Studie zu chronischen Krankheiten: "Gesundheit wird auf jeden Fall teurer"

Eine alternde Bevölkerung, mehr Übergewichtige und mehr psychisch Kranke: Die umfassende Studie des Robert Koch-Instituts verdeutlicht die Risiken im deutschen Gesundheitssystem. Der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem erklärt im Interview, was auf die Versicherten zukommt.

SPIEGEL ONLINE: Eine neue Studie des Robert Koch-Instituts zeigt, dass chronische Krankheiten seit 1988 stark zugenommen haben. Immer mehr Deutsche sind extrem übergewichtig, auch Diabetes und psychische Leiden nehmen zu. Was bedeutet das für unser Gesundheitssystem?

Wasem: In Deutschland kommt zweierlei zusammen: Wir haben eine alternde Bevölkerung, was zu deutlich steigenden Kosten führt - etwa durch mehr Herzkrankheiten. Das Robert Koch-Institut zeigt nun, dass es auch innerhalb der Altersgruppen mehr Erkrankungen gibt: Fettleibigkeit, Diabetes und Depressionen.

SPIEGEL ONLINE: Und das wird die Kosten in die Höhe treiben.

Wasem: Ja. Das gilt allerdings unter der Bedingung, dass sich nichts ändert. Die Politik bemüht sich seit 30 Jahren, den Kostenanstieg im Gesundheitssystem zu verlangsamen. 1976 hat der damalige Gesundheitsminister Heiner Geißler gewarnt, die Kosten für Gesundheit würden bis 2020 auf 100 Prozent der Wirtschaftsleistung steigen - wenn es so weitergehe wie zwischen 1970 und 1975. Tatsächlich gab es einen Anstieg, allerdings von damals sechs Prozent auf heute zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

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Diabetes, Übergewicht und Depressionen: Wie gesund leben die Deutschen?
SPIEGEL ONLINE: Die Kassen haben im Moment Milliardenüberschüsse, viele haben ihre Zusatzbeiträge wieder abgeschafft. Doch angesichts der beiden Risiken, die Sie angesprochen haben, alternde Bevölkerung und mehr chronische Krankheiten: Müssen die Versicherten mit höheren Beiträgen rechnen?

Wasem: Auf jeden Fall. Gesundheit wird teurer. Wir werden da in den kommenden Jahren nicht dran vorbeikommen. Über das Ausmaß lässt sich streiten. Auch über die Frage, was Präventionen bringen. Ich bin da eher skeptisch. Denn vieles, was präventiv gemacht wird, ist zwar gut für die Lebensqualität der Leute, verschiebt die Kosten aber nur nach hinten, ans Lebensende. Geld wird dadurch nicht gespart.

SPIEGEL ONLINE: Was halten Sie von Sonderbeiträgen für Risikogruppen? In der privaten Krankenversicherung gibt es das ja durch die sogenannten Gesundheitsprüfungen. Provokativ gefragt: Sollten übergewichtige Bürger mehr zahlen?

Wasem: Das würde unsere Gesellschaft niemals akzeptieren. Dafür ist der Sozialstaatsgedanke einfach zu stark. Die private Krankenversicherung kann sich das nur erlauben, weil die Menschen zur Not in die gesetzlichen gehen können. Außerdem darf man die Risiken nicht so eindimensional betrachten: Nicht jeder, der übergewichtig ist, bekommt automatisch Diabetes oder Herzkrankheiten. Er hat nur ein signifikant höheres Risiko. Das gilt sogar für Raucher. Das Risiko, Lungenkrebs zu bekommen, ist achtmal so groß wie bei Nichtrauchern. Trotzdem bekommt der Großteil der Raucher keinen Lungenkrebs.

Das Interview führte Christian Teevs

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1. Studie??? Menschenverstand
irgendwer_bln 14.06.2012
Zitat von sysopEine alternde Bevölkerung, mehr Übergewichtige und mehr psychisch Kranke: Die umfassende Studie des Robert-Koch-Instituts verdeutlicht die Risiken im deutschen Gesundheitssystem. Der Gesundheitsökonom Jürgen Wasem erklärt im Interview, was auf die Versicherten zukommt.
Das ist kein Studieninhalt, dass ist gesunder Menschenverstand. Dass unsere Gesellschaft immer älter wird, ist seit hunderten Jahren bekannt. Dass die psychischen Krankheiten zunehmen (da das Feld noch erforscht wird), ist ebenfalls bekannt. Vllt. hätte man mal die Möglichkeiten der Abfederung der Kosten analysieren sollen. Oder noch besser: die Reform unseres Gesundheitssystems. Was kann man tun, um langfristig die Kosten zu drücken, ohne die Leistungen brutal zusammenzustreichen? Und bitte...
2. Minimalversicherung einführen
FraSoer 14.06.2012
Früher oder später wird es wohl notwendig werden, dass die gesetzlichen Krankenkassen eine Minimaltarif anbieten. In dem nur Notfall und Routinebesuche (Zahnkontrolle, Gynäkologische Untersuchungen, etc.) beinhaltet sind und man für die anderen Leistungen selbst zahlen oder zumindest einen Anteil zahlen muss. Zudem sollte man die vielen kleinen Krankenversicherungen schließen und zu eine großen Versicherung zusammenführen, oder wahlweise den Gesundheitsfond wieder abschaffen und marktwirtschaftliche Prinzipien greifen lassen. Zuletzt gehört natürlich die Private Versicherung abgeschafft, es ist doch reine Häme dass man, wenn man genügend verdient einfach aus dem Solidarsystem austreten darf.
3.
muellerthomas 14.06.2012
Die Gesundheitsausgaben sind in Deutschland seit Anfang der 90er um rund 2,8% p.a. gestiegen. Da kann man wohl kaum von aus dem Ruder laufenden Kosten oder gar einer Explosion sprechen. Uns dass der Anteil der Gesundheitsausgaben am BIP in einer wohlhabenden und alternden Gesellschaft tendenziell steigt, ist kein Drama, sondern ein ganz normaler Vorgang.
4. "Gesundheit wird auf jeden Fall teurer"
polyphemos 14.06.2012
Das ist eine total falsche Behauptung. Richtig heißt es: "Der Krankheitsbetrieb wird auf jeden Fall teurer" Und er muss auch immer teurer werden, weil die Profiteure von Krankheiten, angefangen von den Industrien, die giftige Stoffe und andere Noxen in unsere Umwelt freisetzen, über die Fraßmittelindustrie bis hin zur Pharmaindustrie und den Ärzten immer noch mehr Geld abraffen wollen. Sie wissen schon, von wegen "Wachstum". Mit einer ehrlichen, mutigen, gründlichen, effizienten Prävention würden sehr bald sehr viel weniger Menschen überhaupt krank werden. Aber GENAU DASS WILL ABSOLUT KEINER, der in diesem unserem Land etwas zu sagen hat!
5.
muellerthomas 14.06.2012
Zitat von polyphemosMit einer ehrlichen, mutigen, gründlichen, effizienten Prävention würden sehr bald sehr viel weniger Menschen überhaupt krank werden. !
Das macht mich neugierig. Was genau schlagen Sie vor?
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Zur Person
  • Universität Duisburg-Essen
    Jürgen Wasem, 52, ist Professor für Medizin- management an der Universität Duisburg-Essen. Er gehört zu den profiliertesten Gesundheits- ökonomen in Deutschland. Seit 2009 ist er Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats für die Weiter- entwicklung des Risikostrukturausgleichs beim Bundesversicherungsrat.

Die bisherigen Gesundheitsreformen
1977: Die Kürzungen beginnen
Es dauert fast drei Jahrzehnte, bis es in der Bundesrepublik zur ersten größeren Gesundheitsreform kommt: Mit dem "Kostendämpfungsgesetz" der sozial-liberalen Koalition versucht die Regierung, die Inanspruchnahme von Leistungen zu steuern: Sie führt Zuzahlungen bei Arznei-, Verbands- und Heilmitteln ein - in Höhe des aus heutiger Sicht niedlichen Betrags von einer Mark pro Medikament.
1983: Auch die Rentner müssen zahlen
Mit zwei Reformen zu Beginn der achtziger Jahre werden die Zuzahlungen durch die Versicherten erhöht. Auch für die Rentner sind die rosigen Zeiten vorbei. Konnten sie sich zuvor kostenlos versichern, müssen sie seit 1983 auch einen einkommensabhängigen Beitrag leisten.
1989: Der erste Rundumschlag
Mit dem "Gesundheitsreformgesetz" von Norbert Blüm geht es ans Eingemachte: Die Eigenbeteiligung der Patienten wird weiter erhöht - etwa bei Arzneimitteln, im Krankenhaus und beim Zahnersatz. Erstmals unternimmt die Regierung auch den Versuch, die Kosten für Medikamente mit radikalen Maßnahmen in den Griff zu bekommen, indem sie Bagatallmedikamente aus dem Leistungskatalog streicht und Festbeträge für Arzneimittel einführt. Seither zahlen die Kassen nicht mehr automatisch jeden Preis für Tabletten und Co., sondern nur noch einen Höchstbetrag. Verschreibt der Arzt ein teureres Mittel, muss der Patient die Differenz zahlen. Trotz dieses Rundumschlags an Kosteneinsparungen sind die Beiträge jedoch nur für kurze Zeit stabil.
1993: Die Leistungen werden budgetiert
Gesundheitsminister Horst Seehofer verfolgt mit dem "Gesundheitsstrukturgesetz" 1993 erneut das Ziel, die Beiträge der gesetzlichen Krankenkassen in den Griff zu bekommen. Um den Anstieg der Leistungsausgaben besser zu kontrollieren, werden sie für einen begrenzten Zeitraum budgetiert. Gleichzeitig erhöht die Regierung erneut die Selbstbeteiligung bei Arznei- und Verbandsmitteln. Das Projekt einer Positivliste, die alle erstattungsfähigen Medikamente benennt, scheitert allerdings. Auch deshalb wird das Reformziel stabiler Beiträge erneut nur für wenige Jahre erreicht.
1997: Zahnersatz bitte selbst zahlen
Die "GKV-Neuordnungsgesetze" stehen ebenfalls in der Tradition ihrer Vorgängerinnen: Patienten müssen sich an den Kosten für Arznei- und Heilmittel, Krankenhaushaufenthalte und Fahrten etwa vom Krankenhaus noch stärker beteiligen. Jüngere Jahrgänge bekommen außerdem geringere Kassenzuschüsse beim Zahnersatz.
1999: Rot-Grün wagt den Leistungsausbau
Mit dem "Solidaritätsstärkungsgesetz" bringt erstmals seit rund zwei Jahrzehnten eine Gesundheitsreform wieder ein Mehr an Leistungen. So werden unter anderem die Zuzahlungen für die Patienten gesenkt. Gleichzeitig führt die rot-grüne Koalition aber zur Begrenzung des Ausgabenwachstums erneut Budgets für Arzthonorare, Krankenhäuser und Arzneimittel ein.
2004: SPD und Union bitten zur Kasse
Nachdem die rot-grüne Regierung in den Folgejahren ebenfalls zum Leistungsabbau umgeschwenkt ist, wagt sie in Kooperation mit dem unionsdominierten Bundesrat ähnlich wie 1989 einen Kostendämpfungsrundumschlag: Das "Gesetz zur Modernisierung der Gesetzlichen Krankenversicherung" sieht unter anderem vor, dass Patienten eine Praxisgebühr von zehn Euro pro Quartal zahlen müssen, verschreibungsfreie Medikamente gar nicht mehr erstattet werden und die Selbstbeteiligung bei erstattungsfähigen Arznei- und Heilmitteln zehn Prozent der Kosten (maximal zehn Euro) beträgt.
2005: Paritätische Finanzierung am Ende
Aus für ein Prinzip, das seit 1883 in Deutschland bestand: Wurden die Beitäge zur Krankenversicherung zuvor paritätisch finanziert, also jeweils zur Hälfte durch den Arbeitgeber und den Arbeitnehmer, müssen die Versicherten nun einen Sonderbeitrag in Höhe von 0,9 Prozent zahlen.
2009: Der Gesundheitsfonds kommt
Zum Jahresbeginn 2009 ändert sich die Finanzierung der Krankenkassen grundlegend: Konnten die Versicherungen bislang ihren Beitragssatz weitgehend selbst festlegen, wird dieser künftig einheitlich von der Regierung bestimmt. Die Beiträge der Arbeitgeber und Arbeitnehmer mitsamt Steuerzuschuss fließen nun in den Gesundheitsfonds. Die Krankenkassen erhalten dann Pauschalen pro Versichertem von dieser gigantischen Geldsammelstelle. Weitere Änderung: Jeder Bürger muss eine Krankenversicherung abschließen.