Top-Ökonom Hans-Werner Sinn: Der Mann und die Milliarden-Bombe

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Vor gut einem Jahr entdeckte Hans-Werner Sinn ein gigantisches Risiko in der Bilanz der Deutschen Bundesbank. Seitdem kämpft der Ökonom dafür, das Thema ins öffentliche Bewusstsein zu bringen. Doch das Problem ist zu sperrig für eine Talkshow. Sicher ist: Das Risiko steigt weiter.

Hans-Werner Sinn: Wortgewaltig und provokativ Zur Großansicht
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Hans-Werner Sinn: Wortgewaltig und provokativ

Berlin - Der entscheidende Hinweis kam von jenem Mann, dessen Unterschrift die D-Mark-Scheine zierte: Der ehemalige Bundesbank-Chef Helmut Schlesinger machte den Münchener Ökonomen Hans-Werner Sinn auf einen seltsamen Posten in der Bundesbankstatistik aufmerksam: Ende 2010 waren dort Forderungen von mehr als 300 Milliarden Euro an andere Notenbanken des Euro-Systems verbucht. Sinn wunderte sich - und begann zu recherchieren. Was er herausfand, übertraf seine schlimmsten Erwartungen.

"Am Anfang hatte ich ja auch nur diese Zahl und wusste nicht so recht, was sie bedeutet", erinnert sich Sinn, der als Präsident das Wirtschaftsforschungsinstitut Ifo führt. "Die Bundesbank sagte mir, das seien irrelevante Salden. Aber das hat mich nicht beruhigt." Er sprach mit Fachleuten bei den verschiedenen Notenbanken und mit Kollegen aus der Wissenschaft. "Jeder wusste ein bisschen was", sagt Sinn, "ich musste mir das Bild zusammenpuzzeln. Das war richtige Detektivarbeit."

Nach Wochen hatte Sinn ein Bild zusammengefügt, das den Betrachter erschauern lässt: Innerhalb des eigentlich harmlosen Zahlungsystems zwischen den Notenbanken der 17 Euro-Länder haben sich seit Beginn der Finanzkrise 2007 gewaltige Ungleichgewichte aufgebaut: Während die europäischen Krisenstaaten Italien, Spanien, Irland, Portugal und Griechenland Defizite von insgesamt mehr als 600 Milliarden Euro aufweisen, sind die Forderungen der Bundesbank mittlerweile auf 498 Milliarden Euro gestiegen.

Solange die Währungsunion weiter besteht, ist das noch keine Katastrophe. Das Geld ist virtuell, es wird von den Notenbanken geschaffen, ohne dass es an anderer Stelle fehlt. Doch sobald ein Land austritt oder die Euro-Zone sogar ganz zerfällt, wird es brenzlig. "Wir sitzen in der Falle", sagt Sinn. "Wenn der Euro zerbrechen sollte, haben wir eine Forderung von fast 500 Milliarden Euro an ein System, das es dann nicht mehr gibt." 500 Milliarden Euro - das ist mehr als das anderthalbfache des Bundeshaushalts und deutlich mehr als alle Risiken, die alle Euro-Staaten zusammen bisher bei der Rettung der Währungsunion eingegangen sind.

So viel steht allerdings nur im schlimmsten Fall auf dem Spiel, etwa wenn der Euro komplett zerbricht. Wesentlich realistischer ist dagegen ein Austritt eines Landes, zum Beispiel Griechenlands. In diesem Fall müssten alle anderen Notenbanken gemeinsam die Schulden der griechischen Notenbank tragen. Die Bundesbank wäre gemäß ihrem Anteil an der Europäischen Zentralbank (EZB) mit rund 28 Prozent dabei. Bei 108 Milliarden Euro griechischer Verbindlichkeiten wären das etwa 30 Milliarden Euro.

Den Forderungen der Bundesbank stehen gewaltige Schulden der Krisenländer gegenüber. Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Den Forderungen der Bundesbank stehen gewaltige Schulden der Krisenländer gegenüber.

"Jeder weiß jetzt, dass Deutschland den Euro retten muss"

Sinn liebt die Provokation. Doch man glaubt ihm, dass er sich in dieser Sache ernsthaft Sorgen macht. Er sitzt in einem Restaurant im Berliner Regierungsviertel. Auf dem Tisch hat er seinen Laptop aufgeklappt. Mit dem unteren Ende seines Kaffeelöffels zeichnet er die gelben und blauen Linien nach, die sich über den Bildschirm schlängeln. Sie sollen zeigen, wie sehr die Euro-Zone aus den Fugen geraten ist. "Das ist gefährlich", sagt Sinn, und seine Augen blitzen. Durch die Forderungen an die anderen Notenbanken sei Deutschland erpressbar geworden. "Jeder weiß jetzt, dass wir den Euro retten müssen - und zwar um fast jeden Preis."

Das klingt dramatisch. Und doch ist es Sinn bisher nicht gelungen, eine breite Öffentlichkeit für das Problem zu sensibilisieren. Nur langsam wächst das Thema aus den wirtschaftswissenschaftlichen Fachzirkeln heraus. In die großen seriösen Zeitungen hat er es zwar geschafft. Doch bis die "Bild"-Zeitung Sinns Entdeckung auf ihre Titelseite hebt, wird es wohl noch ziemlich lange dauern.

Dabei ist Sinn eigentlich alles anderes als zimperlich, wenn es darum geht, sich Gehör zu verschaffen. In Talkshows ist er auch deshalb gern gesehener Gast, weil er griffige Thesen formuliert und markige Sprüche klopft. Doch bei diesem Thema funktioniert das einfach nicht. Es ist zu komplex für die Talkshow. Hinzu kommt der sperrige Name: Target2 nennt sich das Zahlungsystem zwischen den Notenbanken. Das klingt ungefähr so spannend wie ein Seminartitel für Finanzbuchhalter.

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1. .
beobachter999 27.02.2012
Zitat von sysopVor gut einem Jahr entdeckte Hans-Werner Sinn ein gigantisches Risiko in der Bilanz der Deutschen Bundesbank. Seitdem kämpft der Ökonom dafür, das Thema ins öffentliche Bewusstsein zu bringen. Doch das Problem ist zu sperrig für eine Talkshow. Sicher ist: Das Risiko steigt weiter. Topökonom Hans-Werner Sinn: Der Mann und die Milliarden-Bombe - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,817004,00.html)
Gut, eine tödliche Krise. Aber wie ich Herrn Sinn kenne gibt es eine Lösung: Halbierung von Renten, HartzIV und Arbeitslosengeld. Verdoppelung der MWSt, außer bei Luxuswaren und für Hotels. Verdoppelung des Einkommens der Leistungsträger bei Absenkung für alle anderen. Also wie immer!
2. topökonom???
Gebetsmühle 27.02.2012
Zitat von sysopVor gut einem Jahr entdeckte Hans-Werner Sinn ein gigantisches Risiko in der Bilanz der Deutschen Bundesbank. Seitdem kämpft der Ökonom dafür, das Thema ins öffentliche Bewusstsein zu bringen. Doch das Problem ist zu sperrig für eine Talkshow. Sicher ist: Das Risiko steigt weiter. Top-Ökonom Hans-Werner Sinn: Der Mann und die Milliarden-Bombe - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,817004,00.html)
also entschuldigung, aber wenn dieser sinn deutschlands topökonom sein soll, dann wären wir längst dem untergang geweiht. ist eigentlich überhaupt jemals irgendeine prognose dieses herrn tatsächlich eingetroffen? ich kann mich dadran zumindestens nicht erinnern. meistens trifft doch eher das genaue gegenteil zu. die welt geht auch nciht unter wenn man nciht das sagt was sinn will. nein, es wäre leichter, wenn man weniger ökonomen und juristen fragen würde, sondern menschen aus dem realen wirtschaftsleben. wenn sinn ein topökonom ist, dann ist wulff ein toppollitiker.
3. Wollt Ihr den totalen Euro?
jörg seifert 27.02.2012
Zitat von sysopVor gut einem Jahr entdeckte Hans-Werner Sinn ein gigantisches Risiko in der Bilanz der Deutschen Bundesbank. Seitdem kämpft der Ökonom dafür, das Thema ins öffentliche Bewusstsein zu bringen. Doch das Problem ist zu sperrig für eine Talkshow. Sicher ist: Das Risiko steigt weiter. Top-Ökonom Hans-Werner Sinn: Der Mann und die Milliarden-Bombe - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - Wirtschaft (http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,817004,00.html)
Danke für den erhellenden Artikel. Jetzt ist klar warum Griechenland auch noch ein zwanzigstes "Rettungspaket" erhalten wird, ohne auch nur eine Vorgabe jemals zu erfüllen: "Jeder weiß jetzt, dass wir den Euro retten müssen - und zwar um fast jeden Preis." Die Geschichte kennt hunderte Währungsunionen, und die allerwenigsten haben überlebt. Wie unsere Politiker so inkompetent und ignorant sein konnten, unsere Staatsfinanzen von dieser fehlkonstruierten EuroWährung abhängig zu machen, bleibt ein Rätsel. Wer hat uns da eigentlich womit erpresst, einen solchen Irrsinn mitzumachen?
4. Aber, aber ...
47/11 27.02.2012
Zitat von beobachter999Gut, eine tödliche Krise. Aber wie ich Herrn Sinn kenne gibt es eine Lösung: Halbierung von Renten, HartzIV und Arbeitslosengeld. Verdoppelung der MWSt, außer bei Luxuswaren und für Hotels. Verdoppelung des Einkommens der Leistungsträger bei Absenkung für alle anderen. Also wie immer!
... lassen sie sich nicht einschüchtern . das ist doch wieder so eine " Verschwörungstheorie " . Nichts ernsthaftes also !!!
5. Beruhigend
Kuppelbauer 27.02.2012
Es ist wirklich ungemein beruhigend, zu sehen, wie unser Wirtschafts- und Finanzssystem von Leuten ersonnen, umgesetzt und betrieben wird, die ganz offenbar ihre eigenen Schöpfungen nicht verstehen. Da sind ganze Länder, bei denen bis vor Kurzem noch alles in bester Ordnung war, nun plötzlich mit Hunderten von Milliarden in der Kreide, da kreisen in irgendeinem Universum, dessen bloße Existenz bis dato unbekannt war, Billionen herum, und da brauchen selbst die ausgewiesendsten Superfachleute Wochen, um das alles auch nur ansatzweise zu begreifen. Ja Himmelarsch, wo kommen diese Aberbillionen her? Warum sind sie da, bzw. weg, und keiner wusste es? Das ganze System ist sowas von krank, und krank sind wir alle in dem Sinn, dass wir irgendwelchen Finanz-Kapazundern auch nur ein einziges Wort noch glauben.
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Wie Notenbanken funktionieren
Woher nehmen Notenbanken das ganze Geld?
Für die Milliardensummen, die die Europäische Zentralbank (EZB) und die US-amerikanische Federal Reserve Bank (Fed) im Verlauf der Finanzkrise den Banken zur Verfügung stellten, müssen die Notenbanken nicht die Notenpresse anwerfen und Geldscheine drucken. Die Beträge werden lediglich auf den Konten der Geschäftsbanken gutgeschrieben, die bei den Notenbanken geführt werden. Gegen Wertpapiere als Sicherheiten leiht die EZB oder Fed Geld aus. Nach einer bestimmten Frist zahlen die Banken die Summe inklusive Zins zurück.
Können sie pleitegehen?
Technisch nein. Die EZB hat im Euro-Raum das Monopol über das Zentralbankgeld und kann unabhängig darüber entscheiden, wann sie wie viel Geld in Umlauf bringt.
Warum buttern sie so viel Geld in die Märkte?
Generell leihen sich Geldinstitute auf dem Geldmarkt untereinander oder bei der EZB oder Fed Geld aus und zahlen dafür Zinsen - so wie ein Bankkunde bei einer Bank einen Kredit bekommt und diesen abträgt. Für die Geschäftsbanken ist es wichtig, dass sie über flüssiges Geld (Liquidität) verfügen, zum Beispiel für die Vergabe von Krediten an Unternehmen und Verbraucher. Wegen der Turbulenzen an den Finanzmärkten und eventueller noch unbekannter Risiken bei einzelnen Häusern sind die Banken jedoch misstrauischer geworden und nicht mehr im üblichen Maße bereit, sich gegenseitig Geld auszuleihen. In so einem Fall können die Notenbanken eine Finanzspritze geben, um einen Geldengpass (Kreditklemme) zu verhindern. Vorrangiges Ziel der Notenbanken sind stabile Preise. Die EZB ist laut EU-Vertrag aber auch für die Stabilität des Finanzsystems mitverantwortlich.

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