Wirtschaftliche Folgen des Putschversuchs in der Türkei "Wir wollen nur noch weg hier"

Der türkische Putschversuch droht viele Geschäftspartner der Türkei zu verschrecken. Damit bröckelt auch die Grundlage für den Aufstieg von Präsident Erdogan.

Basar in Istanbul
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Basar in Istanbul

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Can Dogans erster Gedanke war: Das ist Krieg. Im Zentrum von Ankara betreibt er eine Pension, wenige Kilometer entfernt vom Parlament, das Putschisten in der Nacht auf Samstag attackierten. Dogan hörte die Explosionen, das Dröhnen der Kampfjets ließ die Wände erzittern.

Die Stadt hat in den vergangenen Monaten schon viel Leid erfahren: Im Oktober 2015 rissen Selbstmordattentäter auf einer Friedensdemonstration 100 Menschen in den Tod. Im Februar und März töteten kurdische Extremisten bei Anschlägen mehr als 60 Unschuldige. Und nun der Putschversuch. "Wo soll das enden?", fragt Dogan.

Sein Geschäft ist schon nach den Attentaten eingebrochen. Stammkunden hätten ihre Buchungen storniert, derzeit seien nur zwei von sieben Zimmern vermietet. "Ich kann es ihnen nicht verdenken", sagt Dogan. Ich fühle mich ja selbst nicht mehr sicher hier."

"Die Türkei muss mit schweren Zeiten klarkommen"

Der versuchte Staatsstreich in der Türkei kostete Hunderte Menschenleben, führte zu Tausenden Verhaftungen und verschärft die fragile politische Lage. All das verunsichert auch eine Wirtschaft, die nach Jahren voller Erfolgsmeldungen ohnehin angeschlagen ist.

"Die Türkei musste mit schweren Zeiten klarkommen", sagte OECD-Chef Ángel Gurría nur Stunden vor dem Putschversuch im südostanatolischen Gaziantep. Gemeinsam mit Vizepremier Mehmet Simsek stellte er dort einen Bericht zur wirtschaftlichen Lage des Landes vor. Wie üblich hatte Gurría viele Reformforderungen seiner Industrieländerorganisation im Gepäck. Aber er sah auch Grund zum Optimismus: "Die türkische Wirtschaft zeigt außergewöhnliche Widerstandsfähigkeit".

Wie schnell diese Aussage auf die Probe gestellt wird, dürften weder Simsek noch Gurría geahnt haben. Noch in der Nacht des Putschversuchs brach der ohnehin schwache Kurs der türkischen Lira zum Dollar um fünf Prozent ein. "Wir haben die Kontrolle", beruhigte Simsek am Sonntag auf Twitter. Die Regierung habe zusammen mit Zentralbank und Finanzministerium alle erforderlichen Maßnahmen getroffen. "Kein Grund zur Sorge."

Das scheint viele Anleger nicht überzeugt zu haben: An der Börse in Istanbul gingen am Montag die Kurse auf Talfahrt, Risikoaufschläge für türkische Staatsanleihen schossen in die Höhe. Die Lira machte dagegen einen Teil ihrer Verluste wett - wohl auch, weil die Zentralbank versprochen hatte, notfalls "unbegrenzte Liquidität" zur Verfügung zu stellen. "Damit hat man die Sache abgefedert", sagt Necip Bagoglu, der die deutsche Außenhandelsagentur Germany Trade and Invest (GTAI) in der Türkei vertritt.

"Mit Tourismus ist nicht mehr viel zu holen"

Doch viele Folgen werden sich erst zeigen, auch für Hoteliers wie Can Dogan. Der Tourismus ist für das Land von enormer Bedeutung, er macht vier Prozent der Wirtschaftsleistung und sieben Prozent der Arbeitsplätze aus. Schon im Frühjahr waren die Buchungen um fast ein Drittel zurückgegangen. Diese Tendenz dürfte der Putschversuch verstärken. Am Flughafen in Dalaman, einem Urlaubsort im Süden der Türkei, drängten sich die Menschen am Samstag vor den Schaltern der Airlines. "Wir wollen nur noch weg hier", sagte ein deutsches Rentnerpaar.

Während Deutsche aus Angst vor weiteren Anschlägen fernbleiben, wurde der bislang zweitgrößten Besuchergruppe die Anreise schlicht verboten: Wegen des Konflikts um den Abschuss eines russischen Kampfjets hat Präsident Wladimir Putin seinen Landsleuten unter anderem Charterflüge und Pauschalreisen in die Türkei untersagt. "Mit Tourismus ist nicht mehr viel zu holen dieses Jahr", resümiert GTAI-Experte Bagoglu.

Das Gegenteil von Rechtsicherheit

Abgeschreckt werden dürften durch den Putschversuch auch ausländische Investoren. Die Türkei müsse "Rechtssicherheit und gerichtliche Unabhängigkeit" stärken, mahnt die OECD in ihrem neuen Bericht. Dass Präsident Recep Tayipp Erdogan unmittelbar nach dem Putschversuch Hunderte Richter und Staatsanwälte festnehmen ließ, spricht für das Gegenteil. "Die Rechtsicherheit war nie sehr hoch", sagt Bagoglu, "aber sie hat in den letzten Jahren zusätzlich gelitten."

Dabei ist die Türkei auf Geld von außen angewiesen: Das Land hat ein hohes Handelsdefizit, es führt also deutlich mehr Waren ein, als es exportiert. Finanziert wurde das Wachstum der Boomjahre vor allem durch Schulden im Ausland, nicht durch Investitionen. Damit ist die Türkei laut OECD "verletzlich durch volatile internationale Kapitalflüsse und erratische Wechselkursbewegungen".

Zwar scheint der Lira-Absturz vorerst unter Kontrolle zu sein. Doch bei neuen Schwankungen wären die Mittel der Zentralbank begrenzt. Weil die Notenbanker bereits mehrfach intervenierten, liegen ihre ausländischen Währungsreserven nach Angaben des Internationalen Währungsfonds deutlich unter dem angemessenen Niveau. Mit einer weiteren Lira-Abwertung würde sich wiederum die Inflation verstärken. Diese kratzt seit Jahren immer wieder an der Zehn-Prozent-Marke - das Ziel der Zentralbank liegt halb so hoch.

Weiter steigende Preise und Arbeitslosenzahlen würden auch die türkische Bevölkerung verunsichern. Wie in anderen Schwellenländern war es vor allem ihr Konsum, der in der Vergangenheit den türkischen Boom angetrieben hat. Doch politische Unsicherheit bremst das Geldausgeben, das zeigten laut GTAI-Experte Bagoglu schon die zwei Parlamentswahlen im vergangenen Jahr. "In beiden Fällen wurden vorher Konsum und Investitionen zurückgefahren." Falls türkische Unternehmer weniger investierten, dürfte davon "auch der deutsche Anlagen- und Maschinenbau stark betroffen sein".

Auch der Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) warnte die Regierung in Ankara vor wirtschaftlichen Rückschlägen. "Demokratie und Rechtsstaatlichkeit bleiben Voraussetzung für eine Partnerschaft", sagte BDI-Präsident Ulrich Grillo dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Der Schaden durch den Putsch und zahlreiche Terroranschläge sei bereits jetzt groß. "Es ist davon auszugehen, dass deutsche Unternehmen ihr Engagement in der Türkei deutlich zurückfahren, zumal es außerdem protektionistische Maßnahmen der Regierung gibt."

Im Moment wirkt es so, als ob Erdogan alle Risiken wenig interessieren. Radikal treiben er und seine Anhänger die "Säuberung" nach dem Putsch voran. Doch die gute Wirtschaftsentwicklung war mitentscheidend für Erdogans Aufstieg. Der Siegeszug seiner AKP wurde begleitet von Wachstumsraten bis zu neun Prozent, welche die Türkei in den Kreis der 20 größten Industriestaaten (G20) beförderten. Bis 2023 - dem hundertjährigen Geburtstag der türkischen Republik - hat Erdogan sogar den Aufstieg unter die Top Ten versprochen. Kommt es nun zum Abschwung, so könnte vielleicht zumindest das den Präsidenten zu politischer Mäßigung bewegen.


Zusammenfassung: Der Putschversuch in der Türkei und die anschließenden Festnahmen Hunderter Richter und Beamter verunsichert Touristen und Investoren. Die ohnehin angeschlagene Wirtschaft dürfte das hart treffen - der Tourismus ist eine der wichtigsten Branchen des Landes.

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