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Studie: Zahl der psychisch bedingten Krankschreibungen steigt drastisch

Raubt die moderne Arbeitswelt den Deutschen den letzten Nerv? Laut einer Studie der Techniker Krankenkasse melden sich heutzutage 40 Prozent mehr Beschäftigte aus psychischen Gründen krank als noch vor zehn Jahren. Auch die Einnahme von Psychopharmaka steigt deutlich an.

Patient und Ärztin: Immer mehr Arbeitnehmer sind aus psychischen Gründen krank Zur Großansicht
DPA

Patient und Ärztin: Immer mehr Arbeitnehmer sind aus psychischen Gründen krank

Berlin - Stress und hohe Belastung am Arbeitsplatz führen zu immer mehr Krankschreibungen. In den vergangenen zehn Jahren sei die Anzahl psychisch bedingter Krankschreibungen bundesweit um fast 40 Prozent gestiegen, teilt die Techniker Krankenkasse (TK) in ihrem aktuellen Gesundheitsreport mit, in dem erstmals Daten aus einem Jahrzehnt berücksichtigt wurden.

Psychische Störungen sind demnach einer der Hauptgründe für Fehlzeiten bei Beschäftigten. "Die Arbeitswelt hat sich in diesen zehn Jahren deutlich gewandelt", erklärte der Vorsitzende des TK-Vorstandes, Norbert Klusen. Der Arbeitsrhythmus sei weniger selbstbestimmt als noch vor zehn Jahren, sagte Klusen. Als Stress-Gründe nannte er vor allem die Zunahme befristeter Jobs sowie die Beschleunigung und Hektik durch massenweise E-Mails und die ständige Erreichbarkeit über Handy. "Das geht an den Menschen nicht spurlos vorbei."

Der Sozialmediziner Thomas Grobe sagte: "Wir wissen alle, wie die Arbeitswelt sich verändert hat - und das geht auf die Nerven." Patienten mit psychischen Erkrankungen sind der Studie zufolge meist sehr lange arbeitsunfähig, oftmals mehrere Monate. Umso schwerer falle dann die Wiedereingliederung des Mitarbeiters in den Arbeitsalltag, sagte Klusen. Fehlzeiten mit Krankengeldbezug, also Ausfälle länger als sechs Wochen, nahmen laut Gesundheitsreport allein im vergangenen Jahr um zehn Prozent gegenüber dem Vorjahr zu.

Drastischer Anstieg von Psychopharmaka

Psychopharmaka wurden 2009 deutlich häufiger verschrieben als noch vor zehn Jahren. Bei Frauen hat sich die Einnahme von Antidepressiva verdoppelt, bei Männern liegt der Zuwachs sogar bei fast 120 Prozent. Auch Herz-Kreislauf-Präparate werden heute mehr als doppelt so häufig verschrieben. Nur ein Drittel des Anstiegs lässt sich laut Klusen durch das gestiegene Durchschnittsalter erklären. Bei der TK sind derzeit rund 3,4 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte und Arbeitslosengeld I-Empfänger versichert.

Von den Belastungen der neuen Arbeitswelt seien Arbeitslose nicht ausgeschlossen, sagte Klusen. Ganz im Gegenteil: "Arbeitslose sind von nahezu allen Diagnosen häufiger betroffen als jede andere Gruppe. Besonders groß ist die Schere jedoch bei den psychischen Störungen", sagte Grobe, der die Daten für die TK auswertete.

Im vergangenen Jahr waren Arbeitslose mit durchschnittlich 20,3 Tagen mehr als fünf Tage länger arbeitsunfähig als noch vor zehn Jahren. Arbeitslose Frauen erhielten doppelt so viele Antidepressiva wie berufstätige Frauen, arbeitslose Männer lagen sogar um 200 Prozent über dem Volumen der Berufstätigen.

Da Arbeitnehmer mit besseren Arbeitsbedingungen zufriedener und leistungsfähiger seien, fordert Klusen ein betriebliches Gesundheitsmanagement innerhalb der Unternehmen. Eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen würde aus Sicht des Krankenkassenvorstands in Unternehmen zu weniger Fluktuation und Fehlzeiten sowie zu einer höheren Produktivität führen.

lgr/AP/dpa/AFP

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 12 Beiträge
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1. Datenschutz?
mitbürger 27.05.2010
Wer erlaubt eigentlich einer Krankenkasse, die Daten auszuwerten? Gibt man mit seiner Unterschrift automatisch die Legitimation zur Verwendung der persönlichsten Daten? Werden die Statistiken von unabhängigen Fachleuten auf ihre Richtigkeit kontrolliert? Immerhin sind nicht alle Versicherten bei dieser Krankenkasse versichert. Vielleicht sieht es ja bei einer BKK-Unterhupfingen plus ganz anders aus. Und auf die trivialen Verbesserungsvorschläge eines Kassenchefs kann ich auch verzichten. In so einer Position könnte ich auch ruhig schlafen.
2. In der Zitronenpresse
nemansisab, 27.05.2010
Zitat von sysopRaubt die moderne Arbeitswelt den Deutschen den letzten Nerv? Laut einer Studie der Techniker Krankenkasse melden sich heutzutage 40 Prozent mehr Beschäftigte aus psychischen Gründen krank als noch vor zehn Jahren. Auch die Einnahme von Psychopharmaka steigt deutlich an. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,697162,00.html
Kein Wunder, wenn sich die Arbeitnehmer immer mehr wie Zitronen auspressen lassen bzw. lassen müssen. Ein kurzfristiger Gewinn für die Arbeitgeber. Langfristig geht diese Milchmädchenrechnung nicht auf. Wenn immer es möglich ist, sollte sich der Arbeitnehmer zurückhalten und bloß nicht zu perfekte Leistungen abliefern.
3. unne kommt nur was raus,wenn man owe genug reindut!
-marion- 27.05.2010
Der Mensch ist wohl im Kapitalismus doch nicht unbegrenzt verwertbar.Das ist doch, trotz aller Alarmrufe der Krankenkassen, zunächst einmal eine durchaus tröstliche Botschaft. Da gabs doch den Bauer, der um Geld zu sparen, seiner Kuh immer weniger zu fressen gab und dann zum Schluss enttäuscht feststellen musste: "da hab ich das Vieh endlich soweit, dass es nix mehr frißt und jetzt verreckts mir " (oder wird verrückt,könnte man dazufügen)
4. Re
Maclane, 27.05.2010
Mit Statistiken und Schlussfolgerungen daraus muss man vorsichtig sein. Es ist sicher richtig, dass es in der Arbeitswelt schon lange einen Klimawandel gibt. Es wird von Jahr zu Jahr rauer und kälter. Und gerade in den alten Bundesländern, wo die AN noch bis in die 80er quasi wie im Schlaraffenland gelebt haben, fällt es den Menschen besonders schwer, sich an die "schöne neue Welt" zu gewöhnen. Die Ossis können da (meiner Erfahrung nach) schon bisschen mehr wegstecken bzw. kennen es gar nicht anders. Man sollte aber auch erwähnen, dass psychische Erkrankungen heute wesentlich bekannter und anerkannter sind als noch vor 10 Jahren. Betroffene sind heute eher bereit wegen einer Depression zum Arzt zu gehen. Und dass das Gesundheitswesen die psychischen Erkrankungen heute schon wie einen "Wachstumsmarkt" behandelt, gehört auch dazu. Es fällt den Ärzten sicherlich nicht schwer, wochenlange Krankenscheine auszufüllen und Unmengen an Tabletten zu verschreiben.
5. nüchtern betrachtet
CHANGE-WECHSEL 28.05.2010
Zitat: Raubt die moderne Arbeitswelt den Deutschen den letzten Nerv? Zitat Ende. Ja. Und ich frage mich, was noch alles passieren muss bis sich der kränkste Teil der Gesellschaft - die Elite - ändert. Es wird, mit größter Wahrscheinlichkeit zu einer Revolution kommen und es wird Blut fließen. So war es in der Geschichte schon immer und so wird es wieder sein. Die Rechten - CDU/CSU und FDP - rüsten innenpolitisch und bei der inneren Sicherheit immer mehr auf. Und die wahren Staatsfeinde sind auch schon ausgemacht - alle Linken und Autonomen. Krank ist nicht der, der im Krankenhaus sitzt, sondern krank sind die anderen. Der im Krankenhaus muss nur vor den anderen geschützt werden.
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