Brüssel - Von Henry Kissinger ist das Bonmot überliefert, er wisse nicht, wen er anrufen solle, wenn er mit Europa sprechen wolle. Abgesehen davon, dass ziemlich zweifelhaft ist, ob der legendäre US-Außenminister diesen Satz jemals so gesagt hat: Er stimmt auf jeden Fall nicht mehr. In der Finanzkrise hat Europa heutzutage eine Telefonnummer, und zwar die von Mario Draghi.
Laut einer Studie der Brüsseler Denkfabrik Bruegel hat der amtierende US-Finanzminister Timothy Geithner während der Euro-Krise vor allem mit dem Präsidenten der Europäischen Zentralbank (EZB) korrespondiert. Heute ist das der Italiener Draghi, bis Oktober 2011 war es der Franzose Jean-Claude Trichet.
Der Ökonom Jean Pisany-Ferry hat Geithners offiziellen Terminkalender von Januar 2010 bis Juni 2012 ausgewertet. In diesen 30 Monaten hatte der US-Minister insgesamt 168 Treffen oder Telefongespräche mit Vertretern der Euro-Zone. Die mit Abstand meisten Kontakte, 58, gab es dabei mit dem Chef der Zentralbank. "Es gibt kaum einen Zweifel daran, dass der EZB-Präsident für das US-Finanzministerium 'Mr. Euro' ist", konstatiert Pisany-Ferry.
Das ist vor allem deshalb interessant, weil Draghi gar kein Politiker ist. Er wurde auch nicht vom Volk gewählt, sondern von den Staats- und Regierungschefs ausgekungelt.
Die eigentlichen Ansprechpartner in der Euro-Zone kontaktierte Geithner dagegen sehr selten. Mit dem Chef der Euro-Gruppe, Jean-Claude Juncker, sprach er laut Terminplan lediglich zweimal - und das auch nur bei offiziellen Anlässen. Auch der zuständige EU-Kommissar Olli Rehn sowie der EU-Ratspräsident Herman van Rompuy kamen nur auf wenige Kontakte.
Stattdessen geben neben der EZB offenbar vor allem die großen Nationalstaaten Deutschland und Frankreich den Ton in der EU an. Mit Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble hatte Geithner in den zweieinhalb Jahren 36 Kontakte, mit dem jeweiligen französischen Amtskollegen 32. Alle anderen - inklusive dem britischen Schatzkanzler - sprachen deutlich seltener mit dem Amerikaner.
Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Artikels wurde Timothy Geithner an einer Stelle als US-Außenminister bezeichnet. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.
stk
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