Teenagermütter Nicht Kinder machen arm, sondern Hartz IV

Teenagermütter sind im Schnitt ärmer als Frauen, die später Kinder kriegen. Eine Studie zeigt jetzt: Die Ursache sind nicht frühe Schwangerschaften - sondern Hartz IV.

Hartz-IV-Bezieherinnen in Deutschland (für die vollständige Karte bitte scrollen)
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Hartz-IV-Bezieherinnen in Deutschland (für die vollständige Karte bitte scrollen)

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Keine oder nur eine schlechte Ausbildung, instabile Beziehungen, miese Berufsaussichten und in der Folge weniger Geld: Für Frauen, die schon als Teenager, also im Alter zwischen 15 und 19 Jahren, ein Kind bekommen, sind die wirtschaftlichen Aussichten nicht gut.

Unklar war bisher die Ursache: Ist es Überforderung mit der frühen Mutterschaft, die junge Frauen keine Ausbildungsstelle finden lässt? Oder sind es die generell problematischen Lebensumstände, die Teenager früher schwanger werden lassen? Und welche Rolle spielen Vorbilder wie alleinerziehende Mütter und Patchworkfamilien oder gar die Religion?

Das Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI) der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung hat dem Thema eine Untersuchung gewidmet (die Veröffentlichung finden Sie hier). Der WSI-Forscher Eric Seils hat dafür eine Reihe internationaler Studien ausgewertet, vor allem aus den USA und Kanada.

Arme Jugendliche haben früher Sex

In den USA, wo es mit fast 30 von 1000 Frauen zwischen 15 und 19 Jahren deutlich mehr Teenagermütter gibt als in Deutschland (knapp 8 von 1000), konzentrieren sich die Untersuchungen vor allem auf vier Faktoren: sozioökonomische Einflüsse, also das soziale Umfeld und das Haushaltseinkommen, die Familienkonstellation, die Religionszugehörigkeit sowie die Herkunft.

Einige der Studien zeigen, dass Jugendliche aus armen Gegenden früher Sex haben und auch die Wahrscheinlichkeit von Schwangerschaften bei Teenagern höher ist. Auch wenn die WSI-Studie einschränkt, dass die konkreten Zusammenhänge "noch relativ wenig untersucht" sind.

Mehrere Veröffentlichungen aus Neuseeland und den USA sehen einen Einfluss von Scheidungen und deren Folgen wie finanzielle Schwierigkeiten, mangelnde Betreuungsmöglichkeiten für die Töchter oder schlicht fehlende Väter. Dem WSI zufolge sind zerbrochene Familien "mit einem risikoreicheren Sexualverhalten von Heranwachsenden und der erhöhten Wahrscheinlichkeit einer frühen Mutterschaft verbunden".

Deutschland-Daten geben deutliches Bild

Weil die Datenlage in Deutschland deutlich schlechter ist als in den USA, stützt der WSI-Forscher Eric Seils seine Analyse auf Daten aus der Volkszählung (Zensus), den deutschen Statistikämtern und auf Zahlen der Bundesagentur für Arbeit. Alle Daten sind bis auf die Ebene der mehr als 400 deutschen Stadt- und Landkreise aufgeschlüsselt.

So entsteht eine Deutschlandkarte, auf der die Verteilung von Teenagermutterschaften klar zu erkennen ist: Grob gesagt ist die Quote in Ostdeutschland am höchsten, in Süddeutschland am geringsten. An der Spitze steht Brandenburg an der Havel, mit fast 27 Geburten auf 1000 Mädchen und Frauen zwischen 15 und 19 Jahren, danach kommen Pirmasens in Rheinland-Pfalz (24,8), der Salzlandkreis (21,6), Cottbus (20,9), Wilhelmshaven (20,4) und Schwerin (19,7).

Die niedrigsten Geburtenraten unter Teenagern finden sich vor allem in süddeutschen Kreisen: In Eichstätt sind es weniger als zwei Geburten je 1000 junge Frauen, es folgen die Landkreise München und Memmingen, Plön in Schleswig-Holstein, Starnberg und Kitzingen.

Um Zusammenhänge zu verdeutlichen, hat Seils diese Daten ins Verhältnis gesetzt zum Anteil

  • der Hartz-IV-Empfänger unter den 15 bis 19 Jahren alten Mädchen und Frauen im selben Landkreis

  • der Alleinerziehenden

  • der Katholiken

  • der Migranten

Langzeitarbeitslosigkeit war zuerst da

Das klare Ergebnis hat den Wissenschaftler überrascht: "Der wichtigste Einflussfaktor ist Hartz IV." Steigt der Anteil der 15 bis 19-jährigen Teenager, die Hartz IV beziehen, um zehn Prozentpunkte, geht das mit einem Geburtenanstieg um rund 5 Kinder auf 1000 junge Frauen im selben Kreis einher. Auf der Karte zeigt sich der Zusammenhang eindrucksvoll: Die Landkreise mit einem hohen Anteil von Teenagermutterschaften entsprechen fast exakt jenen Kreisen mit einem hohen Anteil von Hartz-IV-Empfängerinnen.

Wohlgemerkt: Es sind nicht nur die Teenagermütter, die vermehrt Hartz IV beziehen, sondern alle Teenager in der Region. Es sind den Daten zufolge also nicht die Schwangerschaften, die zuerst da waren, sondern eine weit verbreitete Langzeitarbeitslosigkeit. Nicht auszuschließen ist, dass es einen bisher unbekannten Faktor gibt, der sowohl Hartz-IV-Bezug als auch frühe Schwangerschaft begünstigt. Einige dieser möglichen Faktoren hat Seils getestet.

Einen kleineren Effekt haben Religion und Familienstand: Seils weist darauf hin, dass die Geburtenquote bei Teenagerinnen höher liegt, je größer der Anteil an Alleinerziehenden in einem Kreis ist. Auch mehr Katholiken sorgen für mehr Geburten: Eine Erhöhung des Katholikenanteils um 50 Prozentpunkte führt allerdings lediglich zu einer zusätzlichen Geburt je 1000 Teenagerinnen. Umgekehrt zeigte sich eine niedrigere Geburtenquote bei einem höheren Anteil von Migrantinnen in der Altersgruppe zwischen 15 und 19 Jahren.

Mit diesen Ergebnissen, sagt Seils, sei auch klar, wie die Politik Teenagermüttern helfen kann: Junge Frauen (wie auch junge Männer), die in prekären Verhältnissen aufwachsen und leben, müssen in den Arbeitsmarkt integriert werden - so bekämen sie eine Perspektive. Unternehmen müssten mehr Rücksicht auf die familiäre Situation nehmen und Länder und Kommunen müssten eine verlässliche Kinderbetreuung aufbauen.

"Die Nachteile durch eine frühe Mutterschaft werden überschätzt", sagt Seils, "denn sie ist das Symptom der Probleme, nicht die Ursache".

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 185 Beiträge
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Seite 1
reinerotto 25.08.2015
1. Gilt auch für
Nicht das Alter macht arm, sondern vorheriges H4. Durch vorherigen, zwangsweisen Verbrauch der Reserven. Wird verschärft durch "Zwangsverrentung", da dann u.U. auch noch die kleinen Reserven, welche H4 erlaubt, teilweise abgebaut werden müssen.
Unterschied 25.08.2015
2. Kids
Natürlich machen Kinder arm. Selbst der Kindergeld wird schnell z.B. durch KiTa-Beiträge aufgefressen. Kinder kosten eine Menge Geld. Ein Arbeiter wird sich wohl kaum ein Kind leisten können. Kinder bedeutet, man rutscht schnell in die Insolvenz.
Robiwan 25.08.2015
3. Richtigstellung...
Teenager ist man genau genommen ab 13 (thirteen).
Imanuel Schulz 25.08.2015
4. Jobcenter unterstützt Schwangerschaften finanziell
Als Bezieher von Hartz IV besteht grundsätzlich die Möglichkeit, eine Erstausstattung zu erhalten. Dabei wird diese auf Antrag zusätzlich zum Regelbedarf gewährt. Als Erstausstattung nach § 24 Abs. 3 SGB II kommen Beihilfen vom Jobcenter für verschiedene Dinge in Betracht, die für eine vernünftige und angemessene Haushalts- bzw. Lebensführung notwendig sind. Hierzu zählen insbesondere die Leistungen zur Anschaffung der Erstaustattung für die Wohnung bei Schwangerschaft Kleidung Auch wenn viele Jobcenter Probleme bei den Anträgen machen helfen bei der Durchsetzung Rechtsanwälte. Ich habe schon vielen ALG2 Empfängern dahingehend helfen können. Viele Grüße Imanuel Schulz
Tschepalu 25.08.2015
5. Nun...
dank an die SPD, sie hat uns Hartz IV beschert und wird dafür auch immer noch gewählt!
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