Studie Transparency legt Betrugsmaschen der Pflegebranche offen

Jedes Jahr werden in der Pflegebranche Milliarden durch Korruption und Betrug verschleudert. Eine neue Studie von Transparency International zeigt die gängigsten Methoden, wie Pflegebedürftige ausgebeutet werden.

  Altenheim in Köln: "Einfallstore für Betrug und Korruption"
DPA

Altenheim in Köln: "Einfallstore für Betrug und Korruption"


Hamburg - Der Pflegesektor boomt: Aufgrund der alternden Bevölkerung in Deutschland sind immer mehr Menschen auf Hilfe angewiesen. Im Vergleich zum Gesundheitsbereich sind bei der Pflege noch mehr Akteure beteiligt: Kassen, Sozialämter, Rentenversicherung, Unfallversicherung. Laut Transparency International bietet die Branche damit zahlreiche Angriffsflächen für Korruption und Betrug. In einer Studie kritisiert die Anti-Korruptions-Organisation, es gebe "zu wenig Transparenz und Kontrollmöglichkeiten für die Betroffenen" sowie jede Menge Möglichkeiten, "die Abhängigkeit von Menschen mit Pflegebedarf wirtschaftlich auszubeuten".

"Die Vielzahl der Akteure und der gesetzlichen Vorschriften macht es schwierig, Verantwortlichkeiten eindeutig zuzuordnen", sagte Barbara Stolterfoht, eine der Autorinnen der Studie. "Dadurch entstehen Einfallstore für Betrug und Korruption."

Die für die Untersuchung geführten Expertengespräche haben Transparency zufolge gängige Betrugsmaschen offengelegt, die sich aus den Milliardenausgaben für die soziale Pflegeversicherung speisten. Als Beispiel nannte die Organisation Fälle, in denen Ärzte von Pflegediensten Honorare für die Überweisung von Patienten erhielten. Auch "verkauften" Pflegedienste lukrative Patienten an andere Pflegedienste.

Weitere Fälle betrafen Sanitätshäuser, die an Heimleiter spendeten. Damit wollten sie sicherstellen, dass die Heimbewohner Rollatoren, orthopädische Schuhe oder sonstige Hilfsmittel aus ihrem Geschäft beziehen. Zudem soll es bei der Entscheidung über Pflegestufen vorgekommen sein, dass die zuständigen Mitarbeiter des Medizinischen Dienstes der Krankenversicherung ein "Kopfgeld" erhielten - wenn sie bei der Einstufung möglichst restriktiv vorgingen. Damit würden die Ausgaben der Pflegeversicherung gesenkt, heißt es in der Studie weiter.

Heime kontern Anzeigen mit Gegenanzeigen

Ein Problem: Während die namhaften Heimbetreiber bundesweit agieren, sind die Prüfbehörden laut Transparency "regional, bestenfalls landesweit organisiert". Ein bundesweites Register darüber, wer wie oft gegen Regeln verstößt, existiere nicht. So ließen sich systematische Verstöße kaum feststellen. Experten der Sozialämter hätten zudem berichtet, die rechtlichen Möglichkeiten zum Eingreifen seien beschränkt. So werde jede Anzeige wegen Betrugs sofort mit einer Gegenanzeige gekontert - etwa wegen Verleumdung. Staatsanwaltschaften würden dazu neigen, solche Verfahren rasch einzustellen.

Transparency fordert, ein deutschlandweites Register über Verstöße von Heimbetreibern einzurichten und die Sanktionsmöglichkeiten der Sozialämter zu erleichtern. Außerdem müssten Behörden die wirtschaftliche Zuverlässigkeit und fachliche Qualität von Pflegediensten durch "regelmäßige unangemeldete Kontrollen sowohl im stationären als auch im ambulanten Bereich" überprüfen.

cte/AFP



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 61 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
thasmooo 13.08.2013
1. Fällt ja früh auf!
Die meisten Pflegeheime sind eh das letzte!! Aber ich pflegte meinen Vater zu Hause 10 Jahre da wurde kontrolliert und gespart ohne Ende. Dafür leben die meisten in den Heimen nicht lange! Zu wenig Personal und keine Zeit!! Ist halt nur lachhaft das dies jetzt erst auffällt.
illnin086 13.08.2013
2. Man vergesse nicht die Bestatter...
Als ehrlicher Bestatter leiden wir mit unserer Firma stark unter den Bestattern, die pro Kopf zahlen - Heime und andere Einrichtungen freuen sich über die Zusatzeinnahmen und der Kunde landet meist beim teuren Konkurrenten, der nicht mehr bietet, sondern meist weniger Leistung für mehr Geld abrechnet.
lronmcbong 13.08.2013
3. optional
ich habe mal gelesen/gehört, dass im pflegebereich die härtesten marktwirtschaftlichen bedingungen überhaupt gelten - wen wundert, dass dort allenthalben abgezockt wird? und es gibt ja auch nen guten grund, warum es mehr orthopädieläden und apotheken als fleischer in deutschland gibt, denn fleisch gibts nicht auf rezept!...ich glaub es war volker pispers, der dies sehr scharfzüngig bemerkte! geniealer mann und ein scharfer beobachter aktueller entwicklungen!
Juergen Ranke 13.08.2013
4. optional
es wäre zu begrüßen, wenn Sozialämter entsprechende Kontrollen durchführen würden, sofern man diese personell und qualitativ ausstatten würde. Ich meine, Pflegepersonal sollte aber auch mehr als einen Hungerlohn für seine Tätigkeit bekommen.
PARANRW 13.08.2013
5. Das ist nur...
...die Spitze des Eisberges! Genauso betrügerisch agieren die sogenannten sozialen Dienste, sei es kirchlich oder konfessionell ungebunden. Wer glaubt, diese Dienste seien sozial, der glaubt auch, dass Zitronenfalter Zitronen falten. Es geht knallhart um Rendite, um nicht mehr aber auch nicht weniger!
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.