Statistik-Tücken: Arm ist nicht gleich arm

Ein geringes Einkommen bedeutet nicht zwangsläufig Armut - das hat eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft ergeben. Demnach besitzt jeder sechste Erwachsene, der offiziell als arm gilt, ein nennenswertes Vermögen: etwa Aktien, Sparbücher, Immobilien.

Bettler in Dresden: Nicht jede Statistik ist aussagekräftig Zur Großansicht
dapd

Bettler in Dresden: Nicht jede Statistik ist aussagekräftig

Köln - Ab wann ist ein Mensch in Deutschland armutsgefährdet? Je nach Statistik gelten 13 bis 15 Prozent der über 25-jährigen Deutschen als arm - das heißt, sie verdienen weniger als 60 Prozent des Durchschnittseinkommens. Laut Statistischen Bundesamt waren im Jahr 2009 rund 12,6 Millionen Menschen in Deutschland von Armut bedroht. Die Statistiker zählten diejenigen dazu, die weniger als 940 Euro monatlich zur Verfügung hatten.

Doch laut dem arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln wird in vielen Verteilungs- und Armutsanalysen nicht berücksichtigt, ob eine Person abseits des Einkommens ein Vermögen besitzt. So könne jemand im Extremfall in der Statistik als einkommensarm gelten, gleichzeitig aber über ein millionenschweres Aktiendepot verfügen, erklärten die Forscher.

Ihren Erhebungen zufolge besitzt jeder sechste als arm geltende Erwachsene ein nennenswertes Vermögen - etwa in Form von Aktien, Sparbüchern oder Immobilien. Diese Einkommensarmen könnten durch die Auflösung ihres Vermögens mindestens zehn Jahre lang ihre Armutslücke schließen, hieß es. "Da das Durchschnittsvermögen kontinuierlich bis in das hohe Alter steigt, senkt die Berücksichtigung von Vermögen vor allem die relativen Armutsrisiken der älteren Bevölkerung." Anzumerken sei jedoch, dass besonders ältere Menschen keine Möglichkeiten hätten, Vermögen neu aufzubauen oder ihr Einkommen zu steigern.

Nicht gemeint sind mit der Studie indes Hartz-IV-Empfänger. Sie müssen ihr Vermögen offenlegen und fast komplett aufbrauchen, bevor sie staatliche Leistungen beziehen können.

Vermögen sind ungleicher verteilt als Einkommen

Die IW-Forscher haben anhand zweier repräsentativer Haushaltsbefragungen eine kombinierte Betrachtung von Einkommen und Vermögen vorgenommen. Sie haben die Daten des Sozioökonomischen Panels (SOEP) und der Einkommens- und Verbrauchsstichprobe (EVS) ausgewertet.

Laut EVS steht jedem Erwachsenen im Durchschnitt ein Vermögen in Höhe von 81.500 Euro zur Verfügung. Nehme man die SOEP-Daten komme man auf 87.500 Euro, heißt es. "Die Vermögen sind ungleicher verteilt als die Einkommen. Jedoch deuten die SOEP-Daten auf eine wesentlich höhere Ungleichheit in der Vermögensverteilung hin als die EVS-Daten", schrieben die Forscher.

Somit unterstreiche ihre Analyse, dass die Auswahl des Datensatzes einen wesentlichen Einfluss auf die Ergebnisse von Verteilungsanalysen habe. "Zwar zeigen die Ergebnisse, dass sich die Vermögen vorwiegend bei Haushalten mit hohen Einkommen konzentrieren, aber auch ein gewisser Teil der einkommensschwachen Haushalte ist im Besitz von kompensatorischem Vermögen", hieß es.

mmq/dpa

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insgesamt 114 Beiträge
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1. Who is who ?
wohlmein 17.04.2012
Zitat von sysopEin geringes Einkommen bedeutet nicht zwangsläufig Armut - das hat eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft ergeben. Demnach besitzt jeder sechste Erwachsene, der offiziell als arm gilt, ein nennenswertes Vermögen: etwa Aktien, Sparbücher, Immobilien. Statistik-Tücken: Arm ist nicht gleich arm - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,828175,00.html)
Aus Wikipedia: Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln e.V. (IW) mit Hauptsitz in Köln und einem Hauptstadtbüro in Berlin ist ein arbeitgebernahes Wirtschaftsforschunginstitut. Es wird von Verbänden und Unternehmen der privaten Wirtschaft finanziert. Trägervereine sind die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und der Bundesverband der Deutschen Industrie. Die Mitgliedsverbände gehören in der Regel einem dieser Dachverbände an. Weiter können Unternehmen und Institutionen der privaten Wirtschaft die Mitgliedschaft erwerben. Auf wissenschaftlicher Grundlage erarbeitet es Analysen und Stellungnahmen zu allen Fragen der Wirtschafts- und Sozialpolitik, des Bildungs- und Ausbildungssystems sowie der gesellschaftlichen Entwicklung. Das Institut vertritt wirtschaftsliberale Positionen. Der Auftrag des Instituts, das sich als „führendes privates Wirtschaftsforschungsinstitut in Deutschland“ versteht, ist es nach seiner Selbstdarstellung, „das Verständnis wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Prozesse in Politik und Öffentlichkeit zu festigen und zu verbessern“. UND - nachdem man jetzt weiß - welche politische Position das WI vertritt, sollte man sich fragen, WARUM GERADE JETZT DAS "WI" DIESE STUDIE VERÖFFENTLICHT.
2. Wer ist arm oder besser gesagt arm dran?
irreal 17.04.2012
Zitat von sysopEin geringes Einkommen bedeutet nicht zwangsläufig Armut - das hat eine Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft ergeben. Demnach besitzt jeder sechste Erwachsene, der offiziell als arm gilt, ein nennenswertes Vermögen: etwa Aktien, Sparbücher, Immobilien. Statistik-Tücken: Arm ist nicht gleich arm - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,828175,00.html)
Gehen wir doch einfach mal von Deutschland aus, weil Armut ist immer gefühlt ein Spiegel des eigenen Lebensbereiches eines Menschen direkter wahrnehmbarer Umgebung. In Deutschland ist man arm dran, wenn man nicht mehr einen Geldbetrag eines Monats im Vorraus auf dem Konto liegen hat und somit nicht weiß, ob man die Pflichtbeiträge wie Wasser und Strom und Heizung (also im Winter) noch bezahlen kann und ganz besonders arm dran ist man, wenn man noch nicht mal mehr garantieren kann sein Essen bis zum Monatsende zu erhalten aus eigener Kraft (also ohne Betteln und Tafeln) und noch ärmer dran ist man, wenn man dazu noch Kinder in Hartz4 hat. Also in Deutschland ist das so. In Afrika sind die Menschen oft mehr als arm dran, weil Kinder verhungern oder im Krieg erschossen werden oder als Waisen irgendwo landen. Also wo beginnt Armut als Mass und wo beginnt ein Menschenverbrechen? Armut beginnt erst mal immer dort wo Menschen das GRUNDRECHT des LEBENS durch Menschen verwehrt wird, egal wie und warum, genau dann beginnt die Armut. Arm ist nicht gleich arm, ist Schwachsinn, weil Armunt beginnt dann wenn die Lebensexistenz nicht mehr garantiert gesichert ist, mal ganz egakl wo das ist oder in welchem Land das ist!! Die Reaktionen der Abwehr sind immer die Gleichen und die Geschichtsbücher sind VOLL davon, das Menschen sich auf Dauer eben nicht verarmen lassen können!! MFG
3. Gut.
Smartpatrol 17.04.2012
Zitat von wohlmeinAus Wikipedia: Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln e.V. (IW) mit Hauptsitz in Köln und einem Hauptstadtbüro in Berlin ist ein arbeitgebernahes Wirtschaftsforschunginstitut. Es wird von Verbänden und Unternehmen der privaten Wirtschaft finanziert. Trägervereine sind die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und der Bundesverband der Deutschen Industrie. Die Mitgliedsverbände gehören in der Regel einem dieser Dachverbände an. Weiter können Unternehmen und Institutionen der privaten Wirtschaft die Mitgliedschaft erwerben. Auf wissenschaftlicher Grundlage erarbeitet es Analysen und Stellungnahmen zu allen Fragen der Wirtschafts- und Sozialpolitik, des Bildungs- und Ausbildungssystems sowie der gesellschaftlichen Entwicklung. Das Institut vertritt wirtschaftsliberale Positionen. Der Auftrag des Instituts, das sich als „führendes privates Wirtschaftsforschungsinstitut in Deutschland“ versteht, ist es nach seiner Selbstdarstellung, „das Verständnis wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Prozesse in Politik und Öffentlichkeit zu festigen und zu verbessern“. UND - nachdem man jetzt weiß - welche politische Position das WI vertritt, sollte man sich fragen, WARUM GERADE JETZT DAS "WI" DIESE STUDIE VERÖFFENTLICHT.
Sehr guter Beitrag und eine objektiv kritische Betrachtung, die Spon gut zu Gesichte gestanden hätte.
4. Hier bleibt arm, was arm ist
Federal-States-Of-Europe 17.04.2012
Aktien, Sparbücher und Immobilien gibt es für Frührentner, die eine Grundsicherung zu ihrer zu geringen Rente erhalten, um die monatlichen Bezüge auf das Hartz IV-Niveau aufzustocken, allerdings nicht. Bei ihnen wird die Vermögenssituation im Vorwege genau geprüft. Schlimmer noch: Frührentner, die durch eine Erkrankung voll erwerbsunfähig geworden sind, haben bis zu ihrem Ableben gar keine Chance mehr, mehr Geld zu erhalten, zu verdienen oder anzusammeln. Sie werden das Hartz VI-Niveau wegen ihrer Erkrankung niemals überschreiten können, während reguläre Hartz IV-Empfänger zumindest noch die Chance dazu haben, in den Arbeitsmarkt zurück zu kommen. Hier gilt nicht nur als arm, was auch arm ist, sondern das, was auch arm bleibt. So viel zum Thema Gerechtigkeit...
5. agitprop unserer neoliberalen freunde
zynik 17.04.2012
Zitat von wohlmeinAus Wikipedia: Das Institut der deutschen Wirtschaft Köln e.V. (IW) mit Hauptsitz in Köln und einem Hauptstadtbüro in Berlin ist ein arbeitgebernahes Wirtschaftsforschunginstitut. Es wird von Verbänden und Unternehmen der privaten Wirtschaft finanziert. Trägervereine sind die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände und der Bundesverband der Deutschen Industrie. Die Mitgliedsverbände gehören in der Regel einem dieser Dachverbände an. Weiter können Unternehmen und Institutionen der privaten Wirtschaft die Mitgliedschaft erwerben. Auf wissenschaftlicher Grundlage erarbeitet es Analysen und Stellungnahmen zu allen Fragen der Wirtschafts- und Sozialpolitik, des Bildungs- und Ausbildungssystems sowie der gesellschaftlichen Entwicklung. Das Institut vertritt wirtschaftsliberale Positionen. Der Auftrag des Instituts, das sich als „führendes privates Wirtschaftsforschungsinstitut in Deutschland“ versteht, ist es nach seiner Selbstdarstellung, „das Verständnis wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Prozesse in Politik und Öffentlichkeit zu festigen und zu verbessern“. UND - nachdem man jetzt weiß - welche politische Position das WI vertritt, sollte man sich fragen, WARUM GERADE JETZT DAS "WI" DIESE STUDIE VERÖFFENTLICHT.
Das sagt eigentlich alles, was man zu diesen Statistiken aus der Abteilung Agitprop sagen muss. Warum tauchen derartige Infos nicht im Artikel auf? Was soll bei den Lesern hängen bleiben? HartzIV-Bezieher haben Aktien und Immobilien? Viele Arme sind garnicht arm? Ein weiteres Beispiel wie sauber "unsere" Statistiker und Journalisten arbeiten: Irreführende Darstellung der Entwicklung der Nettolöhne und Abzüge in Welt-dpa-Grafik: Absicht oder Irrtum?*|*NachDenkSeiten – Die kritische Website (http://www.nachdenkseiten.de/?p=12893#more-12893)
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Die Hartz-Reformen
Arbeitslosengeld I
Anspruch auf Arbeitslosengeld hat, wer
- arbeitslos ist,
- der Arbeitsvermittlung zur Verfügung steht,
- die Anwartschaftszeit erfüllt,
- sich bei der Agentur für Arbeit arbeitslos gemeldet und
- Arbeitslosengeld beantragt hat.
- Die Dauer des Anspruchs hängt von der Länge der versicherungspflichtigen Beschäftigung und vom Alter ab. Die Höchstgrenze sind 24 Monate.
Arbeitslosengeld II
Nach dem Arbeitslosengeld I bekommt man das Arbeitslosengeld II (ALG II) - eine Grundsicherung für erwerbsfähige Arbeitsuchende. Sie ersetzte 2005 die frühere Arbeitslosenhilfe und die Sozialhilfe, sofern es sich um erwerbsfähige hilfsbedürftige Personen handelt. Nichterwerbsfähige oder in sogenannten Bedarfsgemeinschaften lebende Hilfsbedürftige erhalten das geringere Sozialgeld. ALG II und Sozialgeld sind Sozialleistungen, keine Versicherungsleistungen. Sie werden aus Bundesmitteln finanziert.
Hartz IV/SGB II
Mit Hartz IV wird das "Vierte Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt" bezeichnet, das zum 1. Januar 2005 in Kraft getreten ist. Die Grundsicherung wird durch das Zweite Buch Sozialgesetzbuch (SGB II) geregelt, das am 1. Januar 2005 in Kraft getreten ist. Beide zusammen regeln das Arbeitslosengeld - im Volksmund wird das Arbeitslosengeld II "Hartz IV" genannt.
ARGE/Jobcenter
Die Arbeitsgemeinschaften (Argen) sind ein Zusammenschluss der Arbeitsagenturen und kommunaler Träger. Sie werden auch Jobcenter genannt und sind für die Betreuung der Hartz-IV-Empfänger zuständig.
Peter Hartz
Peter Hartz wurde 2002 von der damaligen Bundesregierung unter Gerhard Schröder mit der Erarbeitung von Reformen für den Arbeitsmarkt beauftragt.