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Tarifrunde 2012: Jetzt ist Zahltag

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Frühere Warnstreiks, mehr Druck auf die Arbeitgeber: Im aktuellen Tarifpoker gehen die Gewerkschaften härter zur Sache als in früheren Jahren - zu Recht. Jetzt ist es an der Zeit, dass Millionen Beschäftigte für ihre jahrelange Bescheidenheit kräftig belohnt werden. Gerade wegen der Krise.

Warnstreik im Öffentlichen Dienst in Hannover: Das richtige Mittel Zur Großansicht
dapd

Warnstreik im Öffentlichen Dienst in Hannover: Das richtige Mittel

Das öffentliche Mitgefühl gilt an diesem Donnerstag den Gästen der Cebit. Muss es ausgerechnet die Messe in Hannover und ihre 100.000 Besucher treffen, wenn Ver.di Busse und Bahnen der Stadt lahmlegt?

Darauf gibt es - bei allem Verständnis für den Ärger - nur eine Antwort: ja. Etwas Klügeres als die weltgrößte Technologiemesse zu bestreiken hätte den Gewerkschaftern nicht einfallen können. Der relativ kleine Warnstreik erreicht so maximale Wirkung. Und für die kommenden Wochen gilt: Macht weiter so! Verschafft euch Gehör! Denn jetzt seid ihr dran, liebe Arbeitnehmer.

6,5 Prozent mehr Geld und mindestens 200 Euro mehr Lohn fordern die rund zwei Millionen Beschäftigten im Öffentlichen Dienst in der gerade begonnenen Tarifrunde, 6,5 Prozent verlangt auch die IG Metall für 3,6 Millionen Arbeitnehmer in der Metall - und Elektroindustrie. Sechs Prozent sind es in der Chemiebranche. Klingt üppig? Stimmt, und das ist gut so.

Im Aufschwung fiel für die Arbeitnehmer kaum etwas ab

Denn erstens gilt das vergangene Jahrzehnt nicht ohne Grund als verlorenes für die deutschen Arbeitnehmer: Über alle Berufsgruppen hinweg hatten Beschäftigte seit dem Jahr 2000 unterm Strich weniger Geld in der Tasche, weil die Preise für Mieten, Lebensmittel und Energie deutlich schneller stiegen als ihre Löhne. Das schadet auf Dauer nicht nur der Motivation - und damit der Produktivität unzähliger Arbeitnehmer. Die vielen Niedriglohnjobber - die das deutsche Jobwunder maßgeblich möglich gemacht haben - bedroht es sogar in ihrer Existenz.

Selbst im gerade auslaufenden kräftigen Aufschwung fiel für die Arbeitnehmer kaum etwas ab. Die Unternehmensgewinne sprudelten, die Privatvermögen stiegen, aber die Einkommen bewegten sich nur millimeterweise vorwärts. Die Beschäftigten in der Metallbranche müssen immer noch verdauen, dass sie sich in der Tarifrunde vor zwei Jahren unter dem Eindruck der Krise massiv zurückhielten - und just danach ein Konjunkturschub sondergleichen einsetzte. Jetzt fürchten die Metallarbeiter, dass ihnen das schwächere Wachstum in diesem Jahr die Tarifrunde abermals vereitelt.

Dabei ist es zweitens gerade die sich abkühlende Konjunktur, die für ein kräftiges Lohnplus spricht. Denn die Lage der deutschen Volkswirtschaft hat sich grundlegend gewandelt: Anders als vor zehn Jahren bedroht nicht mehr mangelnde internationale Wettbewerbsfähigkeit unser Wachstum, sondern die schwächere Nachfrage. Die Euro-Zone, Deutschlands wichtigster Exportmarkt, wird allen Vorhersagen nach dieses Jahr eine Rezession durchlaufen. Auch die Chinesen dürften angesichts schrumpfender Wachstumszahlen künftig nicht mehr so spendierfreudig sein wie in den vergangenen Jahren. In dieser Situation ist es richtig, die Kaufkraft in Deutschland zu stärken und so den Binnenkonsum anzukurbeln. Denn sicher ist: Gerade untere und normale Einkommensgruppen geben zusätzlich verdientes Geld aus, statt es auf dem Sparkonto zu bunkern. Viel hilft in diesem Fall viel.

Enttäuschende Reaktion der Arbeitgeber

Drittens spielt der Fachkräftemangel erstmals in einer Tarifrunde eine entscheidende Rolle - vor allem für den Öffentlichen Dienst. Seit Jahren fallen hier die Löhne im Vergleich zur Privatwirtschaft weiter ab. Auf dem Bewerbermarkt sind die städtischen Kitas, Krankenhäuser und Stadtwerke damit schon lange nicht mehr konkurrenzfähig. Wenn hier nichts Entscheidendes passiert, müssen sich Eltern schon bald damit abfinden, dass die Betreuung ihrer Kinder nur vom verfügbaren, aber sicher nicht vom besten Personal übernommen wird. Das gleiche gilt für Beschäftigte in Kliniken oder Pflegeheimen.

Und die Arbeitgeber? Die ersten Signale waren, gelinde gesagt, enttäuschend, denn - egal ob Öffentlicher Dienst oder Metallindustrie - sie alle bleiben an ihren alten, verstaubten Ritualen kleben: Da wird über leere Kassen der Kommunen geklagt, vor dem sich abzeichnenden Abschwung gewarnt oder über die unverhältnismäßigen Forderungen geschimpft. Angebote machten die Arbeitgeber bislang jedoch nicht. Dass Ver.di deshalb gleich zum größten Druckmittel greift und kurz nach dem Auftakt der Tarifrunde das Land mit Warnstreiks überzieht, kommt daher nicht überraschend. Es ist in dieser Situation das richtige Mittel.

Bleiben die öffentlichen Arbeitgeber bei ihrer Haltung, dürften die Verhandlungen scheitern und in einem unbefristeten Streik enden. Für die Metaller läuft erst Ende April die Friedenspflicht aus. Danach könnten auch sie zeitgleich mit den Beschäftigten des Öffentlichen Dienstes in den Ausstand treten. Das käme einer kleinen Katastrophe für die Arbeitgeber gleich, würde aber vermutlich schnell zum Ziel führen - und die Arbeitnehmer endlich zu ihrem längst überfälligen Lohnplus bringen.

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1. .
c_c 08.03.2012
und was ist mit den Zeitarbeitern, die den Festangestellten die unangenehmen Arbeiten abnehmen und diese Unkündbaren subventioniert haben all die ganzen Jahre?
2.
juleswdd 08.03.2012
Zitat von sysopdapdFrühere Warnstreiks, mehr Druck auf die Arbeitgeber: Im aktuellen Tarifpoker gehen die Gewerkschaften härter zur Sache als in früheren Jahren - zu Recht. Jetzt ist es an der Zeit, dass Millionen Beschäftigte für ihre jahrelange Bescheidenheit kräftig belohnt werden. Gerade wegen der Krise. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,820047,00.html
Komisch, soweit ich unterrichtet bin, sind sämtliche öffentlichen Haushalte immer noch defizitär, und dies insbesondere auch wegen der horrenden Personalkosten. Von daher sind die Forderungen von VerDi und Konsorten doch nur die Aufforderung, noch mehr Schulden zu machen. Wie man so etwas im Hinblick auf künftige Generationen auch noch unterstützen kann, bleibt mir völlig unerfindlich!
3.
juleswdd 08.03.2012
Zitat von c_cund was ist mit den Zeitarbeitern, die den Festangestellten die unangenehmen Arbeiten abnehmen und diese Unkündbaren subventioniert haben all die ganzen Jahre?
Aus welchem Märchenbuch zitieren Sie?
4. Danke
Korken 08.03.2012
Zitat von sysopdapdFrühere Warnstreiks, mehr Druck auf die Arbeitgeber: Im aktuellen Tarifpoker gehen die Gewerkschaften härter zur Sache als in früheren Jahren - zu Recht. Jetzt ist es an der Zeit, dass Millionen Beschäftigte für ihre jahrelange Bescheidenheit kräftig belohnt werden. Gerade wegen der Krise. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,820047,00.html
Ein sehr schön zu lesender Artikel.
5. Guter Artikel
Mo2 08.03.2012
Zitat von sysopdapdFrühere Warnstreiks, mehr Druck auf die Arbeitgeber: Im aktuellen Tarifpoker gehen die Gewerkschaften härter zur Sache als in früheren Jahren - zu Recht. Jetzt ist es an der Zeit, dass Millionen Beschäftigte für ihre jahrelange Bescheidenheit kräftig belohnt werden. Gerade wegen der Krise. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,820047,00.html
Nach all den Zahltagen für Banken, Shareholder und Amigos sind jetzt mal die wirklichen Leistungsträger dran. Lasst euch nicht unterkriegen, holt das Geld im Zweifelfall bei den Erstgenannten ab!
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