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Super-Wirtschaftsmacht: China-Boom wird Deutschland gefährlich

China wächst und wächst, bald wird das Land die größte Wirtschaftsmacht der Welt sein - noch vor den USA. Vielen Deutschen macht der Aufstieg der Volksrepublik Angst. Zu Recht, meint der Ökonom Sebastian Dullien. Denn der Bundesrepublik drohen gleich drei Gefahren.

Markt in Shanghai: Der Aufstieg Chinas scheint unaufhaltsam Zur Großansicht
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Markt in Shanghai: Der Aufstieg Chinas scheint unaufhaltsam

Hamburg - Eine Prognose des Internationalen Währungsfonds (IWF) sorgte kürzlich für Aufregung: Bereits 2016, also in gerade einmal fünf Jahren, könnte China die USA als größte Volkswirtschaft der Welt ablösen. Tagelang kannten US-Talkshows und Zeitungskommentare fast nur ein Thema: Was heißt die Aufholjagd der Chinesen für die Amerikaner?

In Deutschland dagegen wurde die Nachricht kaum wahrgenommen. Ob nun die USA oder China vor Deutschland und Japan die Nummer eins der Weltwirtschaft sind, scheint auf den ersten Blick egal.

Doch diese Ignoranz könnte sich bei genauer Betrachtung als fataler Irrtum herausstellen. Tatsächlich müssen Politik und Wirtschaft in Deutschland massiv umdenken. Drei Megatrends sind dabei besonders wichtig:

  • China richtet seine Politik nicht so sehr an ordnungspolitischen Grundsätzen aus wie die USA.
  • Für Deutschland wird es deutlich schwieriger, so hohe Exportüberschüsse zu erzielen wie bislang.
  • Der Wettbewerb um Rohstoffe verschärft sich.

Zunächst zur Ordnungspolitik. Hier gilt für Pekings Führung vor allem ein Grundsatz: Erlaubt ist, was China nützt - also alles, was für Wachstum und Arbeitsplätze in China sorgt. Ob dafür die Landeswährung Yuan mit Milliardeninterventionen billig gehalten wird, Importeure mit halbseidenen Sicherheitsbedenken aus dem chinesischen Markt gedrückt werden oder der Staat einheimischen Konzernen hilft, ausländische Unternehmen zu übernehmen, um sich Know-how anzueignen - ideologische Skrupel gibt es kaum.

Ordnungspolitischer Sündenfall

In Deutschland werden Interventionen in den Devisenmarkt, das Fördern heimischer Unternehmen oder das Abschotten eigener Märkte gerne als ordnungspolitischer Sündenfall abgetan. Für eine solche Zurückhaltung mag es gute Gründe geben. Einiges spricht aber dafür, dass der ordnungspolitische Musterschüler den Kürzeren zieht, wenn andere Staaten sich partout nicht an solche Regeln halten wollen - vor allem, wenn das andere Land kein südamerikanischer Zwerg ist, sondern ein kraftstrotzender asiatischer Riese.

Natürlich waren auch die USA höchst pragmatisch, wenn es um die eigenen Interessen ging. Lupenreine liberale Ordnungs- oder Handelspolitik gab es in Washington nicht. Wenn es opportun war, verhängte Ex-Präsident George W. Bush zum Beispiel Zölle auf Stahlimporte. Und Barack Obama redet den Dollar gezielt schwach, um der Konjunktur zu helfen.

Allerdings gibt es zwei Unterschiede. Erstens verfolgen die Amerikaner - zumindest in der Theorie - die Ideologie offener Märkte. Und zweitens kollidieren die Interessen der USA und Deutschlands wesentlich seltener als dies zwischen China und Deutschland der Fall sein dürfte.

Selbst wenn China insgesamt eine ähnliche Wirtschaftsleistung wie die USA erreicht, bleibt das Land technologisch weit von der Weltspitze entfernt. Chinas Gewicht erklärt sich vor allem durch die viermal so große Bevölkerung, nicht durch technologische Führerschaft.

Dieser Unterschied hat zur Folge, dass China und Deutschland auf absehbare Zeit verschiedene Ansichten über den angemessenen Schutz von geistigem Eigentum haben werden. China wird weiter darauf setzen, dass die eigenen Firmen westliches Know-how bis hin zum Produktdesign kopieren. Deutschland wird - wie die USA - ein Interesse haben, Patente und Technologien der eigenen Unternehmen zu schützen.

Deutschland muss lernen, im Inland zu wachsen

Der zweite wichtige Punkt sind die Exportüberschüsse. Da China die Welt mit seinen Waren überschwemmt, dürfte es für Deutschland schwer werden, die eigene Wachstumsstrategie aufrechtzuhalten, die vor allem auf Ausfuhren setzt. Dauerhafte Exportüberschüsse sind nur möglich, wenn andere Länder Fehlbeträge im Außenhandel akzeptieren. Die USA haben als weltgrößte Volkswirtschaft über Jahre genau dies getan: mehr importiert als exportiert und damit die Weltwirtschaft am Laufen gehalten.

Aber was ist, wenn dieser Weg eines Tages verbaut sein sollte? Beim Export stehen China und Deutschland in direkter Konkurrenz. Wenn die Bundesrepublik nicht den Kürzeren ziehen will, muss sie inländische Wachstumsquellen finden.

Chinas Aufstieg macht sich auch auf einem anderen, dritten Gebiet bemerkbar: einem immer gnadenloseren Wettbewerb um Rohstoffe. China verbraucht viel mehr Stahl, Öl und Gas als es selbst herstellt. Pekings Regierung ist diese Abhängigkeit von ausländischen Quellen schmerzlich bewusst. Statt sich auf freien Märkten mit den Rohstoffen zu versorgen, versucht China deshalb, sich durch Käufe von Minen oder Förderrechten im Ausland langfristig stabilen Zugriff auf Metalle oder Energieträger zu sichern.

Zwei Strategien gefragt

Für Deutschland bedeutet dies, dass weniger Rohstoffe auf dem freien Weltmarkt erhältlich sein werden. Zudem dürften die Preise steigen und stärker schwanken. Super-Benzin für 1,60 Euro pro Liter ist wohl nur der Anfang.

Um die deutsche Wirtschaft von diesen Schocks abzuschirmen, sind zwei Strategien gefragt: Erstens muss Deutschland mit den europäischen Partnern eine eigene strategische Rohstoffpolitik definieren, die auch Beteiligungen an ausländischen Unternehmen beinhaltet. Zweitens muss es versuchen, sich mit erneuerbaren Energien und neuen Technologien weitgehend von Rohstoffimporten unabhängig zu machen.

Die Herausforderungen sind also gewaltig. Ein Trost bleibt aber: Politik und Wirtschaft werden etwas länger Zeit für die Umstellung haben, als es die IWF-Zahl suggeriert. Denn das Datum 2016 bezieht sich nur auf den Zeitpunkt, an dem die Kaufkraft Chinas die der USA übersteigt. Dabei wurde berücksichtigt, dass Reis und andere Grundnahrungsmittel in China wesentlich billiger sind als in den USA.

Für die globale wirtschaftliche Machtverteilung ist aber nicht Kaufkraft entscheidend, sondern die Größe der chinesischen Wirtschaft in Euro und Dollar. Und bis China in Dollar gerechnet mehr erwirtschaftet als die USA, bleibt etwas länger Zeit. Nach gängigen Schätzungen wird es wohl 2019 so weit sein.

Die größten Exporteure weltweit
Platz Land Anteile an den weltweiten Ausfuhren 2010* Nominaler Exportwert** Veränderung gegenüber dem Vorjahr*
1. Volksrepublik China 10,4 1578 31
2. Vereinigte Staaten 8,4 1278 21
3. Deutschland 8,3 1269 13
4. Japan 5,1 770 33
5. Niederlande 3,8 572 15
6. Frankreich 3,4 521 7
7. Südkorea 3,1 466 28
8. Italien 2,9 448 10
9. Belgien 2,7 411 11
10. Großbritannien 2,7 405 15
Ausfuhr insgesamt 100 15.238 22
*in Prozent
**in Milliarden Dollar
Quelle: WTO

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insgesamt 212 Beiträge
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1. Liest sich wie Stoff...
berpoc 16.05.2011
... aus den 1980ern. Da waren's angeblich die Japaner, die uns die Luft zum Atmen nehmen würden. Und wo stehen sie heute (vor dem 11.03.2011)?
2. Was, da sieht einer Gefahren ? Lächerlich !
ok-info 16.05.2011
Doch nicht für Deutschland, das den Golf produziert, BMW und Daimler ! Das kriegen die nie hin, und in Deutschland wird es nie eine Krise geben ! Die deutsche Wirtschaft ist "robust", wie die Amis gern sagen, und sie "brummt", wie die Deutschen gern sagen. Und damit basta. Krise ? Nie gehört.
3. der Ökonom Sebastian Dullien
kdshp 16.05.2011
Zitat von sysopChina wächst und wächst, bald wird das Land die größte Wirtschaftsmacht der Welt sein - noch vor den USA.*Vielen Deutschen*macht der*Aufstieg der Volksrepublik Angst. Zu Recht, meint der Ökonom Sebastian Dullien. Denn der Bundesrepublik drohen gleich drei Gefahren. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,761654,00.html
China richtet seine Politik nicht so sehr an ordnungspolitischen Grundsätzen aus wie die USA. Für Deutschland wird es deutlich schwieriger, so hohe Exportüberschüsse zu erzielen wie bislang. Der Wettbewerb um Rohstoffe verschärft sich. (aus dem artikel) Hallo, na ja es droht allen auf eine gewisse art gefahren auch china selber. Auch für china steigen die rohstoffpreise und auch china wird seine probleme mit dem export bekommen wenn wir und andere weniger haben was wir ausgeben können. Und bei den "ordnungspolitischen Grundsätzen" wird china sich bewegen müssen und das gerade im eigenen land. Mal abwarten wie das alles ausgeht denn es kommt doch meistens anders als man (der Ökonom Sebastian Dullien) denkt.
4. Leider ist das politische System in Deutschland
Seifen 16.05.2011
aus organisatorischer und fachlicher Sicht viel zu träge, um die Rahmenbedingungen für die deutsche Wirtschaft weltmarktgerecht zu gestalten. Ganz im Gegenteil, der Trend geht immer mehr in die Richtung Populismus, also das zu tun, was die Masse der Bevölkerung "für wahr hält". Da zu benötigt man allerdings keine Landesfürsten mehr sondern nur noch einige Esel, die immer nur mit dem Kopf nicken.
5. Entwicklunghilfe
Anon72 16.05.2011
Zahlt unser Staat eigentlich immer noch Entwicklungshilfe an China?
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Zum Autor
Sebastian Dullien, Jahrgang 1975, ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (HTW) Berlin und Senior Policy Fellow beim European Council on Foreign Relations. Er beschäftigt sich vor allem mit der Euro-Krise.

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