Bericht von Forschergruppe Ungleichheit wächst weltweit, auch in Deutschland

Mehr als hundert Forscher um den Ökonomen Thomas Piketty haben einen "Weltreport über Ungleichheit" vorgelegt. Die Lage in Deutschland dokumentiert einen alarmierenden Trend.

Bettler in Berlin
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Bettler in Berlin


Die Ungleichheit in der Bundesrepublik ist heute in etwa so hoch wie vor einem Jahrhundert. Das ist ein Ergebnis des ersten "Weltreports über Ungleichheit", einer Untersuchung von mehr als hundert Forschern um den französischen Ökonomen Thomas Piketty.

Den Angaben zufolge besitzen die oberen zehn Prozent der Einkommen rund 40 Prozent am Gesamteinkommen in der Bundesrepublik - eine Schwelle, die zuletzt im Jahr 1918 überschritten wurde. Entsprechende Statistiken hat die Forschergruppe auf einer eigenen Internetseite veröffentlicht. Ausgewertet wurden unter anderem Einkommensteuerdaten.

"Die unteren 50 Prozent haben in den letzten Jahren massiv Anteile am Gesamteinkommen verloren", sagt Charlotte Bartels vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), die die deutschen Daten ausgewertet hat. "In den Sechzigerjahren verfügten sie noch über etwa ein Drittel, heute sind es noch 17 Prozent." Einschließlich Sozialtransfers, die mit den Bruttoeinkommen nicht erfasst würden, sähen die Zahlen für die unteren Einkommen vermutlich aber besser aus."

Thomas Piketty
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Thomas Piketty

Im Vergleich zu anderen Regionen der Welt schneidet die Bundesrepublik ohnehin noch immer recht gut ab. Die Schere zwischen Reichen und Menschen mit wenig Einkommen ist der Studie zufolge fast auf der ganzen Welt stark auseinander gegangen. Seit 1980 haben die reichsten ein Prozent der Weltbevölkerung ihre Einkünfte mehr als verdoppelt. Die Mittelklasse habe dagegen kaum profitiert, auch wenn das Wachstum statistisch allen Menschen zugute gekommen sei. Regional gibt es allerdings Unterschiede.

Am geringsten ist das Gefälle laut den Forschern in Europa. Dort verfügten 2016 die oberen zehn Prozent über 37 Prozent des nationalen Einkommens, in Nordamerika waren es 47 Prozent, im Nahen Osten den Angaben zufolge sogar 61 Prozent. "Seit 1980 ist die Einkommensungleichheit in Nordamerika, China, Indien und Russland rasant gestiegen", heißt es in der Studie.

Thomas Piketty ist Autor des Bestsellers "Das Kapital im 21. Jahrhundert". Dessen Grundthese ist, dass die Kapitalrenditen flächendeckend stärker ansteigen als das Wirtschaftswachstum. Piketty hatte zuletzt Kritik einstecken müssen, weil sich seine These zumindest im 20. Jahrhundert nicht flächendeckend als haltbar erwiesen hat.

ssu/dab/dpa

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insgesamt 71 Beiträge
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muellerthomas 14.12.2017
1.
" Piketty hatte zuletzt Kritik einstecken müssen, weil sich seine These zumindest im 20. Jahrhundert nicht flächendeckend als haltbar erwiesen hat." hat er ja auch nicht behauptet, im Gegenteil: Die Nachkriegszeit bis in die 1970er Jahre hinein wird doch gerade als Beispiel für eine Periode genannt, in der die Ungleichheit abgenommen hat, weil die Arbeitseinkommen stärker als die Kapitalerinkommen gewachsen sind.
yvowald@freenet.de 14.12.2017
2. Was unternimmt die künftige Bundesregierung?
Es gibt den jährlichen "Armuts- und Reichtumsbericht", den die Bundesregierung dem Deutschen Bundestag vorträgt. Die Endfassung wurde zuletzt durch die CDU/CSU-Fraktion abgemildert, da nicht sein kann, was nicht sein darf. Schon früher intervenierte der FDP-Wirtschaftsminister Rösler in gleicher Sache. Und was wird die künftige Bundesregierung an dieser beklagenswerten Entwicklung ändern? Will sie überhaupt etwas ändern? Hat sie den Mut, gegen die Reichen und Mächtigen vorzugehen und beispielsweise die Vermögensbesteuerung wieder einzuführen? Oder eine sozial-gerechte Schenkungs- und Erbschaftssteuer? Warten wir es ab!
FinWir.de 14.12.2017
3. Seit Jahre bekannt und nichts wird unternommen
Das gerade die unteren 40% der Einkommen schlechter dastehen, als vor 20 Jahren ist eine unmittelbare Auswirkung der Hartz IV Reformen, deren einzige Aufgabe es war, ein möglichst großes Reservoir an Niedriglöhnern zu schaffen, die den Druck auf die Löhne hoch halten. Währenddessen werden Kapitalerträge, Unternehmensgewinne und Spitzensteuersätze systematisch gesenkt, das Silber des Staates verscherbelt. Folgen sind Vermögenskonzentrationen, Radikalisierung der Bevölkerung und wachsende Ungleichheit bei den Einkommen.
Linaritblauer 14.12.2017
4. Wahlverhalten
Solange sich die Ungleichheit nicht im Wahlverhalten der Menschen niederschlägt, kann ich keine große Not der Mehrheit erkennen, an der bestehenden Situation etwas zu verändern. Die Top Ten freuen sich und reiben sich weiter die Hände ob des Unvermögens bzw. Unwillens der Masse über die politische Ebene eine Änderung herbeizuführen.
clifford_stoll 14.12.2017
5. Brutto oder Netto?
Ich nehme stark an, dass die Bruttoeinkommen ohne Sozialtransfers als Berechnungsgrundlage gedient haben. Entscheidend sind aber die Nettoeinkommen inklusive Sozialtransfers, sprich das, was beim Bürger im Geldbeutel landet. Und im internationalen Vergleich des dafür anerkannten Gini-Koeffizienten steht Deutschland sehr gut da, will heißen ist die Ungleichheit der Nettoeinkünfte vergleichsweise gering. Diese wird nur von Österreich und den Skandinaviern etwas unterboten.
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