Studie Mehr als sechs Millionen Deutsche arbeiten für Billiglöhne

Dumpinglohnland Deutschland? Laut einer Studie arbeiten mehr als 20 Prozent aller Beschäftigten für weit weniger als zehn Euro in der Stunde - viele sogar für unter fünf Euro. Minijobber, Frauen, Ausländer und junge Leute sind am häufigsten betroffen.

Helfer in einem Münchner Biergarten: Löhne von unter fünf Euro die Stunde verbreitet
AP

Helfer in einem Münchner Biergarten: Löhne von unter fünf Euro die Stunde verbreitet


Duisburg/Essen - Wird Deutschland zum Schlaraffenland für Arbeitgeber? Eine Studie legt zumindest nahe, dass viele Jobs für immer weniger Geld erledigt werden. So bekommt inzwischen jeder Fünfte hierzulande nur einen Billiglohn, teilte das Institut für Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen am Dienstag mit.

Rund 20,7 Prozent der Beschäftigten in Deutschland hätten 2008 einen Lohn unterhalb der Niedriglohnschwelle der Industrienationen erhalten. Demnach sind insgesamt 6,55 Millionen Arbeitnehmer im Billiglohnsektor tätig - so viele wie nie zuvor. Innerhalb von zehn Jahren sei die Zahl der Niedriglohnempfänger um 2,3 Millionen Menschen gewachsen.

Die Wissenschaftler nutzten für ihre Untersuchung die Niedriglohnschwelle der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD), derzufolge Niedriglöhne weniger als zwei Drittel des durchschnittlichen Stundenlohns in einem Land betragen. Sie berechneten dabei für Westdeutschland eine Niedriglohnschwelle von 9,50 Euro, für Ostdeutschland von 6,87 Euro.

Seit 2006 stagniere der Niedriglohnanteil zwar bei knapp einem Fünftel aller Beschäftigten, erklärten die Wissenschaftler. Die Zahl der Geringverdiener sei zuletzt jedoch trotzdem weiter gewachsen, weil der Beschäftigungsgrad insgesamt zugenommen habe. Besonders stark betroffen seien Minijobber, junge Beschäftigte unter 25 Jahren, Ausländer, Frauen, gering Qualifizierte und befristet Beschäftigte.

In anderen Ländern Westeuropas spielen Billigarbeiter eine kleinere Rolle

Anders sieht es in europäischen Nachbarländern aus: In Frankreich etwa hätten im Jahr 2005 rund 11,1 Prozent der Beschäftigten einen Niedriglohn bekommen. In Dänemark läge der Niedriglohnanteil lediglich bei 8,5 Prozent. "Kein anderes Land" habe in den vergangenen Jahren ein derartiges Wachstum des Niedriglohnsektors erlebt, urteilten die Autoren.

Dramatischer sieht die Lage für 3,6 Prozent der Billiglohn-Beschäftigten aus. Sie bekämen sogar "extreme Niedriglöhne" von unter fünf Euro je Stunde, weitere 6,7 Prozent von unter sechs Euro, teilte das IAQ mit.

In den meisten EU-Ländern wären solchen Vergütungen den Wissenschaftlern zufolge im Verhältnis zum jeweiligen mittleren Stundenlohn "unzulässig". Grund dafür sei, dass die gesetzlichen Mindestlöhne in diesen Ländern zwischen 40,5 Prozent und 62,7 Prozent des Vollzeitstundenlohns betrügen. So lägen in den Niederlanden, Belgien, Irland, Frankreich und Luxemburg die Lohnuntergrenzen zwischen 8,41 Euro und 9,73 Euro.

Würde sich Deutschland an dieser Spanne orientieren, müsse hierzulande ein Mindestlohn zwischen 5,93 Euro und 9,18 Euro eingeführt werden, hieß es. Derzeit gebe es Lohnuntergrenzen aber nur in einzelnen Branchen. Der niedrigste branchenbezogene Mindestlohn gelte für Großwäschereien und betrage 7,65 Euro in Westdeutschland und 6,50 Euro in Ostdeutschland, teilte das IAQ mit.

yes/AFP/ddp



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alexl1966, 27.07.2010
1. FDP sei Dank!
Zitat von sysopDumpinglohnland Deutschland? Laut einer Studie arbeiten mehr als 20 Prozent aller Beschäftigten für weit weniger als zehn Euro in der Stunde - viele sogar für unter fünf Euro. Minijobber, Frauen, Ausländer und junge Leute sind am häufigsten betroffen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,708712,00.html
Guido & Co. können sich freuen; das sind halt die Regeln des freien Marktes! Die freilich nur für die da unten gelten, nicht etwa für Banken, die vor die Wand fahren oder Hoteliers, die ihre Zimmermädchen für Hungerlöhne herumscheuchen. Es ist eine Schande, wie die politische Kaste dieses Land und seine Bürger Stück für Stück ans Kapital verscherbelt.
Witchlady 27.07.2010
2. Minilohn
Zitat von sysopDumpinglohnland Deutschland? Laut einer Studie arbeiten mehr als 20 Prozent aller Beschäftigten für weit weniger als zehn Euro in der Stunde - viele sogar für unter fünf Euro. Minijobber, Frauen, Ausländer und junge Leute sind am häufigsten betroffen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,708712,00.html
Ich arbeite auch für knapp über 5 €/Stunde, da mir als ungelernte Kraft über 40 Jahren, dazu weiblich, nicht viel übrig bleibt. Ein Witz ist das schon, aber ich kann mit Stolz sagen, ich habe einen Job und ich gehe gerne arbeiten. Wer kann das schon von sich behaupten?
kdshp 27.07.2010
3. aw
Zitat von sysopDumpinglohnland Deutschland? Laut einer Studie arbeiten mehr als 20 Prozent aller Beschäftigten für weit weniger als zehn Euro in der Stunde - viele sogar für unter fünf Euro. Minijobber, Frauen, Ausländer und junge Leute sind am häufigsten betroffen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,708712,00.html
*27. Juli 2010* FDP unterstützt Schavan im Streit um leichtere Zuwanderung Berlin. Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) erhält in der von ihr angestoßenen Debatte um leichtere Zuwanderung für qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland jetzt Unterstützung aus der FDP. "Beim Fachkräftemangel gibt es kein Entweder-oder. Wir brauchen jetzt mehr Zuwanderung, ohne unsere Bildungs- und Qualifizierungsbemühungen einzustellen. Für den deutschen Arbeitsmarkt ist das doppelt gut: Je mehr kluge Köpfe wir anziehen, umso mehr zusätzliche Arbeitsplätze werden hier geschaffen", sagte Arbeitsmarktexperte Johannes Vogel dem Hamburger Abendblatt. http://www.abendblatt.de/politik/deutschland/article1579957/FDP-unterstuetzt-Schavan-im-Streit-um-leichtere-Zuwanderung.html Hallo, wie paßt das zusammen? Also entweder die ausländischen fachkräfte arbeiten für weniger als der deutsche sonst würden die ja einen festen job finden ODER aber man geht davon aus das diese ausländischen fachkräfte für noch weniger arbeiten als diese 5-6 euro brutto.
Ragnarrök 27.07.2010
4. Das sind zu wenige!
Hallo, deswegen muss unbedingt die Türkei in die EU und wir brauchen noch weitere Zuwanderung von ungelernten - die Löhne sind noch viel zu hoch. Erst wenn 15 Millionen unter 8,- € / Std. bekommen kann ich meinen Kindern zum 18 Geburtstag einen Porsche kaufen. Gruß Horst Geldmacher Spekulant & Neoliberaler
marant 27.07.2010
5. ttt
Zitat von sysopDumpinglohnland Deutschland? Laut einer Studie arbeiten mehr als 20 Prozent aller Beschäftigten für weit weniger als zehn Euro in der Stunde - viele sogar für unter fünf Euro. Minijobber, Frauen, Ausländer und junge Leute sind am häufigsten betroffen. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,708712,00.html
Es ist schon erstaunlich, wie die Arbeitgeber, Arbeitsgeberverbände und die politische Gefolgschaft Ihre marktpolitsche Konzepte durchgesetzt haben. Auf dem Rücken der Billiglöhner und mit Verweis auf die weltweite Konkurenzfähigkeit. Die Gewerkschaften und Betriebsräte verwalten größtenteils Ihre angestammte Klientel, so daß kein ernsthaftes Gegengewicht vorhanden sei. Die übrigen Länder, wo die Arbeitnehmerverbände eine gewichtigere Rolle spielen, zeigen, daß ein mindestmaß an zumutbarer Entlohnung möglich ist. Nicht hierzulande. Das Unmut wächst, aber genauso schnell verpufft.
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