Problemreaktoren Tihange und Doel Firmen wussten seit 1975 von Rissen in AKW-Teilen

Die belgischen AKW Tihange 2 und Doel 3 produzieren seit Jahrzehnten Strom, obwohl schon bei ihrem Bau auffällige Haarrisse entdeckt worden waren. Das zeigen interne Dokumente, die dem SPIEGEL vorliegen.

Atomkraftwerk Tihange
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Atomkraftwerk Tihange

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Die Haarrisse in den belgischen Atomkraftwerken Tihange 2 und Doel 3 wurden schon in der Bauphase der Reaktoren Mitte der Siebzigerjahre entdeckt. Das geht aus internen Sitzungsprotokollen und Analysen hervor, die die belgische Atomaufsicht FANC der deutschen Grünen-Abgeordneten Sylvia Kotting-Uhl zur Verfügung gestellt hat.

Die Dokumente, die dem SPIEGEL vorliegen, belegen erstmals, dass bereits ab April 1975 Risse in Bauteilen für die sogenannten Reaktordruckbehälter von Tihange 2 und Doel 3 festgestellt worden waren. Der Reaktordruckbehälter ist eine besonders kritische Komponente in einem AKW: Er ist eine Art Stahlkokon, in dem sich unter anderem die nuklearen Brennstäbe befinden; der Behälter soll also gefährliche radioaktive Strahlung von der Umwelt fernhalten.

Die problematischen Teile wurden bis auf eine Ausnahme in die beiden belgischen Atomkraftwerke eingebaut - obwohl sie nach Ansicht des belgischen Gutachters Bel V "gegen die Anforderung verstoßen, Materialien mit höchster Qualität einzusetzen".

Die nun aufgetauchten Dokumente dürften zu neuen Spannungen zwischen Deutschland und Belgien führen. Denn das Bundesumweltministerium befindet sich seit Jahren wegen genau dieser Risse im Streit mit der belgischen Atomaufsicht.

Als die Sicherheitsprobleme im Jahr 2012 öffentlich wurden, mussten die beiden AKW zunächst ihren Betrieb einstellen. 2015 wurden bei weiteren Tests insgesamt 3149 Haarrisse in der Reaktorhülle von Tihange 2 entdeckt, in der von Doel 3 waren es gar 13.047 Haarrisse.

Die Befunde sorgten in der Bundesrepublik für Aufregung, denn das AKW Tihange liegt nur 65 Kilometer von der deutschen Grenze entfernt; das AKW Doel rund 150 Kilometer. Käme es in einer der beiden Anlagen zu einer nuklearen Katastrophe, wären auch Teile der Bundesrepublik gefährdet (siehe interaktive Karte).

Die belgische Atomaufsicht FANC gab zunächst Entwarnung. Die Risse stellten keine Gefahr dar, teilte sie nach weiteren Tests mit. Im Dezember 2015 ging Tihange 2 wieder ans Netz, im Januar 2016 folgte Doel 3.

Deutsche Experten reagierten entsetzt. "Es ist ein Wahnsinn, was da passiert", sagte ein Mitarbeiter der deutschen Reaktorsicherheitskommission im März 2016 dem ZDF-TV-Magazin "Frontal21". "Keiner weiß, ob die Risse zu wanddurchdringenden Rissen werden können."

Im April 2016 äußerte sich die deutsche Regierung offiziell zu den belgischen AKW. Das Bundesumweltministerium benannte in einer Analyse mehrere Schwächen bei den belgischen Untersuchungen und forderte weitere Sicherheitschecks. Bis diese durchgeführt seien, sollten Tihange 2 und Doel 3 besser wieder vom Netz, empfahl Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD). Die belgische Regierung aber ließ die Skandalkraftwerke weiterlaufen.

Der Widerstand in Deutschland wuchs daraufhin. Mitte Juni bildeten rund 50.000 Atomkraftgegner eine gut 90 Kilometer lange Menschenkette von Aachen bis zum AKW Tihangeund forderten dessen sofortige Abschaltung. Ende August verteilten die Behörden in Aachen Jodtabletten an die Bevölkerung - als Vorsichtsmaßnahme, damit die Schilddrüse im Falle einer nuklearen Katastrophe kein radioaktives Jod aufnehmen kann.

Menschenkette gegen Tihange 2 und Doel 3
DPA

Menschenkette gegen Tihange 2 und Doel 3

Die Unterlagen, die dem SPIEGEL nun vorliegen, dürften den Streit zwischen den beiden Ländern verschärfen. Denn sie offenbaren, dass es bei dem Bau der zwei Skandal-AKW von Anfang an zu Unregelmäßigkeiten kam.

So wurden bereits bei einer Ultraschalluntersuchung am 4. April 1975 Risse im Bauteil C0065 gefunden. Am 22. April, keine drei Wochen später, wurde ein weiterer Ultraschalltest durchgeführt, an dem die Firma Cockerill teilnahm, ein inzwischen aufgelöstes Unternehmen, das damals am Bau von Doel 3 beteiligt war. Nun wurde das Bauteil plötzlich für akzeptabel erklärt. Als der Skandal um die belgischen AKW 2012 hochkochte, zeigte sich, dass das Bauteil C0065 eine große Zahl an Haarrissen aufweist.

Dem SPIEGEL liegen die Zusammenfassungen weiterer Ultraschalltests vor, bei denen es zu ähnlichen Unregelmäßigkeiten kam. In einem zweiten Fall wurden ebenfalls Haarrisse gefunden, das betroffene Bauteil dann aber als akzeptabel eingestuft. Bei einem dritten Bauteil wurden zunächst angeblich keine Haarrisse festgestellt, 2012 wurde dann plötzlich eine "sehr große Anzahl" solcher Defekte gefunden.

In einer internen Analyse aus dem Jahr 2012 werden zudem Probleme mit einem Bauteil für den Reaktorbehälter von Tihange 2, einem sogenannten Schmiedering, beschrieben. Auch dieser habe eine größere Zahl an Haarrissen aufgewiesen, heißt es.

Am 8. Januar 1976 hielten mehrere beteiligte Konzerne deshalb im belgischen Seraing, unweit von Tihange, ein Krisentreffen ab. Vertreten waren laut Sitzungsprotokoll ein Zulieferer, der für das problematische Teil mit verantwortlich war; zwei Firmen, die am Bau der Atommeiler beteiligt waren, sowie zwei weitere Unternehmen, die für die Bauaufsicht der beiden geplanten AKW zuständig waren und die direkt an die angehenden Betreiber der Anlagen berichteten.

Laut einem handgeschriebenen Protokoll des Treffens lieferte die Zuliefererfirma schon damals eine Erklärung dafür, wie die Risse in den AKW entstanden waren: Der Stahl sei durch unerwünschte Ansammlungen von Wasserstoff, sogenannte "Hydro-Flocken", verunreinigt worden, heißt es. Die Vertreter der beteiligten Firmen diskutierten laut Protokoll eine Reparatur des defekten Teils, verwarfen diese Idee aber wieder. Letztlich entschieden sich die Unternehmen dafür, lieber einen ganz neuen Schmiedering einzusetzen.

Die beteiligten Firmen mussten zumindest ahnen, dass dies nicht das einzige problematische Teil war, das im Hochsicherheitsbereich der zwei AKW verbaut werden würde. Obwohl es bei dem Treffen nur um den einen Schmiedering ging, ist im Protokoll das Thema "Tihange 2 - Doel 3" vermerkt. Und dem AKW-Bauer Cockerill war zu diesem Zeitpunkt bereits bekannt, dass noch in anderen Bauteilen des Zulieferers Risse gefunden worden waren.

Dennoch gibt es keine Hinweise, dass die beteiligten Firmen zusätzliche Sicherheitstests durchführten oder die entdeckten Probleme der staatlichen Atomaufsicht meldeten. Stattdessen bekräftigte einer der anwesenden AKW-Bauer laut Sitzungsprotokoll seine Sorgen, dass sich der Bau des Atomkraftwerks verzögern könnte.

Grünen-Politikerin Kotting-Uhl findet all das verdächtig. "Das Material enthält Indizien, dass es beim Bau der beiden Risse-Reaktoren nicht mit rechten Dingen zuging", sagt sie. "Und diese Merkwürdigkeiten beschränken sich nicht auf einen niederländischen Zulieferer, sondern umfassen auch AKW-Bauer und -Betreiber sowie die Bauaufsicht."

Es müsse dringend geklärt werden, welche Personen bei Hersteller, Betreiber und Bauaufsicht damals für welche Schritte rund um die mangelhaften Reaktorbehälterteile verantwortlich waren, fordert Kotting-Uhl. Auch, um anschließend der Frage nachzugehen, bei welchen anderen Atomkraftwerken dieselben Personen eine relevante Rolle spielten und ob dort alles sauber zuging.

Übersetzungen aus dem Flämischen: Peter Ahrens; Übersetzungen aus dem Französischen: Daniel Raecke 

insgesamt 45 Beiträge
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Seite 1
Palisander 22.09.2017
1. Danke für die tolle Energiewende...
da bekommen wir auch unseren Strom zu teilen her. Fühlt sich toll an.
Driver 22.09.2017
2. Das übliche
Nur selten wurde bisher die Sicherheit von Bevölkerung und Umwelt über die Interessen der Industrie gesetzt. Aktuelles Beispiel: Dieselgate. Warum sollte es also im Fall der belgischen AKW anders sein ? Somit also nur ein weiteres, trauriges Beispiel der Verquickung von Politik, Behörden und Industrie. Mit freundlichem Gruß aus der Kaiserstadt Aachen
biobayer 22.09.2017
3.
Soll jetzt noch schnell ein Fukushima-like-Effekt produziert werden zur Last-Minute-Rettung der Grünen ?
mrotz 22.09.2017
4.
Also Risse, die schon Jahrzehnten da sind und nicht größer werden sind jetzt ein Problem? Zeigt doch eher, daß diese Risse irrelevant sind.
seyffensteyn 22.09.2017
5. Wie man unschwer erkennen kann,
ist die Produktion von Strom nicht von den Haarrissen beeinträchtigt! Hier wird versucht,Entscheidungen eines anderen Landes zu beeinflussen,um dieses Land dahin zu bekommen,sich der Energiewende anzuschließen,d.h. Strom wird teurer und man soll überall im Land Masten aufbauen.Keine gute Idee!
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