"Stuttgart 21" Baubranche verzweifelt an Deutschland

Der Streit über "Stuttgart 21" hat für die deutsche Bauindustrie Symbolcharakter: Scheitert das Projekt, könnten sich die Firmen von ihrem Heimatmarkt abwenden. Gewinner wären Konzerne aus Ländern wie Spanien, in denen Großprojekte leichter möglich sind.

Von Nils-Viktor Sorge

Baustelle am Stuttgarter Bahnhof: Bedeutung des Heimatmarktes schrumpft
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Baustelle am Stuttgarter Bahnhof: Bedeutung des Heimatmarktes schrumpft


Hamburg - Die Ausschreibung 2010/S 137-211193 ist ein Auftrag, wie es ihn in Deutschland nicht oft gibt. Eine Million Kubikmeter Erde soll der Gewinner aus der Stuttgarter Innenstadt wegschaffen, das entspricht einem Würfel mit einer Seitenlänge von 100 Metern oder etwa 70.000 Lkw-Ladungen. Dann soll ein unterirdischer Bahnhof samt hochkomplexer Dachkonstruktion und angrenzendem Tunnel entstehen.

Auf etwa eine Milliarde Euro taxieren Kenner den Auftragswert beim Bau des Herzstücks des Bahnprojekts "Stuttgart 21". Kein Wunder, dass quasi jeder für das Geschäft geboten hat, der in der europäischen Bauszene Rang und Namen hat. Am 14. Februar soll es losgehen, um den Jahreswechsel könnte der Auftraggeber, die Bahn-Tochter DB ProjektBau GmbH den Ausschreibungssieger verkünden.

Die Vorfreude auf den großen Coup hält sich in der Baubranche jedoch in Grenzen. Zehntausende demonstrieren inzwischen gegen das Vorhaben, und obwohl die Planungen längst abgeschlossen sind, die politischen Gremien zugestimmt und die nötigen Gelder bewilligt haben, will die Opposition aus SPD und Grünen das Projekt im Falle eines Sieges bei der Landtagswahl im kommenden März in Frage stellen. Die "Gefühlslage" sei angespannt, heißt es bei einem Bauunternehmen, das sich für den Auftrag interessiert.

Bei "Stuttgart 21" geht es für die deutsche Baubranche um viel. Zwar könnte es jedes einzelne Unternehmen verschmerzen, nicht zum Zug zu kommen. Doch das Projekt steht für mehr. Scheitert das Vorhaben, hätten Großprojekte womöglich auch anderswo in Deutschland schlechtere Chancen. Die Firmen fürchten, dass Stuttgart Schule macht.

Bauverband: "Alles wird in Frage gestellt"

"'Stuttgart 21' droht zu einem Fanal für unsere Gesellschaft zu werden", sagt der Hauptgeschäftsführer des Hauptverbands der Deutschen Bauindustrie, Michael Knipper, dem manager magazin. "Setzen sich die Gegner durch, würde es bedeuten, dass wir kaum noch in der Lage sind, große Infrastrukturprojekte umzusetzen."

Das Wehklagen der Industrie über lange bürokratische Prozesse bei Bauvorhaben ist nicht neu, genausowenig wie das Phänomen, dass Bürger sich gegen große Projekte wehren. Bei "Stuttgart 21" ist eines jedoch anders: Zwar hat das Projekt formal alle demokratischen Hürden genommen. Trotzdem gibt es massiven Protest aus allen Bevölkerungsgruppen.

Es ist also nicht mehr eine Minderheit - beispielsweise aus dem linken Spektrum -, die sich gegen die Mehrheitsentscheidung im Parlament auflehnt. Die Folge: Die Verlässlichkeit politischer Entscheidungen geht zurück. "Durch die Ereignisse in Stuttgart wird womöglich alles in Frage gestellt", sagt Knipper mit Blick auf die langen, aber einigermaßen berechenbaren Planungsprozesse.

Spanien schützt seine Baukonzerne vor der Konkurrenz

Schon jetzt ist die Bedeutung des Heimatmarktes für die großen deutschen Baufirmen zusammengeschrumpft. Die Branche befindet sich hierzulande insgesamt in einem schleichenden Abschwung. Seit 1995 ist der Umsatz nach Angaben des Statistischen Bundesamtes von 123 Milliarden auf 85 Milliarden Euro gesunken. Die Zahl der Mitarbeiter hat sich von 1,46 Millionen auf 650.000 mehr als halbiert.

Kein Wunder, dass beispielsweise Hochtief Chart zeigen 85 Prozent seiner Geschäfte im Ausland macht. "In Deutschland gibt es mit großen Bauvorhaben kaum Geld zu verdienen", sagt Analyst Marc Gabriel vom Bankhaus Lampe.

Dennoch habe es auch Vorteile für deutsche Firmen, um die Projekte vor der Haustür zu kämpfen und einen möglichen Heimvorteil - die Nähe zur Baustelle - auszuspielen. "Großvorhaben wie 'Stuttgart 21' können für das Image eines Konzern nützlich sein", sagt Gabriel. Doch die Branche fürchtet, dass solche Referenzprojekte immer seltener werden. "'Stuttgart 21' ist die Nagelprobe, ob große Vorhaben in Deutschland noch möglich sind", heißt es in einem Unternehmen.

Nur träumen können die deutschen Konzerne von Bedingungen, wie sie Großunternehmen in anderen Ländern vorfinden. In Spanien sind in den vergangenen Jahrzehnten Baukonzerne auch deshalb zu veritabler Größe herangereift, weil der Markt für Ausländer schwer zugänglich war.

"Durch ein enges Zusammenspiel der wenigen Baukonzerne mit der Politik konnten hohe Umsatzrenditen erzielt werden. Mit diesen Gewinnen werden heute deutsche Unternehmen gekauft", sagt Bauindustrie-Vertreter Knipper mit Blick auf die vom spanischen Konzern ACS geplante Übernahme des deutschen Konkurrenten Hochtief.

Knipper erwartet, dass sich die deutsche Baubranche angesichts des Ärgers um "Stuttgart 21" weiter vom Heimatland abwenden wird. "Wenn es hierzulande immer weniger Großprojekte gibt, werden die größeren deutschen Bauunternehmen ihr Geschäft noch stärker im Ausland - vor allem Asien - suchen müssen."

Damit gehe möglicherweise auch Wissen verloren - ein Prozess, der in den Augen von Zynikern angesichts der Pannen beim Bau der Kölner U-Bahn (Bilfinger Berger Chart zeigen ) und der Hamburger Elbphilharmonie (Hochtief) bereits begonnen haben könnte. Knipper malt ein schwarzes Bild von der Zukunft der Bauindustrie in Deutschland. "Wenn wir nur noch den Bestand pflegen, wird es schwer, das Know-how für komplexe Großprojekte im Land zu halten."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 193 Beiträge
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Seite 1
peterbond0815 24.09.2010
1. na klar...
Super Logik... Konzerne, und um deren wohl sollten wir natuerlich immer besorgt sein, koennen nur dann erfolgreich sein wenn sie in ihrem Heimatland richtig abkassieren koennen. Ist das Problem dann nicht eher dass andere Laender nicht so dumm sind auslaendischen Anbietern faire Bedingungen zu bieten?
ostap 24.09.2010
2. Die Welt auf den Kopf gestellt?
Zitat von sysopDer Streit über*"Stuttgart 21" hat für die deutsche Bauindustrie Symbolcharakter: Scheitert das Projekt, könnten sich die Firmen von ihrem Heimatmarkt*abwenden. Gewinner wären Konzerne aus Ländern wie Spanien, in denen Großprojekte leichter möglich sind. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,719265,00.html
Das ist nun wirklich die absurdeste Begründung für das Milliardengrab "Stuttgart 21", die ich bisher gehört habe. Unsere Baukonzerne sind beleidigt, wenn das nichts wird, und bauen nicht mehr in Deutschland? Geht's noch? Tausende von Baubetrieben in Europa warten nur auf einen Auftrag, egal woher - natürlich auch aus Deutschland.
Ilja 24.09.2010
3. Gewinner?
Zitat von ostapDas ist nun wirklich die absurdeste Begründung für das Milliardengrab "Stuttgart 21", die ich bisher gehört habe. Unsere Baukonzerne sind beleidigt, wenn das nichts wird, und bauen nicht mehr in Deutschland? Geht's noch? Tausende von Baubetrieben in Europa warten nur auf einen Auftrag, egal woher - natürlich auch aus Deutschland.
Gewinner ist wohl eher der deutsche Steuerzahler, der den Schrott nicht bezahlen muss.
u_s 24.09.2010
4. Ein Würfel...
...mit einem Kilometer Kantenlänge ist 1 Mrd m³. Das hier ist gerade mal ein Promille davon. Vieleicht sollte man beim Spiegel wieder etwas mehr auf sachliche Richtigkeit der Artikel achten. Wenn man sich denn schon 'Qualitätsjournalismus' nennen will.
shatreng 24.09.2010
5. ...
"Es ist also nicht mehr eine Minderheit - beispielsweise aus dem linken Spektrum - die sich gegen die Mehrheitsentscheidung im Parlament auflehnt. Die Folge: Die Verlässlichkeit politischer Entscheidungen geht zurück. "Durch die Ereignisse in Stuttgart wird womöglich alles in Frage gestellt", sagt Knipper mit Blick auf die langen, aber einigermaßen berechenbaren Planungsprozesse." Wird ja auch Zeit! Die Menschen haben eben keinen Bock mehr darauf, dass Politik nach "Standortlogiken" gegen die Interessen der Menschen gemacht wird. Sobald eine Regierug im Amt ist, egal welcher Couleur, geht es immer nur um Wirtschaftsinteressen. Häufig profitieren aber eben nicht mal die Leute vor Ort davon, sondern andere. Schaut euch doch die Städte an. Alles nur voller Bürohäuser, Ketten und Discounter. Einige wenige haben die Kohle sich an einem schönen Fleckchen niederzulassen, der Rest wird verdrängt und lebt in irgendwelchen Wohnkolonien. Die Städte gehören denen, die darin wohnen!
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