Tarifarbeitszeit Ostdeutsche müssen eine Stunde länger arbeiten

Tarifbeschäftigte im Osten Deutschlands konnten über die Jahre durchsetzen, weniger zu arbeiten. Dennoch müssen sie heute eine Stunde pro Woche länger am Arbeitsplatz bleiben als ihre Westkollegen.

Bauarbeiter künftigen U-Bahntunnel in Berlin
DPA

Bauarbeiter künftigen U-Bahntunnel in Berlin


In Ostdeutschland müssen Tarifbeschäftigte durchschnittlich eine gute Stunde pro Woche länger arbeiten als ihre Kollegen im Westen. 38,7 Stunden Wochenarbeitszeit stehen dort im Schnitt in den Tarifverträgen, im Westen sind es hingegen nur 37,6 Stunden, so dass sich für sämtliche Tarifbeschäftigten ein gesamtdeutscher Durchschnittswert von 37,7 Stunden ergibt.

Die Daten gehen aus dem Arbeitszeitkalender der gewerkschaftlichen Hans-Böckler-Stiftung hervor. Deren Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Institut (WSI) hat aus ihrem Tarifarchiv für die jährliche Studie Tarifverträge aus 25 Branchen ausgewertet.

Bei der Analyse stellten die Tarifexperten zudem erhebliche Unterschiede zwischen den Branchen fest. Die vereinbarte Arbeitszeit schwankt zwischen 34 Stunden bei der Deutschen Telekom AG und 40 Stunden etwa im gesamtdeutschen Bauhauptgewerbe oder in der Landwirtschaft.

Die tatsächlich geleistete Arbeitszeit liegt Befragungen zufolge mit 43,5 Stunden ohnehin weit über dem tariflich vereinbarten Maß. Das liegt zu einem an durchschnittlich längeren Arbeitszeiten für nicht tarifgebundene Arbeitnehmer und an etlichen tariflichen Ausnahmeregelungen wie in der Metallindustrie, sagte der Leiter des WSI-Tarifarchivs, Thorsten Schulten. Hinzu kommen Millionen bezahlte und unbezahlte Überstunden.

Arbeitszeit im Osten war zuletzt gesunken

Im Osten kennen selbst Tarifbeschäftigte die 35-Stunden-Woche nur vom Hörensagen. Gerade einmal für 9,1 Prozent gilt diese Obergrenze, während vier von zehn Tarifbeschäftigten noch eine 40-Stunden-Woche haben. Im Westen haben nur noch 8,3 Prozent eine derart lange Regelarbeitszeit.

Auf lange Sicht hat sich seit den neunziger-Jahren an der Arbeitszeit im Westen kaum noch etwas geändert. Für einzelne Berufsgruppen beispielsweise im öffentlichen Dienst wurde sie sogar wieder verlängert. Im Osten hat sich die vertraglich fixierte Wochenarbeitszeit seit 1994 hingegen um eine Stunde verringert. Dass sie immer noch über der Arbeitszeit im Westen liegt, hängt auch mit der fehlenden regionalen Durchschlagskraft der Gewerkschaften in einzelnen Wirtschaftszweigen zusammen.

Die IG Metall will in der anstehenden Tarifrunde für die Metall- und Elektroindustrie individuelle Arbeitszeitverkürzungen auf bis zu 28 Stunden mit Rückkehrrecht durchsetzen. Bestimmte Personengruppen wie junge Eltern oder pflegende Familienangehörige sollen dabei einen Lohnausgleich erhalten.

kig/dpa



insgesamt 63 Beiträge
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Sonnenschein11 27.07.2017
1. psst! nicht so laut
Sonst gehen die Ostdeutschen noch womöglich auf die Barrikaden.... Wenn sie wüssten, das sie seit über 25 Jahren nur veräppelt werden. Laut Tagesspiegel verdienen in Berlin über 55% weniger als 16.800,-€. Also vorzugsweise Ostberlin. Quelle: http://www.tagesspiegel.de/wirtschaft/wohnungsmangel-in-berlin-jeder-zweite-berliner-hat-anspruch-auf-eine-sozialwohnung/20071348.html
phrasenmaeher 27.07.2017
2. Nun ja,...
... dafür verdienen sie auch im direkten Vergleich mitunter deutlich weniger. Das ist dann sozusagen der gerechte Ausgleich nach gesamtdeutscher Wirtschaftsart. Faszinierend finde ich übrigens auch, dass in Beschwerdebriefen, welche ich u. a. bearbeite, immer noch gerne darauf hingewiesen wird, dass der betroffene Mitarbeiter "offensichtlich ein Ostdeutscher" war. Ist vermutlich nur ein wohlgemeinter Hinweis, der irgendwie die Identifikation erleichtern soll, falls kein Name bekannt ist - komischerweise wird hier niemals ein "Hesse" oder ein "Rheinländer" explizit erwähnt. Aber die Wiedervereinigung ist ja nun auch erst knapp 30 Jahre her, da kann man ruhig noch ein wenig differenzieren. Vor allem bei Lohn und Arbeitszeit, siehe auch https://www.welt.de/wirtschaft/article162211415/Beim-Einkommen-bleiben-die-Ostdeutschen-abgehaengt.html Es wächst eben nur sehr langsam zusammen, was zusammen gehört.
HuFu 27.07.2017
3. Nun ja...
Ich kenne NUR die 40 Stundenwoche. Schon zu DDR-Zeiten und dann zu Westzeiten. Neben generell weniger Lohn / Gehalt kommt das ja noch obendrauf... aber Hauptsache die "landschaften blühen"... ^^ Auch gibt es in der gleichen Firma immer noch starke Lohngefälle zw. Ost und West. Eine Tarifgleichheit sieht in meinen Augen anders aus!
keine Zensur nötig 27.07.2017
4. Und wieder mal zu kurz gesprungen -
Der Skandal geht ja noch weiter - in allen pekunären Dingen hackt es den Durchschnitts-Ossi. Fächendeckend sehen Tarifverträge bis hin zu Renten eine Zwei-Klassen-Bezahlung vor - bis hinein in den öffentlichen Dienst. Die vielgepriesene Angleichung hat und kann also nicht stattfinden. Das Preisniveau bei Basisbedürfnissen, wie Miete, Strom, Wasser und Essen ist angeglichen. Wen also wundert es, dass die Abgehängten der Gesellschaft ihr Heil bei Parteien suchen, die im Westen des Landes keine Chance haben. Und je ärmer die Gegend, desto radikaler der Übriggebliebenen. Wer es kann geht halt weg - nennt man Mezzogiorno-Effekt. Unabhängig davon, dass viele Unternehmer im Osten nicht tarifgebunden sind, haben die Gewerkschaften selbst ihren Untergang im Osten herbeigeführt. Deren westliche Funktionäre führten nach Wende wie im Westen und übergingen großzügig die Befindlichkeiten der Mitglieder und propagierten auch bei absaufenden Unternehmen noch Lohnerhöhungen, damit das ALG I besser wird. Selbst bauten oder kauften sich diese Herren aber Häuser. Dumm nur, dass diese Sklavenarbeit jetzt im Westen des Landes auch Fuß gewinnt. Und nachdem per Ukas aus Berlin den unabhängigen Gewerkschaften der Garaus gemacht wird, da lächelt man leise und denkt sich - das wird den etablierten Gewerkschaften auf Dauer auch keinen Nutzen bringen.
Shevchenko 76 27.07.2017
5. Tja, und das...
...27 Jahre nach der Wende! Es gibt keinen Grund hier Unterschiede zu machen! Der Mauerfall war gut! Aber dann ist der gierige westliche Kapitalismus über den Osten hergefallen, hat ostdeutsche Firma zerstört und Aufbaugelder in Form von Subventionen in den Westen zurückgeleitet. Dafür wurden dann auch nur die nötigsten Aufbaumaßnahmen geleistet, oder Standorte nach dem Abgreifen der Subventionen wieder geschlossen. Die Löhne werden weiterhin in den Tarifverträgen bewusst extrem niedrig gehalten. Nicht nachvollziehbar!
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