Tsunami-Katastrophe in Japan: Regierung erklärt atomaren Notstand
Japan ist von einem verheerenden Erdbeben und einer gigantischen Tsunami-Welle getroffen worden: Es gibt Dutzende Tote und Verletzte. Flughäfen sind zerstört, Ölraffinerien stehen in Flammen. Nach einem Zwischenfall in einem Atomkraftwerk hat die Regierung den atomaren Notstand ausgerufen.
Tokio - Japan ist von dem stärksten jemals gemessenen Erdbeben seiner Geschichte getroffen worden. Nach Polizeiangaben kamen mindestens 60 Menschen ums Leben, befürchtet werden allerdings wesentlich mehr Tote. Mindestens 56 weitere Menschen würden noch vermisst. In der Hauptstadt Tokio kamen laut dem Fernsehsender NHK zwei Menschen ums Leben, 45 wurden verletzt. Hinweise auf Opfer aus Deutschland gibt es es bisher nicht.
Im Minutentakt treffen in den Katastrophenzentralen Japans Meldungen über neue Schäden ein, TV-Sender zeigen verwüstete Landstriche und brennende Häuser. Augenzeugen zeigten ihre Filme im Internet.
Im AKW Onagawa ist an einem Turbinengebäude ein Feuer ausgebrochen. Dies erklärte der Betreiber der Anlage, Tohoku Electric Power. Die Teile sind vom Reaktordruckbehälter räumlich getrennt. Auch an zwei anderen Anlagen soll es Probleme gegeben haben. Berichte über einen Austritt von Radioaktivität oder Verletzte lägen nicht vor. Japans Premierminister Minister Naoto Kan hat den atomaren Notstand ausgerufen - das sei eine Vorsichtsmaßnahme, sagte Kabinettssekretär Yukio Edano.
Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) teilte mit, vier Atomkraftwerke in der Nähe des Erdbebengebietes seien aus Sicherheitsgründen abgeschaltet worden. In der Präfektur Fukushima an der nordostjapanischen Küste wurde laut der Nachrichtenagentur Kyodo der Alarm "abnormaler Zustand" gegeben. Die Agentur Jiji meldet, dass im AKW Tepco Fukushima Daiichi das Kühlsystem ausgefallen ist. Das Gebiet um die Atomanlage soll im Umkreis von zwei Kilometern evakuiert werden - rund 2000 Anwohner wurden aufgefordert, die Gegend zu verlassen.
In weiten Teilen des Landes fiel der Strom aus. Drei Präfekturen im Nordosten - Aomori, Akita und Iwate - lagen zeitweise komplett im Dunkeln, berichtete die Zeitung "Asahi" auf ihrer Web-Seite. Auch in der Präfektur Yamagata gebe es weitgehend keine Elektrizität.
Nachbeben in der japanischen Hauptstadt
Die japanische Millionenmetropole Tokio war praktisch lahmgelegt. Der öffentliche Nahverkehr brach zusammen. Die Menschen harrten meist auf den Straßen aus, weil keine Züge fuhren, hieß es in Fernsehberichten. Vier Millionen Menschen seien von Stromausfall betroffen, meldet Kyodo. Tokio werde noch immer von Nachbeben erschüttert. "Es ist immer noch nicht vorbei", berichteten verschreckte Bewohner.
Wie die japanische Wetterbehörde mitteilte, ereignete sich das Beben um 14.46 Uhr Ortszeit in einer Tiefe von zehn Kilometern, etwa 80 Kilometer vor der Ostküste. Das Meteorologieamt erklärte, das Beben sei das stärkste, das je in Japan gemessen worden sei, und habe eine Stärke von 8,8 gehabt.
Wenig später überrollten Tunamis Japans Küsten. Der Hafen von Sendai im Norden sei von einer zehn Meter hohen Flutwelle getroffen worden, berichtet die Agentur Kyodo. Die gewaltige Welle überspülte die Ostküste der Hauptinsel Honshu. Boote wurden gegen die Küste geschleudert und Autos ins Meer gespült. Inzwischen wurde die Tsunami-Warnung auf den kompletten Pazifikraum ausgeweitet, wie die Wetterbehörden mitteilten.
Schwarzer Rauch über Tokio
Es wurden mindestens 97 Brände gemeldet; nach Angaben der Nachrichtenagentur Jiji mindestens sechs in Tokio. Im Stadtteil Odaiba in der Nähe des Hafens brach nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters ein Feuer aus. Schwarzer Rauch hing über dem Stadtteil.
Zuvor hätten in Tokio große Gebäude geschwankt, Arbeiter seien schreiend auf die Straße gestürmt. Beim Einsturz eines Daches wurden mehrere Menschen verletzt, teilte die Feuerwehr mit.
Die Nahverkehrszüge sowie die U-Bahn in Tokio stellten mittlerweile den Betrieb ein, meldet Kyodo. Passagiere hätten geschrien und sich an den Händen gefasst, berichtet Reuters-Reporter Mariko Katsumura.
Der Betrieb des Hochgeschwindigkeitszugs Shinkansen im Norden des Landes wurde ebenfalls eingestellt. Der Tokioter Flughafen Narita wurde geschlossen. Nach Angaben von Reedern haben auch alle Häfen in Japan den Betrieb eingestellt.
Explosionen in Chiba
NHK meldet, dass es im Norden Japans bei dem Beben viele Verletzte gegeben hat. In einer brennenden Raffinerie in Chiba nördlich von Tokio habe es Explosionen gegeben. In Chiba geriet laut Kyodo zudem eine Stahlfabrik in Brand.
Auch in Miyagi habe es "zahlreiche" Verletzte gegeben, berichtete Kyodo. Während ein starkes Nachbeben die Region erschütterte, zeigten Fernsehbilder, wie in einer Hafenstadt Autos und Schiffe von einer ankommenden Welle erfasst wurden. Selbst Häuser wurden fortgespült, wie auf Fernsehbildern zu sehen ist. Mehrere Menschen seien im Norden durch Erdrutsche verschüttet worden, berichtet NHK.
In der ostjapanischen Stadt Minamisoma stürzte ein Altersheim ein, berichtete die Zeitung "Yomiuri".
Die Region war erst am Mittwoch von einem Beben der Stärke 7,3 getroffen worden. Das Beben war allerdings glimpflich verlaufen. Japan ist eine der seismisch aktivsten Regionen der Welt. Ein Fünftel der Erdbeben mit einer Stärke von sechs oder mehr finden hier statt.
ssu/AFP/dpa/Reuters
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1964 Großes Alaska-Beben , Stärke 9,2
2004 Seebeben vor Sumatra , Stärke 9,1
1952 Kamtschatka, Stärke 9,0
2010 vor Maule, Chile , Stärke 8,8
1906 vor Ecuador, Stärke 8,8
2004 Seebeben vor Sumatra , 227.898 Tote
2010 Haiti , nach offizieller Schätzung 222.570 Tote
1920 China, Haiyuan , 200.000 Tote
1923 Japan, Kanto, 142.800 Tote
1948 Turkmenistan, Ashgabat, 110.000 Tote
1976 China, Tangshan , offiziell 255.000 Tote, inoffizielle Schätzung: 655.000 Tote
1138 Syrien, Aleppo, 230.000 Tote
2004 Seebeben vor Sumatra , 227.898 Tote
2010 Haiti , Stärke 7,0, 222.570 Tote
856 Iran, Damghan, 200.000 Tote
Quelle: U.S. Geological Survey
Mittels Seismografen werden die Maximal amplituden (also die Ausschläge der Nadel) bestimmt, die umgerechnet von Erdbeben in 100 km Entfernung erzeugt worden wären. Der dekadische Logarithmus der gemessenen Maximalamplituden ergibt die Magnitude. Die Erhöhung der Magnitude um 1 bedeutet dabei eine 33-fach höhere Energiefreisetzung – ein Erdbeben der Magnitude 5,0 ist also 33-mal so stark wie eines der Magnitude 4,0. Die Skala wurde 1935 von Charles Francis Richter und Beno Gutenberg am California Institute of Technology entwickelt.
Genau genommen werden Erdbebenstärken jedoch heute in der Moment-Magnituden-Skala angegeben. Sie berücksichtigt neben der Energie auch die Größe des gebrochenen Gesteins. Die Bruchfläche lässt sich aus der Erdbebenmessung vieler Seismografen berechnen.
- - Stärke 1-2: nur durch Instrumente nachweisbar
- - Stärke 3: nur selten nahe dem Epizentrum zu spüren
- - Stärke 4-5: 30 Kilometer um das Zentrum spürbar, leichte Schäden
- - Stärke 6: mittelschweres Beben, Tote und schwere Schäden in dicht besiedelten Regionen
- - Stärke 7: starkes Beben, das zu Katastrophen führen kann
- - Stärke 8: Groß-Beben
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