"FuckUp Night" mit Thomas Middelhoff Narziss und Büßer

Sein Sturz war beispiellos: Thomas Middelhoff war gefeierter Star-Manager, dann kam er drei Jahre ins Gefängnis. Er sei dort ein anderer Mensch geworden, erzählt er nun vor Studenten. Ist das glaubwürdig?

Thomas Middelhoff
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Thomas Middelhoff

Aus Frankfurt am Main berichtet Florian Gontek


Als Thomas Middelhoff im Hörsaalzentrum der Frankfurter Goethe-Universität Platz nimmt, sieht er gar nicht so unzufrieden aus. Einen dunklen Pullover trägt er, weißes Hemd, Anzughose und feine Lederschuhe. So wie er da sitzt, könnte Middelhoff noch immer Vorstandschef des Medienkonzerns Bertelsmann sein, oder Aufsichtsrats- oder Vorstandschef des Karstadt-Mutterkonzerns Arcandor - wenn der nicht 2009 pleitegegangen wäre.

Middelhoff war einer der gefeierten Stars der deutschen Managerwelt. Er saß im Board of Directors der "New York Times", pachtete für 70.000 Euro im Monat Jachten in St. Tropez und schwebte per Hubschrauber über das Kamener Kreuz der A2 hinweg, wenn ihm die Baustellen und der zähe Verkehr auf dem Weg ins Büro mal wieder zu lästig waren.

Doch auf den Höhenflug folgte der tiefe Sturz. Deshalb ruhen nun im Frankfurter Hörsaal die Blicke von mehr als 1200 überwiegend jungen Zuhörern auf ihm. Middelhoff ist hier Gast der "FuckUp Night", einer Gesprächsreihe über das Scheitern und Wiederaufstehen.

Sie findet zum neunten Mal statt, jedes Jahr ist sie ein bisschen größer geworden. Mit 90 Zuhörern habe man mal begonnen, sagen die Initiatoren Jelena Klingenberg und Daniel Putsche. Mittlerweile gibt es einen Livestream im Netz, und Fragen an die Redner kommen über Twitter. 2016 hat FDP-Chef Christian Lindner über seinen Fehlschlag als Unternehmer gesprochen.

"FuckUp-Night"-Organisatoren Daniel Putsche und Jelena Klingenberg
SPIEGEL ONLINE

"FuckUp-Night"-Organisatoren Daniel Putsche und Jelena Klingenberg

Middelhoff spricht über die knapp drei Jahre, die er wegen Untreue und Steuerhinterziehung im Gefängnis verbracht hat. Um falsch abgerechnete Privatflüge ging es damals, genauso wie um eine Festschrift für seinen Förderer Mark Wössner auf Kosten des Arcandor-Konzerns. Auf drei Jahre Haft entschied das Landgericht Essen, vor ziemlich genau vier Jahren war das. Middelhoff wurde noch im Gerichtssaal in Haft genommen.

Dieser 14. November 2014 wurde für die Öffentlichkeit zum deutlichsten Wendepunkt in Middelhoffs Leben. Wobei er selbst den Zuhörern im Verlauf des Gesprächs noch ein anderes Schlüsselerlebnis offenbart, viel früher, auf dem vermeintlichen Höhepunkt seiner Karriere.

Verdorben durch den Deal seines Lebens

Er sei heute ein anderer, sagt Middelhoff, das ist ihm an diesem Abend wichtig zu betonen. Dann spricht er darüber, wie er für Bertelsmann erst in AOL investierte und die Beteiligung ein paar Jahre später wieder verkaufte, für satte 7,5 Milliarden Dollar. Das war das größte Milliardengeschäft der Bertelsmann-Geschichte. Ihn selbst machte das dank eines Bonusvertrags zu einem sehr reichen Mann. "Eine dreistellige Millionensumme in Mark", erzählt Middelhoff. Er habe sie damals umgehend an der Bar des Hotels "Four Seasons" in New York begossen.

Im Rückblick hätte er dieses Geld besser nie annehmen sollen, sagt Middelhoff nun. Nicht nur, dass es Fremdverwalter für ihn falsch investierten, als Person habe ihn die große Menge an Geld "ungenießbar" gemacht.

Einiges, was Middelhoff an diesem Abend berichtet, hat er bereits in seinem Buch "A115" beschrieben. Der Titel erinnert an die Nummer seiner Zelle, in der er als Untersuchungshäftling fünf Monate in der Justizvollzugsanstalt Essen einsaß. Middelhoff erneuert in Frankfurt auch seine harsche Kritik an der Justiz, an den Zuständen in der Haft. Vor allem die Suizidkontrolle alle 15 Minuten habe ihn zermürbt. Sie habe ihn sogar krank gemacht: Chilblain-Lupus heißt das Leiden, eine Autoimmunkrankheit, die Herz, Augen, Niere und Haut zusetzt.

Das, was er mal war, möchte Middelhoff heute nicht mehr sein

Der einstige Sonnyboy der deutschen Wirtschaft will nicht mehr der "Big T" sein, das war sein alter Spitzname. Bescheiden sei er geworden. Er fühle sich auch schuldig, etwa den Menschen gegenüber, die unter dem Stellenabbau bei Arcandor gelitten hätten. Dennoch sei der Schritt damals "alternativlos" gewesen, sagt Middelhoff.

Middelhoff im Hörsaal
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Middelhoff im Hörsaal

Er hadere auch mit seinem ausgeprägten Narzissmus, dem Hang "zum arroganten Arschloch", wie er sagt: "Ich habe für mich erkannt, dass ich diese Veranlagung gehabt habe, vielleicht auch heute noch habe."

Oft greift er an diesem Abend Episoden seiner Zeit im offenen Vollzug in der Justizvollzugsanstalt Bielefeld-Senne auf. Seine Arbeit als Freigänger in einer Behindertenwerkstatt in Bethel bezeichnet Middelhoff als "praktizierte Buße". Bewegt habe ihn die Arbeit mit einem autistischen Jungen. "Meine größte Leistung war, dass Sebastian mit mir gesprochen hat. Ich war der Einzige, mit dem er gesprochen hat. Darauf kann ich stolz sein", sagt Middelhoff.

Es sind Geschichten wie diese, die Middelhoff in den Mittelpunkt seines Vortrags stellt. Er nimmt sich Zeit für die Menschen, will einer Studierenden, die ihn nach der Veranstaltung anspricht, bei ihrer Abschlussarbeit helfen - sagt stets "alles Gute" zum Abschied.

Kann ein Narzisst sich so tiefgreifend ändern? "Ich weiß nicht, ob ich das glauben soll", sagt Lukas Zurstrassen (26), der Middelhoffs Vortrag in der ersten Reihe zugehört hat. Auch seine Sitznachbarin ist skeptisch.

Ob er mittellos sei, wird der Ex-Manager am Ende der Veranstaltung gefragt. Er sei "reich an Erfahrungen", antwortet Middelhoff. Er bekomme lediglich den Teil seiner Pensionsbezüge, der nicht gepfändet werden darf - damit komme er aus.

Middelhoff lacht, wirkt gelöst und hat etwas länger geredet als geplant. Zum Abschied schüttelt er noch ein paar Hände.



insgesamt 14 Beiträge
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pratter 14.11.2018
1. Der Mann wirkt glaubhaft.
Habe viel gelesen und und etliche Gespräche mit ihm gesehen. Er hat seine persönliche Schuld eingestanden und dafür gebüßt - in der Seele wohl mehr als die Anzahl der Haftjahre vermuten lässt. Man wünscht sich, das kleine, hohe und höchste Staatsdiener bis in die Regierung hinein für ihre Veruntreuung von Steuergeld und offensichtliche Fehlentscheidungen zum Nachteil der Bürger ebenso konsequent bestraft werden und die so die Chance erhalten, Buße zu tun. Inklusive Pfändung der Pensionsansprüche.
Moralist 14.11.2018
2. Als anwesender Zuhörer..
war ich doch etwas überrascht über das Ausmaß der Selbstreflexion. Meine Familie und ich haben selbst einige Erfahrungen dieser Art sammeln müssen. Deshalb haben wir uns mit drei Generationen zu dieser Veranstaltung eingefunden um zuzuhören, für uns einen Vergleich zu ziehen und unseren Jüngsten ein Bild am Beispiel von Herrn Middelhoff zu geben. Wir wissen wie schwer es ist für sich selbst Dinge die man mit Überzeugung entschieden hat mit den Augen anderer und der Justiz zu sehen, auch wenn die Beurteilung offensichtlich und eindeutig ist. Für uns war dieser Beitrag sehr lehrreich und authentisch. Für andere eher weniger. Für mich selbst der Demut und Selbsteinschätzung gelernt hat ist es klar das Personen die solche Dinge nicht erlebt haben immer zuerst kritisch damit umgehen müssen. Wenn diese aber per se den negativen Ansatz wählen, ist ihnen das aus unserer Sicht zugestanden, birgt aber genau die Gefahr vor der Herr Middelhoff am eigenen Beispiel gewarnt hat.
autocrator 14.11.2018
3. Katharsis
Ich glaube nicht an Katharsis, Persönlichkeitsstrukturen bleiben bestehen, es verschieben sich bestenfalls Perspektiven. Im doppelten Wortsinn: Ein Middelhoff wurde öffentlich geschlachtet ... m.E. ein Bauernopfer, um der neuadeligen Kaste der Manager, die sonst immer straffrei ausgehen, ihre Privilegien zu erhalten indem man dem "gemeinen volk" vorgaukelt, es gabe "Gerechtigkeit" und auch ein Manager kann mal aus dem Olymp fallen. Dumm gelaufen für Herrn Middelhoff, dass es ausgerechnet ihn erwischt hat – er musste die Rübe dafür hinhalten, dass 1.000 andere Manager-Adelige eben fröhlich weitermachen können. Und in dieser Rolle HAT er dann auch keine Perspektive mehr – er wird nie wieder zurück in auf den Management-Olymp dürfen. Das verändert natürlich auch seine Perspektive, seine Betrachtungsweise. Doch letztlich ist er irrelevant geworden, das weiß er auch, und richtet sich halt jetzt in seibnem privaten Umfeld so ein, dass es ihm halt persönlich "nett" dabei geht. Is ja auch OK.
mystyhax 14.11.2018
4.
Vom Saulus zum Paulus oder besser ein Gordon Gecko für "Arme". Warum die Demut nach dem großen Fall? Vielen Managern oder auch Politikern die Verantwortung für ihr Personal/Menschen tragen würde eine bisschen mehr Demut, Verständnis, Anteilnahme von Ängsten und Sorgen und ein wenig Würde gut tun. Denn ohne ihre Mitarbeiter/Menschen ist eine Firma/Staat eine leere Hülle ohne Substanz.
Dennis der Große 14.11.2018
5. Guter Artikel!
Gut auf den Punkt gebracht. Es wird noch dauern bis sich Ethik in dieser Welt durchsetzt.
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