Krise in Südeuropa Italiener stürmen Deutsch-Kurse

Tausende Italiener büffeln plötzlich Deutsch. Die Sprache Goethes galt lange als schwer und wenig nützlich. Doch nun locken nördlich der Alpen Jobs und Geld. Für Auswanderungswillige ein guter Grund, sich mit der für sie schwierigen Grammatik abzuplagen.

Von , Massa Marittima

Foyer des Goethe-Instituts in Rom: Sehnsucht nach dem Land, wo die Konsonanten blühen
Goethe-Institut Italien

Foyer des Goethe-Instituts in Rom: Sehnsucht nach dem Land, wo die Konsonanten blühen


"Es wird immer schlimmer", sagt Massimo. Die Kommunen in Italien, für die der selbständiger Handwerker arbeitet, sind quasi pleite. Sie zahlen Massimos Rechnungen mit monatelanger Verspätung. Manchmal dauert es ein Jahr, bis er sein Geld bekommt. Er aber muss Material, Steuern und Abgaben immer sofort bezahlen, oft auf Kredit.

Massimo hat keine Lust mehr auf Italien, er sucht sein Glück im Norden. "Ick gehe nack Deutscheland", sagt Massimo. In der Nähe von Ulm hat Massimo Verwandte, da will er hin, da will er arbeiten und mehr Geld verdienen als daheim. Ein kleines Problem gibt es noch: Er muss Deutsch lernen. "Das sär schwierige", stöhnt er. Aber er werde es schon schaffen.

So wie Massimo plagen sich derzeit Tausende von Italienern, junge wie ältere, mit einer Sprache ab, deren Grammatik sie ebenso ratlos lässt wie die zungen-, lippen- und halsbrecherische Aussprache. Worte wie Schleswig-Holstein oder Bordsteinkante gelingen schlicht nicht. Und der in Italien immer noch vergötterte Formel-1-Pilot Michael Schumacher wird selbst von den Experten im italienischen Fernsehen "Skumaker" genannt.

Trotz alledem, Deutschlernen, lange verpönt, ist plötzlich in: An Schulen und Universitäten, in den Kursen des Goethe-Instituts oder privater Sprachschulen. Mehr als 400.000 italienische Schüler in Mittel- und Oberschulen wählen inzwischen Deutsch als zweite Fremdsprache. 2011 nahm die Zahl der Deutsch-Büffler um 18 Prozent zu, in diesem Jahr dürfte der Zuwachs noch größer ausfallen. Französisch und Spanisch dagegen liegen im Abwärtstrend.

Protest oder pauken

Auch Sprachschüler weit jenseits des Schulalters lernen privat "Deutsch für Ärzte" oder "Deutsch für Juristen". Lehrer und Ingenieure stürzen sich genauso auf die angesagte Fremdsprache. Denn wer den gutturalen und an Konsonanten überreichen Nord-Dialekt beherrscht, hat bessere Chancen auf einen guten Job und ein ordentliches Gehalt - oder hofft es zumindest.

Denn Deutschland ist der größte Wirtschaftspartner Italiens. 16 Prozent aller Importe sind "Made in Germany", 13 Prozent aller Italo-Exporte gehen über die Alpen nach Deutschland. Über 2000 Firmen in Italien sind Außenstellen deutscher Unternehmen - Bosch, Mercedes, Lufthansa zum Beispiel - oder befinden sich in deutschem Besitz. Bei diesen Firmen arbeiten 170.000 Italiener. Wer von denen "tedesco", (Deutsch) kann, hat bessere Aufstiegschancen. Und wer in einem qualifizierten Beruf wie Arzt oder Jurist lieber gleich ins wirtschaftsstärkste Land Europas wechseln will, muss sowieso gute Deutschkenntnisse mitbringen.

Am gesamten Mittelmeer wird Deutsch gelernt

Nicht nur die Italiener haben die ökonomischen Chancen germanischer Sprachfertigkeiten entdeckt. In allen Mittelmeer-, sprich: Krisenländern ist neuerdings Deutsch angesagt, in Spanien ebenso wie in Portugal. In Griechenland nahm die Zahl der Deutsch-Schüler sogar um 30 Prozent binnen eines halben Jahres zu.

Kein Wunder, die Arbeitslosigkeit ist fast überall im Süden Europas drückend, selbst für gut ausgebildete junge Menschen gibt es daheim derzeit kaum Chancen auf einen ordentlichen Job. Folglich zieht es Ingenieure, Ärzte, IT-Experten ins Land, wo zwar keine Zitronen, aber dafür Konsonanten blühen - und wo der Wachstumsmotor sogar in der Euro-Krise weiter schnurrt.

Schon zeichnet sich eine neue Süd-Nord-Wanderungswelle ab. Bei weitem nicht so groß wie in den fünfziger und sechziger Jahren bei den Gastarbeiter-Großvätern. Zudem sind heute, anders als damals, keine Jobs als Stahlarbeiter, Müllmann, Pizzabäcker oder Eisverkäufer gefragt. Sondern anspruchsvolle Arbeitsplätze für gut Ausgebildete.

Zu kalt, zu fremd

Freilich, die meisten, die sich jetzt an der krisenfesten Fremdsprache abmühen, wollen nicht wirklich in den Norden. Der 39-jährige römische Bankangestellte Alessandro zum Beispiel: zu kalt, zu fremd, und dann das schwer verdauliche Essen - "Ihr macht alles mit Butter, das vertragen italienische Mägen einfach nicht". Alessandro will seine Chancen auf dem heimischen Arbeitsmarkt verbessern. Er arbeitet bei der Niederlassung eines deutschen Kreditinstituts, da läuft viel interne Kommunikation auf Deutsch. Wer die Sprache nicht beherrscht, ist immer im Nachteil.

Aber auch rein italienische Betriebe entdecken den Wert der deutschen Sprache für ihre Geschäfte. 80 Prozent der italienischen Unternehmen, die einen Arbeitsplatz für Interessenten mit zwei Fremdsprachen offerieren, verlangen heute neben Englisch deutsche Sprachkenntnisse. Ganz besonders gilt das für Jobs im Tourismussektor. Denn vier von zehn Reisenden, die es nach "Bella Italia" zieht, kommen aus dem deutschsprachigen Raum. Wer diese mit "Herzlich Willkommen" begrüßen kann und bei passender Gelegenheit "Kann ich Ihnen helfen" sagt, sammelt natürlich Pluspunkte - bei den Gästen wie beim Chef.



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insgesamt 66 Beiträge
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Seite 1
unangepasst 28.10.2012
1. Hurra......
...endlich wird Deutschland in Europa angenommen!
kuirisu 28.10.2012
2. träumen
Ich träume von Italienerinnen, mit denen ich mich zweisprachig mehr schlecht als recht unterhalte. Ich ein "ciao bella", Sie ein "hallo schöner Mann"..... und am traumhaftesten wäre es, wenn dies sogar in Deutschland möglich wäre, weil Sie hier arbeitete. *Schwärm* (Ich fordere, dass in jedem Euroartikel auch positive Utopien zu ihrem Recht gelangen!)
fatherted98 28.10.2012
3. Zu spaet....
....der Fachkraeftemangel ist vorbei...die Auftraege gehen naechstes Jahr zurueck....Kurzarbeit kommt breit wieder....dann wird uns die Krise beuteln....und dann ist nun wirklich kein Platz mehr fuer noch mehr Arbeitslose aus dem Sueden die jetzt anfangen Deutsch zu lernen...
bolzenbrecher 28.10.2012
4. Jetzt geht es los!!
Na endlich! Jetzt wird sich die halsbrecherische Fehlpolitik der europäischen Staaten an den Menschen, die sich für ihre Machthaber jahrzehntelang zur Wahlurne geschleppt haben, rächen. Wenn es vorüber ist, werden die Menschen besser darüber nachdenken, wen sie an die Regierung wählen. Aber bis es soweit ist, werden viele Jahrzehnte des Jammerns vergehen. Deutschland hat nur Bedarf an Hochqualifizierten. Alle anderen dürfen nach Ablauf der Dreimonatsfrist für EU-Bürger, wieder gen Heimat abziehen und sich den Konsequenzen der Vergangenheit stellen.
wasistsogut 28.10.2012
5. Hahahahaha
ick hab lang nickt mehr so gut gelackt ! ahahahahah nur GEIL!!!
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