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Folgen der Sparpolitik: Säuglingssterblichkeit in Griechenland steigt um 43 Prozent

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Griechische Gesundheitspolitik: Verheerende Folgen des Sparkurses Fotos
Getty Images

Mehr Totgeburten, HIV-Neuinfektionen, Tuberkulose- und Depressionsfälle sowie Suizide: Der drastische Sparkurs in Griechenland hat einer Studie zufolge verheerende Auswirkungen. Eine Hilfsorganisation spricht von einer vollständigen Verletzung der Menschenwürde.

Hamburg/London - Schon die Überschrift kommt einer Ohrfeige für die politisch Verantwortlichen gleich. "Griechenlands Gesundheitskrise: Von der Sparpolitik zur Realitätsverweigerung" haben die Forscher der britischen Universitäten Cambridge, Oxford und London ihre Studie betitelt, die im Medizinjournal "The Lancet" veröffentlicht wurde.

In der Tat ergibt die Auswertung offizieller Umfragen und Statistiken sowohl der griechischen Regierung als auch der EU-Kommission ein erschreckendes Bild: Demnach hat die drastische Sparpolitik während der seit sechs Jahren andauernden Krise in Griechenland verheerende Folgen für die Gesundheit der Bevölkerung. Folgen, die von der Regierung in Athen und internationalen Krisenmanagern wider besseren Wissens bestritten werden, wie die Forscher feststellen (hier die Studie im PDF-Format).

Die griechische Regierung musste ihre Ausgaben "schnell und drastisch" kürzen, heißt es in der Studie. Bei der Gesundheit lag die Vorgabe der internationalen Kreditgeber bei sechs Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes. Zum Vergleich: In Deutschland machen die Gesundheitsausgaben etwa elf Prozent der Wirtschaftsleistung aus - sie müssten um mehr als die Hälfte zusammengestrichen werden, wenn genau so drastisch gespart würde. Konkret würden die Ausgaben in der Bundesrepublik dann um mehr als 160 Milliarden Euro im Jahr gekürzt.

In Griechenland traf dieser rigide Sparkurs vor allem Vorsorgeprogramme hart: So wurde die Ausgabe von Spritzen und Kondomen an Drogenabhängige gekürzt. Die Folge: Die Zahl der HIV-Neuinfektionen unter denen, die Drogen spritzen, stieg von 15 im Jahr 2009 auf 484 drei Jahre später. Den Krankenhäusern wurde das Budget um ein Viertel reduziert, die Ausgaben für Medikamente wurden auf die Hälfte zusammengestrichen.

Diabetiker vor der Wahl: Insulin oder Nahrung

Ärzte und Kliniken reagierten mit Gebühren, die viele Griechen angesichts dramatisch sinkender Einkommen und Rekordarbeitslosigkeit nicht zahlen können. Weil Arbeitslose zudem nach zwei Jahren ohne Job ihre Krankenversicherung verlieren, stehen der Studie zufolge mittlerweile geschätzt 800.000 Griechen komplett ohne Schutz da. Auch die psychischen Auswirkungen der andauernden Krise kann das Gesundheitssystem immer schwerer auffangen, weil auch hier kräftig gekürzt wurde. Dabei besteht hier offensichtlich großer Bedarf. Denn die Zahl der Suizide in Griechenland ist zwischen 2007 und 2011 um 45 Prozent gestiegen, schwere Depressionen haben sich sogar verdoppelt.

Die Autoren der Studie heben besonders die Auswirkungen auf Kinder hervor: Die Zahl der Kinder mit niedrigem Geburtsgewicht ist allein zwischen 2008 und 2010 um 19 Prozent gestiegen, die Zahl der Totgeburten um mehr als 20 Prozent. Als möglichen Grund führen die Wissenschaftler den - wegen hoher Kosten und geringem Einkommen - schwierigen Zugang zu Ärzten an, die zu Komplikationen in der Schwangerschaft führten. Auch die Säuglingssterblichkeit ist den Zahlen zufolge um 43 Prozent gestiegen.

Auch die humanitäre Organisation Ärzte der Welt wird in der Studie erwähnt. Die Hilfsorganisation ist seit langem vor Ort, hauptsächlich um sich um Flüchtlinge in Griechenland zu kümmern. Im Zuge der Finanzkrise sei die Zahl der Programme verdoppelt worden, sagt Vizedirektorin Nathalie Simonnot, weil auch immer mehr Griechen keine andere Möglichkeiten der Versorgung hätten.

"Hier sind Menschen in einem Zustand, wie ich es in meinem Leben noch nicht gesehen habe", sagt Simonnot. Immer mehr Schwangere könnten es sich nicht mehr leisten, ins Krankenhaus zu gehen, und viele Diabetiker müssten sich entscheiden, ob sie sich Insulin kaufen - oder etwas zu essen. Die Organisation spricht von einer vollständigen Verletzung der Menschenrechte in Griechenland.

Island weigerte sich, bei der Gesundheit zu sparen

Angesichts dieser Zustände werfen die Forscher den verschiedenen griechischen Regierungen seit Ausbruch der Krise regelrechte Realitätsverweigerung vor. Das Abstreiten ernsthafter Probleme und die Behauptung, Bedürftige würden kostenfrei und ausreichend versorgt, sei eine Leugnung wissenschaftlicher Erkenntnisse - die im Übrigen auch bei der spanischen Regierung zu beobachten sei.

Als Gegenbeispiel für eine verantwortliche Gesundheitspolitik während einer tiefen Wirtschaftskrise wird Island genannt. Das Land habe den Rat des Internationalen Währungsfonds (IWF) nicht befolgt, die Gesundheits- und Sozialausgaben radikal zu kappen. Das Ergebnis: Trotz der massiven Krise habe es keine erkennbaren Auswirkungen auf die Gesundheit der Isländer gegeben.

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1. Achselzucken und ein verdrücktes Tränchen
cato-der-ältere 22.02.2014
In der Vorstellungswelt von Merkel sind das nur unvermeidliche Kollateralschäden im Kampf um das hehre Ziel "Wettbewerbsfähigkeit". !-2 mal hat sie ein wenig traurig geguckt und gemurmelt dass ihr so etwas leid tue - und schon war sie wieder fröhlich auf dem großen Parkett unterwegs, zusammen mit ihren Elite-Freunden, die von Goldman Sachs kamen, noch dort sind oder einen guten GS-Freund haben. Man hätte zwar einen großen europäischen Solidaritätsfond einrichten können um die ärgsten sozialen Härten von Griechen und anderen abzuwenden, so etwas wie "Care". Und die Deutschen hätten da auch gerne eingezahlt, aber das wäre erstens so lästig umständlich gewesen, man hat doch wichtigeres zu tun, und es wäre nicht mehr die reine neoliberale Lehre gewesen die man hier, in ihrer Vorstellungswelt, eben anwenden muss: Amputation ohne Narkose, wer es überlebt ist stärker und tut nie wieder etwas was dazu führt, oder? Dass es die Falschen getroffen hat, die Ärmsten in diesen Ländern, die nie profitiert haben, was solle - die Amis zielen mit ihren Drohnen auch nicht besser.
2. Kultureller Unterschied zwischen Nord- und Südeuropa
Dr.W.Drews 22.02.2014
Griechenland schützt seine Miliardäre und Island seine Bürger. Wo stünde Deutschland?
3. Danke, Troika!
corinna12 22.02.2014
Was soll man sagen? Dem Spiegel Danke, weil er mal einige Geheimnisse der Troika-Auflagen öffentlich macht? Schön wäre es, wenn noch auf die Rüstungsgüter aus Deutschland hingewiesen würde, die weiter abgenommen werden muessen. Und auf die Tatsache, dass die griechischen Oligarchen in Werftindustrie und Kirche weiter von einer Beteiligung an den Krisen kosten verschont bleiben.
4. Danke
donrealo 22.02.2014
Danke an die EU, Danke an den Friedens-und Wohlstanfürallebringer den EURO und seine Retter, den ESM, EFSF, IWF. DANKE
5. optional
realist29 22.02.2014
Der Artikel ist völlig einseitig geschrieben. Es wird nur auf die Nachteile der Sparpolitik für Kranke und Arme hingewiesen. Die Sparpolitik sorgt aber auch dafür, dass der Wohlstand der oberen Schichten nicht oder kaum angetastet wird. In Griechenland spitzt sich der Verteilungskampf zwischen unten und oben immer weiter zu und die Oberschicht gewährt den einfachen Leuten offenbar nicht mal mehr lebensnotwendige Dinge. Mich stimmt es sehr nachdenklich, dass meine Kanzlerin diese Politik unterstützt. Dies deutet darauf hin, dass sie in Deutschland vermutlich das gleiche tun wird. Scheinanlässe wurden genug aufgebaut (Vertrag von Maastricht, Schuldenbremse). In den nächsten Jahren geht es auch hier richtig los. Griechenland ist bald überall - auch hier. Wenigstens profitieren die Unternehmen, die Luxusyachten bauen, von der Entwicklung.
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Fläche: 131.957 km²

Bevölkerung: 11,063 Mio.

Hauptstadt: Athen

Staatsoberhaupt:
Prokopis Pavlopoulos

Regierungschef: Alexis Tsipras

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