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Taumelnder Diktator: Jagd auf Gaddafis Milliarden beginnt

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Dem einen Sohn spendierte er in München eine Millionenvilla, den anderen rächte er, indem er Milliarden aus der Schweiz abzog: Libyens Diktator Muammar al-Gaddafi hat immense Reichtümer angehäuft. Mit seinem nahenden Sturz beginnt jetzt die Suche nach dem Geld.

Libyen: Die Milliarden des Gaddafi-Clans Fotos
REUTERS

Hamburg - In Libyen tobt ein blutiger Machtkampf, mit bedingungsloser Brutalität versucht Machthaber Muammar al-Gaddafi die Revolte niederzuschlagen.

In der Schweiz aber hat bereits ein anderer Kampf begonnen: Der Anwalt Ridha Ajmi in Fribourg hat den Schweizer Bundesrat aufgefordert, alle Vermögenswerte Gaddafis und seiner Familie einzufrieren. Es gelte, den Verlust von Anlagen in der Schweiz zu verhindern. Schließlich seien das "Anlagen, die aus der Unterschlagung libyschen Staatsvermögens stammen könnten."

Vor gut einem Monat hatte der tunesischstämmige Ajmi schon einmal eine ähnliche Initiative gestartet. Damals ging es um das Schweizer Vermögen des gerade gestürzten tunesischen Staatschefs Ben Ali. Kurz darauf froren die Eidgenossen Alis Gelder tatsächlich ein. Dazu nutzten sie ein Gesetz, das eigentlich erst Anfang Februar in Kraft treten sollte - das nach dem haitianischen Ex-Diktator benannte "Lex Duvalier". Drei Wochen später wurden die verschärften Regeln schon wieder gebraucht: Auch das Vermögen des zurückgetretenen ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak fror die Schweiz ein. "Bei Tunesien hat es noch ein paar Tage gedauert", sagt der Jurist Mark Pieth, der an der Uni Basel ein internationales Zentrum zum Wiederauffinden veruntreuten Vermögens leitet. "Bei Mubarak war es nur eine halbe Stunde."

Ist Gaddafi nun der nächste Potentat, der um seine Reichtümer fürchten muss? Bis vor kurzem schien das noch undenkbar. Schließlich war der selbsternannte Revolutionsführer dank seiner Milliarden auch in Europa ein hofierter Geschäftspartner. Nun aber schwankt Gaddafis Regime, erste Minister haben sich abgesetzt, libysche Stämme drohen, die Ölförderung zu blockieren. Und Gaddafi-Gegner wie Ajmi hoffen auf ihre Chance.

Zu holen gäbe es genug. Das Vermögen des Gaddafi-Clans wird auf viele Milliarden Dollar geschätzt. Belastbare Angaben existieren nicht, aber zahlreiche Hinweise auf den unglaublichen Reichtum der Familie. Gaddafis Sohn Saif al-Arab etwa machte als Student in München nicht nur durch wiederholte Probleme mit der Polizei von sich reden, sondern auch als Käufer der Villa von Ex-Hypo-Real-Estate-Chef Georg Funke. Kaufpreis: 7,8 Millionen Euro.

Um ihr Auskommen zu sichern, zweigten die Gaddafis regelmäßig einen Teil der Erlöse der staatlichen Ölgesellschaft ab, berichteten US-Diplomaten laut der Enthüllungsplattform WikiLeaks 2006 nach Washington. Die National Oil Corporation erwirtschaftet jedes Jahr bis zu 40 Milliarden Dollar. "Nur ein paar Tropfen aus den Erlösen der Ölgesellschaft kommen beim Volk an", sagte ein libyscher Diplomat SPIEGEL ONLINE. "Da lässt sich schnell ausrechnen, welche Summen die Gaddafi-Familie in die eigene Tasche steckt."

Teure Rache für Hannibal

Gaddafis finanzielle Macht zeigte sich auch, als sein Sohn Hannibal 2008 in der Schweiz wegen der angeblichen Misshandlung von Angestellten vorübergehend festgenommen wurde. Gaddafi wütete, forderte gar die Auflösung des Landes. Zugleich wurden nach Zahlen der Schweizer Nationalbank rund vier Milliarden Euro libyschen Vermögens von Schweizer Konten abgezogen - fast 90 Prozent der zuvor dort geparkten Gelder.

Wo ist das Geld jetzt? "Da muss man immer auf die Offshore-Finanzzentren gucken", sagt Caspar von Hauenstein von der Anti-Korruptions-Organisation Transparency International (TI). Über Treuhänder könnte Gaddafi Vermögen in den Fonds von Steuerparadiesen wie den Cayman-Inseln oder den British Virgin Islands angelegt haben. Das Problem: Um das Geld zu finden, bräuchten Staatsanwälte ein Register über die Besitzer solcher Fonds. "So etwas gibt es heute nicht", kritisiert Hauenschild.

Der Schweizer Jurist Pieth vermutet, dass Gaddafis Geld in den Arabischen Emiraten oder Singapur gelandet sein könnte. "Es kann aber auch gut sein, dass seine Freunde in Italien behilflich waren." Schließlich hat Gaddafi die frühere Kolonialmacht schon vor Jahren als Investitionsstandort entdeckt. Über den libyschen Staatsfonds Lia ist das Land unter anderem an der Großbank Unicredit Chart zeigen, dem Autobauer Fiat Chart zeigen, dem Luft- und Rüstungskonzern Finmeccanica Chart zeigen und dem Fußballclub Juventus Turin beteiligt.

"Jede Bank wird wie wild wühlen"

Gerade Gaddafis Rolle als vordergründig seriöser Investor dürfte es aber schwer machen, im Fall eines Umsturzes die Veruntreuung von Geldern zu verhindern. "Das Problem ist, dass der Staatshaushalt nicht klar vom Herrscherhaushalt getrennt ist", sagt Pieth. Niemand weiß, wie viel Geld Gaddafi von staatlichen Investments abzweigt. Ohne Ermittlungen der heimischen Justiz aber erlaubt selbst das vergleichsweise scharfe Schweizer Lex Duvalier kein Einfrieren von Gaddafis Konten. Ein solcher Schritt ist im über Jahrzehnte völlig auf den Diktator ausgerichteten Libyen vorerst nicht zu erwarten.

Pieth sieht deshalb weniger die Regierungen als die Banken in der Pflicht. Die sind durch internationale Vereinbarungen eigentlich längst verpflichtet, verdächtige Kontobewegungen sogenannter politisch exponierter Personen (Politically Exposed Persons) zu melden. "Diese Regeln gelten weltweit, aber sie werden auch weltweit ignoriert", klagt Pieth. So sind in der Schweiz mittlerweile gut 60 Millionen Euro gesperrt, die von Tunesiens gestürztem Präsidenten Ben Ali stammen sollen. Angesichts solcher Summen müssen sich die Institute laut Pieth fragen lassen: "War euch nicht klar, dass das ein anrüchiges Regime ist?"

Dass Gaddafi ein skrupelloser Diktator ist, hat er spätestens in den vergangenen Tagen bewiesen. Sollten andere Länder deshalb die Jagd auf Gaddafis Milliarden eröffnen, erwartet Korruptionsexperte Hauenschild wesentlich größeren Aufruhr als im Fall von Tunesien oder Ägypten: "Da werden Heere von Anwälten unterwegs sein und jede Bank wird wie wild wühlen." Die Erfolgsaussichten schätzt Hauenstein dennoch als begrenzt ein. "Man wird nie alles Geld finden."

Noch pessimistischer ist der libysche Diplomat. "Ich gehe davon aus, dass es Gaddafi so ergehen wird wie den Ex-Despoten in Ägypten oder Tunesien. Sprich: Die Gelder werden zunächst eingefroren. Das meiste Geld jedoch wird vermutlich fürs Volk verloren sein."

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insgesamt 14 Beiträge
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1. Auf der einen Seite,
flower power 23.02.2011
die gewünschte Demokratie, verständlich. aber auf der anderen Seite werden nun die Horden der Forderungssteller wie die Heuschrecken auftauchen und sich an den Geldern wiederum bereichern. Das Geld sollte dem Volk gehören und sonst niemand. Doch sicherlich wird einiges davon nicht auffindbar sein ( oder gemacht, oder gestellt, oder als solches angegeben ) wie bei solchen Gelegenheiten eben - und weg ist es. Bei Geld hört halt oft die Demokratie auf.
2. Naivitaet
Albedo4k8, 23.02.2011
von SPON ist schon erstaunlich. Bankster interessiert sich nicht die Bohne ob Blut an Geld kleppt oder nicht. Moral hat dieser Berufstand doch selbst keinen warum sollten sie diese bei ihren Kunden erwarten?
3. Bingo!
eternalorakel 23.02.2011
Na endlich! Jetzt wird auch das richtige Thema, die Ursache der ganzen angeblichen Krise ersichtlich: Man macht Jagd auf Gaddafis Milliarden, wie der Titel schonsagt. Damit ist auch alles gesagt, was gesagt werden kann!
4. Oller Klepper
lezel 23.02.2011
Zitat von Albedo4k8von SPON ist schon erstaunlich. Bankster interessiert sich nicht die Bohne ob Blut an Geld kleppt oder nicht. Moral hat dieser Berufstand doch selbst keinen warum sollten sie diese bei ihren Kunden erwarten?
Sie irren sich. Aber ich möchte nicht von Ihnen verlangen, daß Sie sich die Pflege Ihrer Vorurteile durch irgendwelche Sachkenntnis trüben lassen, und werde Ihnen deshalb auch keine Erkenntnisse aufdrängen.
5. ....
taggert 23.02.2011
Ich würde diesen Schritt, wie bei den anderen Diktatoren, begrüßen, WENN man sich nicht zu 100% sicher sein könnte, das das meiste Geld "verschwindet" oder so lange "um-gelabelt" wird, bis es sich die nächsten Geier einverleiben. Es ist einfach nur noch peinlich zu sehen, was in der Welt passiert. Anstatt den Demonstranten aktiv zu helfen und jagt auf Gaddafi zu machen, wird nur jagt auf sein Geld gemacht um es sich in der Hektik schnell wieder einzuverleiben und einigen Bankern und Politikern den Ruhestand im Luxus zu sichern. ALLES was an Diktator-Milliarden gefunden wird, sollte, wenn die Korrupte Politiker&Bankster Scene auch nur einen HAUCH von Anstand hat, zu 100% den neuen Regierungen gegeben werden. Sobald diese etabliert und stabil sind... Aber das ist leider genauso ein Wunschdenken, wie an den Weihnachtsmann zu glauben.
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Fläche: 1.676.198 km²

Bevölkerung: 6,253 Mio.

Hauptstadt: Tripolis

Staatsoberhaupt und Regierungschef:
Fayez Sarraj (Präsident des Präsidialrates)

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