25 Jahre Treuhand-Anstalt Die Hass-Behörde

Treuhand? Das klingt nach längst abgelegten Akten. Doch die Mammut-Behörde, die einst die DDR-Wirtschaft abwickelte, löst auch 25 Jahre nach ihrer Gründung noch zornige Gefühle aus. Zum Beispiel bei Klaus-Dieter Schäfer.

Vor dem Gebäude der Treuhand in Berlin: Am 17. Mai 1993 entlädt sich die Wut
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Vor dem Gebäude der Treuhand in Berlin: Am 17. Mai 1993 entlädt sich die Wut


In der DDR galten sie was, die Kali-Kumpel in Bischofferode. Doch nun soll ihr Schacht geschlossen werden. Die Arbeiter geraten in Rage. Einer von ihnen so sehr, dass er mit einem Knüppel auf das Eingangsschild der Treuhandanstalt eindrischt. Ein Foto vom 17. Mai 1993 beweist es. Das Bild wurde zum Symbol des Zorns auf die Mammut-Behörde namens Treuhand. Sie sollte die ehemaligen Staatsbetriebe der DDR sanieren, verkaufen oder schließen. Und entschied sich in den Augen ihrer Kritiker allzu oft für Letzteres.

Die Gründung der Treuhand jährt sich in diesen Tagen zum 25. Mal. Grund genug für die Frage: Wer ist eigentlich der Mann auf dem Foto? Was trieb ihn an?

"Schäfer", meldet sich Klaus-Dieter Schäfer am anderen Ende der Leitung. "Ja, das Foto liegt hier vor mir. Das bin ich", sagt Schäfer. Er lacht. "Ich hab' damals das erste Mal Kontakt mit der Polizei gehabt", erinnert sich Schäfer. "Heute ist das ja Mode", sagt er über den Sitzprotest der Bischofferoder Kali-Kumpel vor der Berliner Treuhandanstalt in der Leipziger Straße. Die Beamten packten die Männer und trugen sie weg.

Die Wut der Arbeiter richtete sich gegen die deutsch-deutsche Kali-Fusion - und damit auch gegen die Treuhandanstalt, die den Zusammenschluss der westdeutschen Kali und Salz AG und der ostdeutschen Mitteldeutschen Kali AG kontrollierte. Die ostdeutschen Bergwerke in Bischofferode und Merkers sollten in diesem Zuge zum 31. Dezember 1993 geschlossen werden.

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Für die Umwandlung von einem Wirtschaftssystem in ein anderes gab es kein historisches Vorbild. Deshalb beauftragte der Ministerrat der DDR am 22. Februar 1990 den Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, Wolfram Krause, einen Gesetzentwurf zu erarbeiten: zur Gründung einer "Anstalt zur treuhänderischen Verwaltung des Volkseigentums (Treuhandanstalt)". Am 1. März 1990 beschloss die letzte SED/PDS-Regierung unter Hans Modrow, dass eine solche Anstalt gegründet werden sollte. Die Treuhandanstalt übernahm bis zum 31. Dezember 1994 die Aufgabe, die mehr als 8000 bisher staatlichen DDR-Betriebe in die Privatwirtschaft zu überführen.

Erinnerungen, die es in sich haben

Die Reste der Treuhand wurden zuletzt von einer Nachfolgebehörde abgewickelt, der Bundesanstalt für vereinigungsbedingte Sonderaufgaben (BvS). Zum 1. Januar 2001 stellte auch die BvS ihre operative Tätigkeit ein, den Großteil ihrer Aufgaben hat sie an Dienstleister übertragen, wie sie auf ihrer Website schreibt.

Treuhand, das klingt heute deshalb in manchen Ohren nur noch nach staubigen Aktenordnern. Doch viele Deutsche verbinden mit der Treuhand Erinnerungen, die noch heute zornig machen. So wie bei Klaus-Dieter Schäfer.

Schäfer, geboren 1945, war einer der letzten Mitarbeiter des Kali-Werks Bischofferode. Ein gutes Vierteljahrhundert lang, von 1967 bis 1993, leistete der Thüringer dort Dienst. Der Ärger der Kali-Kumpel, die für ihr Werk und ihre Arbeit sogar in den Hungerstreik gingen, entlud sich schließlich an jenem 17. Mai 1993 vor dem Gebäude der Treuhand.

"Weil sie uns so schnell abgewickelt haben", erklärt Schäfer. "Zu schnell. Das Werk Bischofferode sollte ja gar nicht mitverkauft werden. Die wollten uns gar nicht übernehmen." Stattdessen sollte das Werk geschlossen werden, "obwohl wir einen Käufer hatten. Das war doch der Peine." Gemeint ist der mittelständische Baustoffunternehmer Johannes Peine.

"Wie ein Leichenfledderer"

Seit der Demo in Berlin sind mehr als zwanzig Jahre vergangen, seinen Bart hat Schäfer längst abrasiert. Doch mit der Treuhand hat er bis heute keinen Frieden gemacht. "Ein bisschen knurrt es einen immer noch", sagt er. "Und wir gehen da manchmal noch spazieren, da oben lang" - also dort, wo das Kali-Werk einst stand. "Da steht jetzt ein Holzkraftwerk an derselben Stelle", sagt Schäfer.

"Da oben", das ist ein symbolträchtiger Ort für Schäfer. Ein Fenster zur Vergangenheit. Denn einst stand er dort fast jeden Tag, zuletzt als Springer in der Fabrik, die das geförderte Kalisalz weiterverarbeitete.

"Ich hab' die letzte Schicht noch erlebt. Und hinterher war ich auch noch dabei, zwei Jahre lang: alles entsorgen, die Firma leermachen. Ehe die Abrissfirma kam. Man kam sich ja komisch vor. Wie ein Leichenfledderer. Traurig, traurig. Das ging ja Vielen im Osten so."

Später, nach einer Zeit in einer Auffangfirma und kurzer Arbeitslosigkeit, wollte Schäfer eigentlich umschulen. Doch dazu kam es nicht mehr. "Da hatte ich einen Herzinfarkt", erzählt er. "Und dann hat sich das alles erledigt. Seitdem habe ich Rente gekriegt. Da kann man sagen: Arbeitslos macht krank. Vorher war man selten krank."

Erfahren Sie mehr über den Kampf der Kumpel von Bischofferode und die Geschichte der Treuhand, klicken Sie auf die Bilder. Smartphone- und Tabletnutzer wischen bitte zum nächsten Bild.

Kampf der Kali-Kumpel

Am 17. Mai 1993 entlädt sich die Wut der Kali-Kumpel aus Bischofferode vor dem Gebäude der Treuhandanstalt in Berlin. Kaus-Dieter Schäfer, Jahrgang 1945, ist einer von ihnen. Zum Ausdruck seines Zorns traktiert er das Eingangsschild der Behörde mit einem Knüppel. Ob das Foto spontan entstand oder gestellt war, daran erinnert er sich zwar nicht mehr genau. Doch der Zorn über die Schließung seines Werks, in dem er mehr als ein Vierteljahrhundert lang Dienst leistete, steigt auch heute manchmal noch in ihm hoch.

Demo in der Leipziger Straße

Schäfers Kollege Gerhard Jüttemann, von 1994 bis 2002 PDS-Abgeordneter im Bundestag, erinnert sich gut an die Demo: „Am 17. Mai 1993 sind wir mit mehreren Bussen nach Berlin gefahren, zur Treuhandanstalt, und haben dort demonstriert. Es waren ein paar hundert Kollegen von Bischofferode, die haben den ganzen Tag die Leipziger Straße dichtgemacht. Mit Sitzblockaden. Ich habe gesagt: 'Lasst euch von der Straße tragen. Aber werdet nicht gewalttätig! Sonst ist die Demonstration sofort zu Ende.' Und das haben die auch den ganzen Tag durchgehalten." Dieses Archivbild vom 14. Mai 1991 zeigt die Berliner Treuhandanstalt im ehemaligen Haus der Ministerien in der Leipziger Straße. In dem Gebäude ist heute unter anderem das Finanzministerium untergebracht. 1992 wurde das Haus in Detlev-Rohwedder-Haus umbenannt, nach dem früheren Präsidenten der Treuhandanstalt.

Die Treuhandanstalt

Der Industriemanager Detlev Karsten Rohwedder (Mitte) übernahm die Position des Verwaltungsratsvorsitzenden der Ostberliner Treuhandanstalt Ende Juni 1990. Hier ist Rohwedder zu sehen im Kreise von Vorstandsmitgliedern bei einer Pressekonferenz am 27. November desselben Jahres. Die Treuhandanstalt übernahm die Aufgabe, die mehr als 8000 bisher staatlichen DDR-Betriebe in die Privatwirtschaft zu überführen. Die Arbeit der Treuhand polarisiert. In der öffentlichen Debatte überwiegt die Kritik am Versagen der Behörde.

Das Attentat

Die Aufgabe als Treuhand-Vorsitzender hatte laut Rohwedder eine "geradezu furchterregende Dimension". Firmenzusammenbrüche und die rasant steigende Arbeitslosigkeit in den neuen Bundesländern machten Rohwedder "zum bestgehassten Mann unter ostdeutschen Werktätigen, zum Buhmann von Managern und Investoren", schrieb der SPIEGEL. Am 1. April 1991 wurde Rohwedder in seinem Privathaus in Düsseldorf ermordet, ein Schuss durchs Fenster traf ihn in den Rücken. Zwar bekannte sich die RAF zu dem Terrorakt, dennoch gilt der Mord bis heute als ungeklärt. Umstritten bleibt, ob es Alternativen zu Rohwedders Treuhandpolitik gab. Der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse zog 25 Jahre nach Gründung der Treuhand diese Bilanz: „Die Haltung, so schnell wie möglich um fast jeden Preis zu privatisieren, auch um den Preis der Verschleuderung, hat zu Fehlern geführt. Deswegen ist die Treuhandanstalt bei vielen Ostdeutschen ein negatives Symbol geworden." Andere, etwa der Philosoph und Theologe Richard Schröder, verteidigen die Treuhand auch: gegen Formen der Skandalisierung, die „proportional zu dem zeitlichen Abstand“ durch einen Mangel an Sachkenntnis geprägt seien, wie er in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ argumentierte. Schließlich hätten sogar Wirtschaftsplaner der SED 1989 in einem Geheimgutachten festgestellt, dass die Lage der DDR-Wirtschaft aufgrund verfehlter Wirtschaftspolitik katastrophal gewesen sei, so Schröder

Chemiepark Leuna

Erdölverarbeitungspark Leuna bei Merseburg (Archivbild aus dem Jahr 2000): Die Geschichte der Leuna-Werke zeugt davon, dass die deutsch-deutsche Einheit auch Erfolge zeitigte – allerdings nur nur in Teilen. Zwar gelang es der Treuhand, für einzelne Abschnitte des Chemieparks schließlich Käufer zu finden, unter ihnen beispielsweise der französische Konzern Elf (heute: Total). Doch dabei fielen in dem ursprünglichen Kombinat, das einst 30.000 Mitarbeiter beschäftigte, mehr als zwei Drittel der Jobs weg. Vor allem aber steht die Übernahme des Chemieparks im Schatten eines Korruptionsskandals: In der sogenannten Leuna-Affäre sollen deutsche Politiker und Parteien Bestechungsgelder in Millionenhöhe angenommen haben.

Die Minol

Den Zuschlag für die ostdeutsche Tankstellenkette Minol erhielt im Januar 1992 ein Konsortium, an dem ebenfalls der französische Ölkonzern Elf beteiligt war (neben diesem außerdem auch die Thyssen Handelsunion sowie die Metro/Asko-Tochter Deutsche SB-Kauf). Das Archivbild zeigt eine Tankstelle in Halle aus dem Monat des Verkaufs.

Umweltschäden

Einige Industriegelände der früheren DDR waren zur Zeit der Wende katastrophal verschmutzt – zum Beispiel im ostdeutschen Bitterfeld, oft als "dreckigste Stadt Europas" tituliert. Chemie-Abwässer verseuchten 1990 den Bach Spittelwasser, einen Elbe-Zufluss. Zwei Jahre später deckte der SPIEGEL auf, dass sich Millionen kleinster "Glibberpillen" im Spittelwasser befinden: Abfälle aus der Produktion von Ionenaustauschern.

Robotron

Mitarbeiter der Schaefer-IT-Logistik im November 1999: Diese Werkhalle in Dresden gehörte zu DDR-Zeiten zum Kombinat Robotron. Als die Treuhand den Verkauf des Büromaschinenwerks aus Sömmerda vorbereitete, eines Robotron-Teilbetriebs, ging es um weit mehr als 10.000 Arbeitsplätze. "Treuhand, Greuelhand" lautete das Motto, das Demonstranten 1991 auf Plakaten hochhielten, berichtete die "Thüringer Allgemeine". Der PC 1715, sei "das wichtigste und wohl bekannteste Produkt der Sömmerdaer" gewesen, schrieb das Blatt. Doch nach der Wende waren die Computer nicht mehr wettbewerbsfähig, der Umsatz brach in rasantem Tempo weg. Zum 31.12.1991 wurde alle Mitarbeiter des Werks entlassen.

Interflug

Sowjetische Iljuschin 62 der DDR-Luftlinie Interflug: Das Luftfahrtunternehmen wurde am 10. September 1958 gegründet. Nach dem Mauerfall, von Dezember 1989 an, bediente Interflug zunächst die Strecke Hamburg-Dresden. Doch im April 1991 wurde sie auf Beschluss der Treuhand aufgelöst.

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Seite 1
hektor2 22.02.2015
1. Sinn
Meines Erachtens nach hat die Treuhand in vielen Fällen total versagt. Firmen mit gutem Ruf und vollen Auftragsbüchern wurden geschlossen oder verramscht. Ich bin mir sicher, dass, würde man alle betroffenen richtig durchleuchten, ein riesiger Korruptionsskandal öffentlich werden würde.
h-i-2224 22.02.2015
2. Der Osten Deutschlands war der Übungsplatz für die
spätere Übernahme der restlichen EU-Länder, welche nicht als Industrieländer, sondern als Absatzmärkte der EU zugeführt werden sollten. Und man hat sich bestens damit befasst. Heute sieht alles so aus, als ob die betroffenen Staaten selbst Schuld an ihren Miseren sind.
Badischer Revoluzzer 22.02.2015
3. An diese Treuhand kann ich
mich als Wessie auch noch gut erinnern. Da sind Dinge passiert, die man heute nicht mehr gerne diskutiert. Wenn man heute mit ehemals ostdeutschen Mitbürgern redet, kann man nur den Kopf schütteln. Kriminelle Energie und Unvermögen kennzeichneten diese Behörde und so ist sie auch in Erinnerung geblieben.
fessi1 22.02.2015
4. was an Sauerei damals alles gelaufen ist...
zeigt exemplarisch auch dieser Artikel der Wirtschaftswoche. --- http://www.wiwo.de/politik/deutschland/rueckblick-wie-die-treuhand-bei-der-ddr-abwicklung-versagte/5220338.html --- Diesbezüglich ebenso nahezu Pflichtprogramm, und besser als alle Wende-Dokus, weil ganz nah am Geschehen, ist der ZDF Mehrteiler Schulz & Schulz mit Götz George. Speziell ab Teil 2
brooklyner 22.02.2015
5.
Hinterher war man schlauer. Erst mal war die Situation wirklich ein Novum, und da die Zeit drängte, musste eine Lösung her. Dann gab es sicher redliche Absichten und gleichzeitig Glücksritter und eben auch dunkle Machenschaften. Am Ende lief vieles schief und anders als von vielen gehofft. Einerseits erinnere ich mich gut an das unrühmliche Auftreten der Telekom, dank der plötzlich viele ostdeutsche „Firmen” ohne Telefonanschluss dastanden und so extremst benachteiligt waren. Andererseits muss man sich auch fragen, wie überlebensfähig beispielsweise ostdeutsche Elektrotechnikhersteller gewesen wären, wenn schon hochqualitativ arbeitende westdeutsche Firmen den Bach runter gingen wie Grundig, Blaupunkt, Nordmende, AEG usw.
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