Studie So hoch ist Ihr Verschuldungsrisiko

Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit, gescheiterte Selbständigkeit: Viele Bürger geraten in der Krise in die Schuldenfalle, zeigt eine neue Studie. Auffällig ist, dass Beamte kaum gefährdet sind. SPIEGEL ONLINE zeigt, wie hoch Ihr Überschuldungsrisiko ist.

Agentur für Arbeit in Düsseldorf: Zwölfmal höheres Risiko der Überschuldung
dapd

Agentur für Arbeit in Düsseldorf: Zwölfmal höheres Risiko der Überschuldung


Hamburg - In drei Millionen deutschen Haushalten geht finanziell gar nichts mehr - sie gelten als überschuldet. Dabei machen sich die Folgen der Wirtschaftskrise der vergangenen Jahre erst jetzt bemerkbar: Der Anteil derjenigen, die aufgrund von Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit oder einer gescheiterten Selbständigkeit in die Überschuldung gerieten, ist um zehn Prozent gestiegen.

Nach wie vor geraten insbesondere Alleinerziehende häufig in die Schuldenfalle: Wer allein für minderjährige Kinder sorgen muss, ist etwa 3,5-mal so stark gefährdet wie der Durchschnittsbürger. Das geht aus dem Überschuldungsreport 2010 hervor, den das Institut für Finanzdienstleistungen (IfF) am Donnerstag vorgelegt hat.

Die Gesamtzahl der überschuldeten Haushalte ist demnach im vergangenen Jahr zwar um etwa zehn Prozent gesunken - von 3,3 Millionen im Jahr 2008 auf 3,0 Millionen 2009. Für dieses Jahr rechnen die Experten hingegen trotz der positiven Arbeitslosenzahlen wieder mit einem Anstieg.

Grund dafür ist die Verzögerung von etwa einem Jahr, mit der die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt in der Überschuldungsstatistik abzulesen ist: Es dauert etwas, bis der Vermögenspuffer aufgebraucht ist. Insbesondere der starke Anstieg der Zahl der Kurzarbeiter im Jahr 2009 bedeutete für mehr als eine Million Betroffene niedrigere Einkommen, demzufolge stiegen die privaten Insolvenzeröffnungen bereits in der zweiten Jahreshälfte 2009 an.

Überschuldungsquote nach Haushaltsform

Bevölkerungs-
anteil
(in Prozent)
Anteil an Überschuldeten
(in Prozent)
Quotient* Überschuldungs-
quote**
(in Prozent)
allein Lebende 39,4 51,8 1,34 10,0
Paare 52,5 31,8 0,57 4,3
Paare ohne Kinder 28,9 12,0 0,40 3,0
Paare mit Kindern 23,6 19,8 0,78 5,8
allein Erziehende 6,7 16,0 2,59 19,4
allein Erziehende mit minderjährigen Kindern 4,0 13,8 3,68 27,6
1 Kind 2,7 8,5 3,18 23,8
2 Kinder 1,0 4,0 4,06 30,4
3 und mehr Kinder 0,2 1,2 7,76 58,1

* Der Quotient wurde aus der Division der Anteile 2008 bei den Überschuldeten (Divident) und der Bevölkerung (Divisor) errechnet.
** Der Anteil ist hypothetisch und wurde auf Basis der Überschuldungsbetroffenheit der Haushaltsform berechnet.
Quelle: iff / Daten von 2008

Die Zahlen des Hamburger Forschungsinstituts belegen aber über aktuelle Trends hinaus gleichbleibende Risikofaktoren für die Überschuldung: Alleinerziehende und Arbeitslose sind besonders stark betroffen. Der Anteil der Alleinerziehenden an den überschuldeten Haushalten war im Jahr 2008 3,68-mal höher als ihr Anteil an den Gesamthaushalten - und die Zahlen für 2009 deuten darauf hin, dass dieser Faktor sogar noch steigen wird. Paare mit Kindern sind hingegen weniger oft überschuldet, ihr Risiko liegt etwa 20 Prozent unter dem Durchschnitt.

Wenig überraschend: Berufstätigkeit schützt vor Überschuldung. Insgesamt stellen Arbeits- und Erwerbslose mehr als die Hälfte aller Deutschen in der Schuldenfalle, ihr Anteil an den Haushalten beträgt aber nur vier Prozent. Die Wahrscheinlichkeit für Überschuldung ist für sie damit mehr als zwölfmal so hoch wie im Durchschnitt.

Vergleicht man unterschiedliche Berufsgruppen, ergeben sich dennoch signifikante Unterschiede: Zwar sind alle Berufstätigen unterdurchschnittlich von Überschuldung bedroht, besonders sicher können sich jedoch Beamte fühlen. Ihr Risiko beträgt nur etwa ein Viertel desjenigen von Arbeitern oder Angestellten. Auch Rentner und Pensionäre sind statistisch gesehen weniger stark betroffen - deren Risiko liegt bei etwa einem Drittel des Durchschnitts.

Überschuldungsquote nach Tätigkeit

Tätigkeit Bevölkerungsanteil
(in Prozent)
Überschuldete
(in Prozent)
Überschuldungs-
quote
Beamte 4,0 0,5 0,12
Arbeiter 16,4 8,6 0,53
Rentner/Pensionäre 31,9 10,3 0,32
Angestellte 32,1 17,3 0,54
Erwerbslose/Arbeitslose 4,1 50,4 12,29

Quelle: iff / Daten von 2008

Der von der Stiftung "Deutschland im Plus" in Auftrag gegebene Report geht davon aus, dass sich die positive Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt mit Verzögerung auch in den Überschuldungszahlen niederschlagen wird: Er rechnet frühestens für Mitte 2011 mit einem Rückgang. Zudem fordert das IfF eine Verkürzung der Wohlverhaltensphase im Rahmen der privaten Insolvenzen von sechs auf drei Jahre - ein Zeitraum, der in den meisten europäischen Ländern gilt. Damit sollen Überschuldete schneller wieder aus ihrer finanziellen Schieflage kommen. Im Durchschnitt dauert es 14 Jahre, bis sie wieder aus den roten Zahlen sind. Diese Zeit könnte um drei Jahre verkürzt werden, wenn sich die Betroffenen schneller an eine Schuldnerberatung wenden würden.

fdi



insgesamt 36 Beiträge
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Seite 1
ingo w, 30.09.2010
1. Hier kein Titel
Zitat von sysopKurzarbeit, Arbeitslosigkeit, gescheiterte Selbständigkeit: Viele Bürger geraten in der Krise in die Schuldenfalle, zeigt eine neue Studie. Auffällig ist, dass Beamte kaum gefährdet sind. SPIEGEL ONLINE zeigt, wie hoch Ihr Überschuldungsrisiko ist. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,720504,00.html
Und, wundert das irgendjemanden?
märzwiedermonat 30.09.2010
2. wow ääährlisch
Echt mal was Neues! Danke für diese Info. Wäre nie darauf gekommen. Jetzt kommt es Frage: Wieviel Politiker, Euro-Kommissare usw. sind überschuldet? Das wäre doch mal eine Recherche wert
maecks 30.09.2010
3. Auffällig???
Zitat von ingo wUnd, wundert das irgendjemanden?
Eben, warum ist das auffällig? Ich halte das für einen Systemfehler!
Verimathrax 30.09.2010
4. Komplexer als gedacht
Zitat von ingo wUnd, wundert das irgendjemanden?
Vermutlich denken viele: "Kein Wunder dass Beamte selten überschuldet sind, müssen sie doch keine Kündigung befürchten". Aber: Überschuldet kann man auch sein wenn man ein gesichertes regelmäßiges Einkommen hat. Wahrscheinlich ist das eher eine Frage der Mentalität. Jemand der die Laufbahn Beamter wählt ist vom Typ eher vorsichtig, und neigt deswegen weniger zu finanziellen Abenteuern.
Jemand03 30.09.2010
5. Auffällig ist, dass Beamte kaum gefährdet sind.
Ich hab den Artikel noch nichtmal gelesen und bekomme schon einen Lachflash. ^^ Welch Erkenntnis!!!
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