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Kapitalflucht-Studie: Reiche bunkern mehr als 20 Billionen Dollar in Steueroasen

Zwischen 21 und 32 Billionen Dollar sollen weltweit in Steueroasen liegen. Das hat jetzt die Untersuchung eines ehemaligen McKinsey-Managers ergeben. In manchen Entwicklungsländern sind die sogenannten Offshore-Vermögen sogar größer als die Staatsschulden.

Grenzschild zur Liechtenstein: Schleudergefahr im Steuerparadies Zur Großansicht
REUTERS

Grenzschild zur Liechtenstein: Schleudergefahr im Steuerparadies

Hamburg - Die Traumziele mancher Millionäre heißen Jersey, Liechtenstein oder Cayman Islands. Nicht unbedingt, um dort Urlaub zu machen - sondern um ihr Vermögen dem Zugriff des Finanzamts zu entziehen. Die Reichen der Welt haben Finanzvermögen von 21 bis 32 Billionen Dollar in Steueroasen gebunkert. Das entspricht mehr als dem gesamten Bruttoinlandsprodukt der USA.

Die beeindruckende Zahl ist das zentrale Ergebnis einer am Sonntag veröffentlichten Untersuchung für die Organisation Tax Justice Network (übersetzt etwa: Netzwerk für Steuergerechtigkeit). Studienautor James Henry, früher Chefvolkswirt der Unternehmensberatung McKinsey, bezeichnete die dem Fiskus entzogenen Privatvermögen als "großes schwarzes Loch in der Weltwirtschaft".

Das Tax Justice Network ist eine Nichtregierungsorganisation, die sich den weltweiten Kampf gegen die Steuerflucht auf die Fahnen geschrieben hat. Die Studie verwendet Daten der Weltbank, des Internationalen Währungsfonds (IWF), der Vereinten Nationen und der Zentralbanken. Untersucht wurden nur Finanzvermögen. Nicht berücksichtigt wurde Sachvermögen wie Immobilienbesitz im Ausland, Goldbestände oder Luxus-Yachten, die unter der Flagge von Steueroasen fahren. Längst nicht alle dieser sogenannten Offshore-Vermögen haben mit illegaler Steuerhinterziehung zu tun. In vielen Staaten lassen sich Steuern auch ganz legal vermeiden, indem man sein Vermögen in Steueroasen verschiebt.

Nach den Erkenntnissen von Studienautor Henry ist das Problem in Entwicklungsländern besonders gravierend. So hätten die reichsten Bürger in 139 Entwicklungsländern von den siebziger Jahren bis 2010 nicht ausgewiesene Vermögen über schätzungsweise 7,3 bis 9,3 Billionen Dollar angehäuft. In zahlreichen Entwicklungsländern ist das Offshore-Vermögen der Bürger sogar größer als die gesamte Staatsverschuldung.

Insgesamt rund zehn Millionen Menschen halten laut Henry zumindest Teile ihres Vermögens außerhalb ihres Heimatlands. Wirklich relevant ist dabei aber nur eine wesentlich kleinere Gruppe: Henry schätzt, dass rund die Hälfte des in Steueroasen gebunkerten Vermögens rund hunderttausend Superreichen gehört.

Durch die Kapitalflucht entgehen den Staaten fortlaufend gewaltige Steuereinnahmen: Bei einer angenommenen Jahresrendite von drei Prozent wächst das weltweite Offshore-Vermögen allein durch Zinsen, Dividenden und Kursgewinne um mindestens 630 Milliarden Dollar pro Jahr. Wenn es gelänge, diese Erträge mit der in Deutschland gültigen Kapitalertragsteuer von 25 Prozent zu belegen, ergäbe das weltweite zusätzliche Steuermehreinnahmen von 157,5 Milliarden Euro. Zum Vergleich: Die Steuer- und Zolleinnahmen in Deutschland lagen 2011 bei insgesamt 527 Milliarden Euro.

Zu den Nebeneffekten der Steuerflucht gehört auch, dass sie die Vermögenskonzentration in den Staaten, aus denen das Geld stammt, geringer erscheinen lassen, als sie wirklich ist. Denn die außer Landes geschafften Vermögensteile dürften zum Großteil den oberen Zehntausend einer Gesellschaft gehören, fließen aber in die Berechnung der Vermögenskonzentration nicht mit ein. Inklusive Offshore-Vermögen ist der Wohlstand der Welt also noch ungleicher verteilt als es ohnehin den Anschein hat.

ric/Reuters

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1. ohne
Asirdahan 22.07.2012
Zitat von sysopZwischen 21 und 32 Billionen Dollar sollen weltweit in Steueroasen liegen. Das hat jetzt die Untersuchung eines ehemaligen McKinsey-Managers ergeben. In manchen Entwicklungsländern sind die sogenannten Offshore-Vermögen sogar größer als die Staatsschulden. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,845747,00.html
Diese Leute sind schlicht und einfach Verbrecher an ganzen Völkern. Leider gibt es weit und breit keine Institution, die das eindämmen kann bzw. will. Vor diesen Tatsachen sind Appelle von Staaten, den Elenden auf der Welt zu helfen, pure Heuchelei.
2.
sons.of.liberty 22.07.2012
Wenn dem Ottonormalverbraucher jetzt auch noch endlich die Verflechtungen zwischen Finanzindustrie und Politikern erkennen kann "es" langsam mal beginnen ... Goldman Sachs hat Griechenlands Zahlen beshöningt? Zufall. Mappus wurden von Notheis (dt. Chef MorganStanley) die Worte in den Mund gelegt? Ach, Einzelfall. Eng befreundet. Ich vermisse vom Spiegel investigativen Journalismus. P.S.: Jedem Guthaben steht eine mindestens genauso große Schuld gegenüber...
3. vielleicht
crocodil 22.07.2012
erheben die Banken in den genannten Ländern bald auch Anspruch auf einen "Rettungsschirm" von der IWF? Es ist doch eine Schande, wenn soviel Geld transferiert wird und hier in Europa steigen die Schulden. Hat der Staat da keine Kompetenz, das zu unterbinden? Es sind doch viele Institiutionen im Einsatz, aber wahrscheinlich nur darauf bedacht, wieviel kann man noch von den Einwohnern kassieren. Aber halt, lieber mal wieder den Strompreis für EEG erhöhen - davon profitiern nur die großen Industriebetriebe, die das nur zu Promillewerte zu zahlen haben. Der Gelacktmeierte ist doch wieder mal der einfache Bürger. Zu Strompreiserhöhung ab Oktober - bekomme jetzt knapp 30 € mehr an Rente und dann werden wieder 20 € für den Strom ausgegeben. Die Frau Merkel legt 50 € in die rechte Tasche und nimmt aus der linken wieder 30 €!!!!
4. Sie haben alle Namen
nomadas 22.07.2012
Es ist nicht die Moral oder die deformierte Psyche, auch nicht der kriminelle Kick, nein, ätzend ist etwas anderes. Ihr Wirken und Tun heisst in der offiziellen Sprache: Sie haben Verantwortung übernommen für...das Unternehmen, die Firma, die Arbeitsplätze, den Staat u.s.w - Diese Wolf-im-Schafspelz Lüge ist der Gipfel aller Vorstellungskraft. Sie agieren gerne als die Leistungsträger, die Stützen einer Gesellschaft, die Macher, die den Fortschritt der Menschheit gepachtet haben und für selbigen verantwortlich sind. Und zur Tarnung als Gutmensch treiben sie`s in den Wohltätigkeitssponsor-VIP-Etagen, weltweit. Das Tarnen & Täuschen ist ihr Elexier, ihr Kick, was sie unterscheiden tut, von der Plebs, den Massen, die sie im Grunde verachten. Diese happy few dieser Welt haben in der Tat einmal die Verantwortung zu übernehmen, wenn das Ende gekommen sein wird. Sie haben in ihrem perversen Leben den Blauen Planeten zerstört. Sie suchen nach einer "Ersatzerde" im All, sie sehnen sich nach einer Art "Arche Noah 02", nur für sich, zum Überleben. Die Uhr zurückstellen auf null und: one more time...es war doch so schön, yeah! Sie machen nur die Rechnung ohne den Wirt, welch ein Pech aber auch! regarde les riches, la porte c`est tout ce qu`ils affichent...
5.
neu_ab 22.07.2012
Nun, dann wissen wir ja, wo das ganze Geld hinwandert; an ein paar Zehntausend Gauner, die immer noch frei herumlaufen & den Rest der Welt ins Chaos stürzen. Eine Frage stellt sich dennoch. Wenn schon bekannt ist, daß es sich so verhält, wieso wird das Geld nicht beschlagnahmt, die Leute vor Gericht gestellt (Steuerhinterziehung, Schwarzgeld, Geldwäsche, etc.), das Geld zurück an die Nationalstaaten überführt. Schon komisch.
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Daten und Fakten zur Steuerhinterziehung
Wie viel Steuern hinterziehen die Deutschen?
Steuerhinterziehung ist laut Deutscher Steuergewerkschaft zum Volkssport geworden. Auf 30 Milliarden Euro schätzt die Organisation das Volumen der jährlichen Steuerhinterziehung in Deutschland.
Was ist Steuerhinterziehung?
Steuern hinterzieht, wer gegenüber den Finanzbehörden keine, falsche oder unvollständige Angaben macht und dadurch Steuern verkürzt oder Steuervorteile erlangt. Daneben beschreibt das Gesetz besonders schwere Fälle der Steuerhinterziehung, für die ein besonders hoher Strafrahmen zur Verfügung steht. Das ist etwa der Fall, wenn jemand eine Stellung als Amtsträger ausnutzt oder als Mitglied einer Bande Umsatzsteuern hinterzieht.
Wann macht man sich strafbar?
Ein Bürger macht sich strafbar, wenn er selbst Steuern hinterzieht oder sich an der Tathandlung eines anderen beteiligt. In diesem Fall spricht man von Mittäterschaft, Anstiftung oder Beihilfe. Auch der Versuch einer Hinterziehung ist strafbar.
Müssen Steuersünder ins Gefängnis?
Steuerhinterzieher müssen nicht zwangsläufig ins Gefängnis. Gesetzlich wird Steuerhinterziehung mit einer Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren oder mit Geldstrafe bedroht. In besonders schweren Fällen kann die Freiheitsstrafe bis zu zehn Jahre betragen. Welche Strafe im Einzelfall ausgesprochen wird, hängt von verschiedenen Faktoren ab, maßgeblich jedoch von der Höhe des hinterzogenen Betrages. Aber auch Beweggründe und Ziele des Täters, sein Vorleben oder das Verhalten nach der Tat kommen in Bertacht - etwa ein Bemühen, den Schaden wiedergutzumachen.
Wie vermeidet man eine Bestrafung?
Wer unrichtige oder unvollständige Angaben beim Finanzamt berichtigt oder ergänzt oder unterlassene Angaben nachholt, bleibt insoweit straffrei. Man spricht in diesem Rahmen von einer "Selbstanzeige". Dabei gilt aber, dass eine Selbstanzeige dann wirkungslos ist, wenn sie in einer Phase erstattet wird, in der sich das Entdeckungsrisiko bereits konkretisiert hat, also beispielsweise, wenn dem Steuerpflichtigen die Einleitung eines Ermittlungsverfahrens bereits bekanntgegeben wurde oder die Betriebsprüfung oder Steuerfahndung bei ihm erscheint.
Wie funktioniert eine Selbstanzeige?
Eine bestimmte Form der Selbstanzeige ist nicht vorgeschrieben. Es empfiehlt sich, den Rat eines Experten, zum Beispiel eines Steuerberaters, hinzuzuziehen, da viele Details zu beachten sind.
Verjährt das Delikt?
Die Verjährungsfrist beträgt grundsätzlich nach den allgemeinen strafrechtlichen Vorschriften fünf Jahre. In einem besonders schweren Fall von Steuerhinterziehung sind es zehn Jahre. Die strafrechtliche Verjährungsfrist beginnt, wenn die Tat beendet ist. Davon unabhängig ist die steuerliche Verjährungsfrist. Diese beträgt zehn Jahre. Das heißt, dass die Finanzbehörden hinterzogene Steuern auch noch nach zehn Jahren einfordern können.


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