Arbeitsunfälle in der Türkei: Verbrannt im Nylonzelt
Es ist die Schattenseite des Booms am Bosporus: Tödliche Arbeitsunfälle gehören in der Türkei zum Alltag. Europaweit hält das Land den tragischen Rekord. Die Regierung handelt nur halbherzig, die Gewerkschaften sind machtlos. Und auch ein deutsches Unternehmen steht in der Kritik.
Die Bilder der Toten bedecken das Pflaster der Istanbuler Flaniermeile Istiklal. Sie alle starben bei der Arbeit. Auf Werften und Baustellen, in Minen oder am Filmset. Einmal in Monat kämpfen ihre Angehörigen mit einer Demonstration gegen das kollektive Vergessen. "Das waren keine Unfälle, sondern Morde" prangt auf ihren Plakaten.
"Mein Bruder starb beim Sturz von einem Kran", spricht der Arbeiter Haydar Güney ins Mikrofon. "Es gab keine Sicherheitsvorkehrungen, und daran hat sich bis heute nichts geändert. Niemand schenkt uns Gehör. Der Schmerz ist unerträglich." Tatsächlich nimmt kaum ein Passant von Güney Notiz.
Zu alltäglich geworden sind die Meldungen über tödliche Arbeitsunfälle in der Türkei. Nirgendwo in Europa passieren passieren sie häufiger als hier, weltweit rangiert das Land laut der Internationalen Arbeitsorganisation ILO auf dem dritten Platz.
Täglich sterben dabei durchschnittlich fünf Menschen, so die Statistiken des türkischen Amtes für soziale Sicherheit. Die tatsächliche Zahl dürfte wesentlich höher liegen, denn Schwarzarbeit ist in der Türkei weit verbreitet.
Gleichzeitig gehörte die türkische Wirtschaft in den letzten Jahren zu den am schnellsten wachsenden in der Welt. Kein Zufall, sagt Ceren Uysal, Anwältin für Arbeitsrecht in Istanbul. "Die Unternehmen wollen maximalen, schnellen Profit erzielen. Dabei wird einem Menschenleben kaum Wert beigemessen."
Erst im Januar starben acht Bergarbeiter bei einer Gasexplosion im nordtürkischen Kozlu. Schon 2011 hatten staatliche Kontrolleure erhebliche Sicherheitsmängel im Bergwerk festgestellt - doch geschlossen wurde es nicht. "Unsere Gesetze für Arbeitssicherheit sind nicht schlecht, doch sie werden nicht befolgt", so Uysal. "Es fehlt an Kontrollen und harten Sanktionen."
Das Bergwerk ist in staatlicher Hand, wird jedoch von einem Subunternehmen betrieben. Das war laut Medienberichten zuvor in der Baubranche tätig und hatte im Bergbau kaum Erfahrung. Die Opfer waren unerfahrene Leiharbeiter, die ohne Sicherheitstraining in die Mine geschickt wurden.
Die großen Unternehmen werden kaum belangt
Das System von Subunternehmen ist in der Türkei weit verbreitet: Große Konzerne oder staatliche Unternehmen lassen ihre Aufträge von kleineren, billigeren Firmen ausführen. Ihre Beschäftigten sind meist ungelernte Wanderarbeiter, oft werden sie unter Mindestlohn bezahlt und nicht versichert. Neun von zehn Unfällen passieren in diesem Schatten-System.
Kommt es zum Gerichtsverfahren, werden meist die Subunternehmen für schuldig erklärt, so Anwältin Uysal. "Und da sich die Verfahren in der Regel über Jahre hinziehen, sind viele von ihnen in der Zwischenzeit verschwunden." Die großen Unternehmen würden hingegen kaum belangt.
Auch eine deutsche Firma ist in einen solchen Fall verwickelt. Im März 2012 verbrannten elf Bauarbeiter des Istanbuler Einkaufszentrums Marmara Park. Sie waren bei klirrender Kälte in billigen Nylonzelten untergebracht, ein elektrischer Kurzschluss hatte abends das Feuer ausgelöst. Sicherheitsvorkehrungen: mangelhaft.
Das Einkaufszentrum wurde im Auftrag des deutschen Unternehmens ECE errichtet, das zur Hamburger Otto-Gruppe gehört. Mitfinanziert wurde es von der Deutschen Bank. Die Opfer waren allerdings beim türkischen Sub-Subunternehmen Kaldem A.S. angestellt. Für knapp über 2 Euro Stundenlohn.
Arbeitsminister Faruk Çelik nannte das Unglück vermeidbar: "Wer auch immer verantwortlich ist, wird bestraft werden."
Mittlerweile wurden 12 Mitarbeiter der Subunternehmen angeklagt, außerdem der Chef von ECE Türkei. Er weist die Verantwortung von sich. Das 220-Millionen teure Einkaufszentrum wurde im Oktober feierlich eröffnet.
Gewerkschaften sehen das neue Gesetz skeptisch
Ein Drittel aller tödlichen Arbeitsunfälle passieren im türkischen Bausektor. Gleichzeitig gilt die Branche als Motor des Wirtschaftswachstums. Türkische Bauunternehmen zählen zu den größten Europas, sie errichten Wolkenkratzer und Flughäfen in Russland, im nahen Osten und den arabischen Ländern.
Kemal Kaya, Vorstandsvorsitzender der Sicherheitstechnik-Firma Kaya, kennt diese Branche genau. Sein Familienunternehmen betreut die Prestigeprojekte der türkischen Baubranche. Kaya: "Viele, auch große Firmen versuchen Druck auf uns auszuüben, billig und schnell zu arbeiten. Würden wir darauf eingehen, wären Unfälle programmiert."
Sein Bruder Ali Kaya sieht die Quelle der Unfälle in der türkischen Mentalität: "In der Türkei will jeder sein eigener Chef sein. Viele machen sich ohne professionelle Erfahrung selbstständig, schenken Gefahren keine Beachtung. Oft wird bis Bauende an den Plänen gezeichnet. Diese Kultur zu ändern, wird lange dauern."
Gleichzeitig loben beide das neue Gesetz für Arbeitssicherheit, das seit Januar in Kraft getreten ist. Nicht ohne Grund - ab jetzt sind Sicherheitsexperten wie die Brüder Kaya überall vorgeschrieben. Die türkische AKP-Regierung nennt das Gesetz eine Anpassung an EU-Standards. Wenn ein Arbeiter einen Arbeitsplatz für zu gefährlich hält, darf er nun die Arbeit verweigern - wie das in vielen europäischen Ländern üblich ist.
Gewerkschaften sehen das neue Gesetz skeptisch. Theoretisch sei es ein Anfang, aber die Realität sehe anders aus, sagt Serkan Öngel von der linksorientierten Gewerkschaft DISK: "Die Arbeitslosigkeit in der Türkei ist sehr hoch, und Arbeiter haben Angst ihren Job zu verlieren, wenn sie ihre Rechte einfordern." Gewerkschaften stehen unter großem Druck, Petitionen und Streiks sind nur in Ausnahmesituationen erlaubt. "Arbeitern wird reihenweise gekündigt, weil sie Mitglied einer Gewerkschaft sind", so Öngel. "Und wenn sie protestieren, werden sie von der Polizei verprügelt oder festgenommen."
Auf der Webseite www.invest.gov.tr wirbt die türkische Regierung um Investoren aus aller Welt. Gepriesen werden da Standortfaktoren wie "Längste Arbeitszeiten und geringste Krankheitsrate in Europa mit 52,9 Arbeitsstunden pro Woche", "niedrige Arbeitskosten" und "die Hingabe der türkischen Arbeitskräfte". Eine Hingabe, die im letzten Jahrzehnt über 10.000 Menschen das Leben kostete.
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