Arbeitsmarkt Thüringen überschüttet gestrandete Spanier mit Hilfe

Sie waren in Thüringen gestrandet, ohne Arbeit, in desolaten Unterkünften. Jetzt ergießt sich über die 128 Spanier von Erfurt eine Fülle von Jobangeboten. Mehr als die Hälfte hat bereits eine Stelle. Doch wer nicht ganz unten anfangen will, hat es schwer.

Thüringens Wirtschaftsminister Machnig mit hilfsbedürftigen Spaniern: Nicht ganz uneigennützig?
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Thüringens Wirtschaftsminister Machnig mit hilfsbedürftigen Spaniern: Nicht ganz uneigennützig?

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Endlich ist er da, der Moment, auf den Diego López so lange gewartet hat. "Stell Dir vor", ruft der junge Spanier durchs Telefon, "gerade eben habe ich meinen Vertrag unterschrieben." Er hat ihn also doch noch ergattert, seinen Job in Deutschland. Drei Monate lang wird der 21-jährige ausgebildete Altenpfleger jetzt ein Praktikum in einem Erfurter Seniorenwohnheim machen, anschließend winkt ihm entweder eine Lehre oder sogar eine reguläre Anstellung als Pfleger.

Bezahlte Arbeit in Deutschland - daran hatte López noch vor ein paar Tagen nicht mehr geglaubt. Da hauste der junge Mann aus Toledo noch mit 20 Landsleuten im "Loch", wie sie den Keller einer ehemaligen SED-Parteischule nannten, in dem sie untergebracht waren. Ohne Perspektive und voller Wut auf die beiden deutschen Arbeitsvermittler, die 128 Spaniern staatlich geförderte Lehrstellen, Arbeitsplätze, Sprachkurse oder Unterkünfte in Thüringen versprochen hatten. Und am Ende fast alle Zusagen brachen.

Doch jetzt hat López nicht nur eine Stelle gefunden, sondern auch einen Unterschlupf. Zum Nulltarif kann er bei einer Erfurter Familie wohnen, die von seinem Schicksal gelesen hat. Seine neuen Gastgeber kochen sogar für ihn. Ihre Hilfsbereitschaft sei überwältigend, schwärmt der Spanier: "Die Deutschen haben uns gerettet."

Matthias Machnig hängt sich rein

Plötzlich sieht es gut aus für López und viele seiner Leidensgenossen. Eine Fülle von Jobangeboten ergießt sich über die Gestrandeten von Erfurt, seit deutsche und spanische Medien über ihren Fall berichten. Mindestens 76 der 128 Betroffenen haben laut der spanischen Botschaft in Berlin während der vergangenen Tage bereits einen Arbeits-, Ausbildungs- oder Praktikumsvertrag in Deutschland unterschrieben. Dazu sind mehr als 50 weitere Stellen noch zu vergeben, die hiesige Unternehmen mit den Spaniern besetzen wollen. Und noch immer gehen neue Offerten ein im "Welcome Center" des Thüringer Wirtschaftsministeriums.

"Wir sind optimistisch, dass wir allen eine berufliche Perspektive geben können", sagt Matthias Machnig. Der Minister hat sich mächtig reingehängt für die Spanier. Zwei Krisengipfel hat er bereits einberufen, heute Nachmittag folgte der dritte. Er hat die Wirtschaftsverbände an einen Tisch gebracht und sie um Einsatz für die Spanier gebeten. Und er hat einen Härtefallfonds gegründet, um die ärmsten seiner Gäste zu versorgen, denen gerade das Geld ausgeht. "Pro Kopf gab es 60 Euro", erzählt Diego López.

Ganz uneigennützig dürfte Machnigs Engagement allerdings nicht sein, der SPD-Mann braucht Positiv-Schlagzeilen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn, nachdem der SPIEGEL enthüllt hat, dass er neben seinem Ministergehalt mehr als 130.000 Euro Ruhegehalt aus seiner früheren Tätigkeit als Staatssekretär im Bundesumweltministerium kassiert hatte. Aber auch die Betriebe, die jetzt den Spaniern Jobs anbieten, handeln nicht nur aus Mitleid. "Viele Branchen haben einen echten Bedarf nach motivierten Arbeitskräften", sagt Machnig.

"Denen ist geholfen, und mir ist geholfen"

Es sind Leute wie Hannelore Neher, die Mitarbeiter brauchen. Die Besitzerin des Quality Hotels am Tierpark in Gotha hat bereits zwei Spanier als Azubis eingestellt, nun will sie noch einmal zwei dazunehmen. "Hoch motiviert" seien ihre neuen Arbeitskräfte, sagt Neher: "Denen ist geholfen, und mir ist geholfen." Schließlich finden Thüringens Hotel- und Gastronomiebetriebe kaum noch junges einheimisches Personal. Thüringens Geburtenraten sind seit der Wiedervereinigung eingebrochen, viele junge Familien ziehen weg - und die Arbeit im Gastgewerbe gilt als unattraktiv.

Da kommen die Spanier gerade recht. "Unsere Betriebe haben bereits 40 Praktikums- und Ausbildungsverträge abgeschlossen", sagt Dirk Ellinger, Geschäftsführer des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga) in Thüringen. "Zwischen 20 und 25 könnten noch in den nächsten Tagen dazu kommen." Das finanzielle Risiko für die Betriebe ist überschaubar: Hotelbesitzerin Neher etwa zahlt ihren neuen Azubis im Monat nur 525 Euro. Die Zentrale Arbeitsvermittlung (ZAV) des Bundes, die mit ihrem Programm "The Job of my Life" um Arbeitskräfte aus Südeuropa buhlt, stockt das Gehalt der Südeuropäer mit Fördermitteln auf 818 Euro auf.

Den Job ihres Lebens finden aber nur wenige der Gestrandeten. Die meisten müssen wohl erst einmal als Tellerwäscher, Küchenhelfer oder Zimmerreiniger anfangen - obwohl sie teilweise ganz andere Berufsausbildungen oder Studiengänge abgeschlossen haben. Und wer nicht in die Gastronomie oder Altenpflege will, für den wird es schwer, in Thüringen die passende Stelle zu kriegen. Zumal es bei vielen noch mit dem Deutsch hapert.



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Whitejack 18.10.2013
1. Vorteil oder Nachteil?
Gute oder schlechte Nachrichten? Positiv ist, dass es für die Betroffenen eine Perspektive gibt. Dass in Gebieten, in denen es massive Nachwuchsprobleme gibt, wieder Stellen besetzt werden können. Negativ ist, dass es Billiglohnstellen sind, dass die Gefahr weiterer Lohndrückerei besteht, und dass die Beschäftigten eigentlich überqualifiziert sind. Zudem sind die strukturellen Probleme weder in Thüringen noch in Spanien gelöst (was allerdings unabhängig von der aktuellen Initiative ist). Aber gibt es darauf effektive Antworten? Oder DIE Problemlösung? Autark sind Länder schon lange nicht mehr (genau genommen seit dem Mittelalter). Fest steht nur, dass Lösungen nicht regional, sondern nur global gefunden werden können. Auch wenn die betroffenen Gastbetriebe und Arbeitssuchenden erst einmal eine mittelfristige Lösung erreicht haben.
testthewest 18.10.2013
2.
Zitat von sysopDPASie waren in Thüringen gestrandet, ohne Arbeit, in desolaten Unterkünften und ohne zu wissen, wie es weitergeht. Nun aber ergießt sich über die 128 Spanier von Erfurt eine Fülle von Jobangeboten. Mehr als die Hälfte hat bereits eine Stelle. Doch wer nicht ganz unten anfangen will, hat es schwer. http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/thueringen-matthias-machnig-sorgt-fuer-jobs-fuer-gestrandete-spanier-a-928573.html
Das ist aber traurig. Ist es denn nicht schon EU-Gesetz, dass man in Deutschland als EU-Ausländer automatisch oben in der Karriereleiter einsteigt? Steigt man in Spanien als Berufsanfänger nicht auch unten ein? Woher kommt diese Anspruchshaltung dann?
layercake 18.10.2013
3. Denn Sie können es sich nicht leisten...
motivierte Arbeitskräfte zu vergraulen. Und erst recht kann es sich Thüringen nicht leisten, wegen 2 "Vermittler" Jupis in ganz Spanien zu blamieren. Soweit ich der Berichterstattung trauen kann, flaniert der Aufreger auch schon in der spanischen Tagespresse. Mit zwei Firmen in Thüringen weiß ich wovon ich spreche.
leser-fan 18.10.2013
4. Natürlich brauchen wir die Ausländern für
unsere Drecksarbeit; die vielen deutschen arbeitslosen Jugendlichen sind sich dafür zu fein. Danke, liebe Spanier ...zeigts denen, die sich lieber Stütze abholen und gegen Ausländer grölen.
chb_74 18.10.2013
5. Private Vermittlung
Und ich dachte immer, private Vermittler seien so effizient? Hier zeigt sich mal wieder, leider in einem recht drastischen Fall, dass Private ihre Effizienzbemühungen in erster Linie darauf konzentrien, andererleuts Geld möglichst schnell in ihre eigenen Taschen umzulagern - anders eben als staatliche Vermittlungen. Vielleicht tue ich ja hier den paar seriösen privaten Vermittlern Unrecht, aber so kategorisch wie auf staatliche Institutionen eingeschlagen wird, ist mir das herzlich egal. Privat kann nicht besser als Staat, privat ist aber oft teurer und/oder schlechter als Staat. Und weil das inzwischen genug Leute erkannt haben, ist die FDP mit unter 5% aus dem BT geflogen und liegt in Umfragen inzwischen noch unter 4%... .
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