitsfähige Sozialhilfeempfänger die gleichen Bezüge: das sogenannte Arbeitslosengeld II. Vereinfachend wird das Arbeitslosengeld II oft auch als "Hartz IV" bezeichnet. Die Bezüge orientieren sich an der früheren Höhe der Sozialhilfe. Pro Monat beträgt die Leistung 359 Euro - Unterkunft, Heizung und sonstige Zulagen nicht eingeschlossen.
Strenge Regeln
Mit Hartz IV soll eine intensivere Betreuung bei der Suche nach einem neuen Job verbunden sein. Zugleich wurden aber auch die Zumutbarkeitskriterien verschärft. Prinzipiell gilt jede legale Arbeit als zumutbar, auch wenn sie deutlich unter Tarif bezahlt wird. Wer Jobangebote ausschlägt, muss erhebliche finanzielle Kürzungen in Kauf nehmen.
Die Säulen des Sozialsystems
Arbeitslosenversicherung
Jeder Arbeitnehmer in Deutschland ist Pflichtmitglied der Arbeitslosenversicherung. Die Hauptleistung der Versicherung ist das Arbeitslosengeld I (ALG I), das einen Teil des ehemaligen Nettoeinkommens ersetzt und bis zu ein Jahr nach Verlust einer Stelle gezahlt wird. Für ältere Arbeitslose gelten Ausnahmen. Läuft die Zahlung des ALG I aus, ohne dass eine neue Stelle gefunden wurde, wird anschließend Arbeitslosengeld II (ALG II) gezahlt. Das Instrument - auch bekannt als Hartz IV - wurde im Jahr 2005 geschaffen, als die ehemalige Arbeitslosen- und Sozialhilfe zusammengelegt wurden. Der Beitragssatz zur Arbeitslosenversicherung beträgt derzeit 3,0 Prozent des Bruttolohns. Arbeitgeber zahlen diesen Satz auch für jeden Beschäftigten.
Krankenversicherung
Es gibt zwei Arten von Krankenversicherungen - die Gesetzliche (GKV) und die Private (PKV). Rund 90 Prozent der Erwerbstätigen sind in der GKV pflichtversichert. Der Beitragssatz beträgt aktuell 15,5 Prozent für alle Versicherten. Zusätzlich können die Krankenkassen vom Einkommen unabhängige Beiträge erheben. Seit Anfang 2009 fließen alle Beiträge in einen Gesundheitsfonds, aus dem sie an die Kassen verteilt werden. Der Zugang zur PKV steht nur Selbstständigen und Arbeitnehmern oberhalb einer Einkommensgrenze offen.
Rentenversicherung
Die Beiträge werden durch ein Umlageverfahren finanziert, bei dem die Berufstätigen die Leistungen der Rentner zahlen. Anhand der eingezahlten Beiträge wird die künftige Rentenhöhe errechnet. Zurzeit liegt der Beitragssatz bei 19,6 Prozent. Im Januar 2013 sinkt der Beitrag auf 18,9 Prozent. Das gesetzliche Renteneintrittsalter wird derzeit stufenweise von 65 Jahren auf 67 Jahre heraufgesetzt.
Pflegeversicherung
Die Pflegeversicherung ist die jüngste der Sozialversicherungen in Deutschland. Sie ist eine Grundversicherung, die einen Teil der Pflegekosten abdeckt.


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