Lira-Verfall, Inflation und Co. Fünf Krankheiten der türkischen Wirtschaft

Die Wirtschaft der Türkei kriselt. Wie konnte es im einstigen Boomland so weit kommen? Fünf Grafiken zeigen, woran die Ökonomie am Bosporus krankt.

Bankenviertel Istanbul
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Bankenviertel Istanbul

Von Felix Sommerfeld


Die Türkei rutscht immer weiter in die Krise. Die Lage hat sich in den vergangenen Wochen so zugespitzt, dass aus Kreisen der Bundesregierung Unterstützungsmaßnahmen für die strauchelnde türkische Wirtschaft ins Spiel gebracht wurden. Am Mittwoch verteidigte die SPD-Chefin Andrea Nahles ihren Vorstoß, der Türkei zu helfen, sollte sich die wirtschaftliche Situation des Landes weiter verschlechtern. Auch Katar will die türkische Wirtschaft mit milliardenschweren Investitionen stützen.

Um das wirtschaftlich angeschlagene Land scheint es schlecht bestellt zu sein. Doch was genau läuft schief? Wo liegen die Gefahrenherde? Fünf Grafiken und die dazugehörigen Erklärungen liefern Antworten.


Wechselkurs: Die Lira taumelt


Ein Rekordtief jagt das nächste: Die türkische Lira erreichte in den vergangenen Jahren in immer kürzer werdenden Abschnitten stets neue Tiefpunkte. Im Januar 2014 war die Aufregung groß, als man für einen Euro erstmals mehr als drei Lira bezahlen musste. Bis dahin bewegte sich der Wechselkurs über eine lange Zeit hinweg relativ stabil bei zwei Lira pro Euro.

Immerhin dauerte es bis Januar 2017, bis ein neuer Negativrekord aufgestellt wurde: vier Lira für einen Euro. Nur ein gutes Jahr später war ein Euro schließlich fünf Lira wert. Anfang August 2018 kostete er bereits sechs Lira. Einige Tage später erreichte die türkische Landeswährung ihren bisherigen Tiefpunkt: sieben Lira für einen Euro. Kurz bevor die Umrechnung eins zu acht betragen hätte, wurde die Talfahrt gestoppt.

Für den Export von in der Türkei produzierten Waren mag ein niedriger Lira-Kurs positiv sein. Ganz anders sieht das allerdings beim Import aus. Und die Türken beziehen viele ihrer Güter aus dem Ausland. Diese werden immer teurer - eine Belastung für die Konjunktur.


Leistungsbilanzdefizit: Das Problem mit der Lücke


Von einem Leistungsbilanzdefizit sprechen Ökonomen, wenn der Wert der Importe den der Exporte übersteigt, wenn ein Staat also wertmäßig mehr Waren und Dienstleistungen einführt als ausführt. Die Türkei hat seit Jahren ein chronisches Leistungsbilanzdefizit. Ein solches Defizit ist nicht grundsätzlich schlecht, ebenso wenig bedeutet ein Überschuss immer eine positive Entwicklung. Gefährlich ist das Leistungsbilanzdefizit für die gesamtwirtschaftliche Situation der Türkei in Kombination mit den derzeitigen Inflationsraten und Wechselkursverlusten, da das Land in hohem Maße auf Rohstoffe, industrielle Halbwaren, Öl und Gas aus dem Ausland angewiesen ist.

Wenn die eingeführten Güter aber aufgrund der Abwertung zunehmend teurer werden und zeitgleich die Kaufkraft im Land durch die Inflation abnimmt, dann stellt ein Handelsbilanzdefizit ein volkswirtschaftliches Risiko dar. Unternehmen müssen für ein identisches ausländisches Produkt aufgrund des Wechselkursverlusts aktuell doppelt so viel bezahlen wie noch vor zwei Jahren. Um das aufzufangen, erhöhen sie selbst die Preise. Die Inflation hemmt zeitgleich den Konsum. Die Konjunktur kühlt ab.


Inflation: Das Leben wird teurer


Aktuell sieht sich die Türkei mit den höchsten Inflationsraten seit 15 Jahren konfrontiert. Güter und Dienstleistungen werden zunehmend teurer. Aus ökonomischer Sicht ist eine Inflation nichts zwingend Negatives, denn grundsätzlich gilt: Inflation und Wirtschaftswachstum sind eng miteinander verbunden, ein erhöhtes Preisniveau kann eine Marktwirtschaft ankurbeln. Entscheidend ist dabei das Maß, die Inflationsrate. Zentralbanken streben sogar eine moderate Inflationsrate an, um einerseits die Konjunktur am Laufen zu halten, und um andererseits einen Puffer zur Deflation zu haben, einem Rückgang des Preisniveaus. Die Deflation hemmt die Marktwirtschaft, weil die Menschen darauf spekulieren, dass ein Produkt künftig weniger kostet als aktuell - und deshalb ihr Geld nicht ausgeben.

In den vergangenen Jahren hat die Türkei das Ziel ausgerufen, die jährliche Inflationsrate nicht auf über fünf Prozent steigen zu lassen. Aufgrund der hohen Wachstumsraten wäre eine solche Inflation vertretbar gewesen. Doch seit 2008 gelang es lediglich drei Monate lang, die Inflationsrate unter fünf Prozent zu halten. Seit einem Jahr hat die Türkei nun sogar zweistellige monatliche Inflationsraten. Im Juli lag sie im Vergleich zum Vorjahresmonat nun bei fast 16 Prozent.


Anzahl der Unternehmen mit ausländischem Kapital: Scheue Investoren


Ausländische Investoren lassen sich in allen Staaten finden, die in die Weltwirtschaft integriert sind, die Türkei bildet dabei keine Ausnahme. Im Nachgang der Wirtschaftskrise im Jahr 2001 entdeckten zunehmend mehr Investoren den türkischen Markt für sich. Besser gesagt: Sie entdeckten ihn wieder für sich. Schon vorher gab es immer wieder mal viel ausländisches Kapital im Land. Wenn die Türkei in eine Wirtschaftskrise zu schlittern drohte, zogen die ausländischen Anleger ihr Geld allerdings stets wieder ab. Die massive Kapitalflucht verlieh den Krisen zusätzliche Schlagkraft. Die Anzahl der Unternehmen mit ausländischem Kapital stieg seit Beendigung der letzten Krise 2001 kontinuierlich an. Innerhalb der vergangenen zehn Jahre hat sich die Zahl verdreifacht.

In den vergangenen beiden Jahren ist weniger neues ausländisches Geld in die Türkei geflossen als noch vor dem Putschversuch. Da heute allerdings insgesamt deutlich mehr türkische Unternehmen mit ausländischem Geld finanziert werden als früher, wären die Auswirkungen einer möglichen neuen umfassenden Wirtschaftskrise, die die Anleger verjagt, dementsprechend gravierender.


Bruttoinlandsprodukt pro Kopf: Der Wohlstandsmesser


Die Aussagekraft des Bruttoinlandsprodukts (BIP) interpretieren Ökonomen unterschiedlich. Grundsätzlich besteht allerdings Konsens darüber, dass das BIP ein guter Indikator dafür ist, wie es um die Volkswirtschaft eines Landes bestellt ist. Teilt man das BIP durch die Anzahl der Einwohner eines Landes, lässt sich einschätzen, wie sich die Wirtschaftsleistung in Bezug auf dessen Bevölkerung entwickelt.

Von 2009 bis 2015 stieg in der Türkei das BIP pro Kopf nahezu kontinuierlich an - die Türken haben also vom größer werdenden wirtschaftlichen Erfolg des Landes profitiert. Seit 2016 nimmt die Dynamik des Aufschwungs aber ab. In Verbindung mit Wechselkursverlusten und hohen Inflationsraten kann das die ökonomische Lage der Bevölkerung gehörig ins Straucheln bringen.

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Walther Kempinski 22.08.2018
1. pfuscher erdogan
Erdogan ist ein Pfuscher. Er hat nach den Reformen um 2000 rum nicht viel machen müssen. Es lief. Doch nun zeigt sich, dass er überbewertet ist. Die alten Krankheiten kommen wieder. Islamonationalismus hin oder her, die Liebe zum Sultan wird nicht überleben.
kenterziege 22.08.2018
2. Tatsache ist, das dieTürkei wesentlich mehr "einkauft" , als es
....produziert. Das muss kurz über lang floppen. Dazu leistet sich das Land hohe Militärausgaben und Kriege geben die Kurden und in Syrien. Das und der Pomp Erdogans will bezahlt sein. Wir können nur froh sein, daß die Verhandlungen zum EU-Beitritt in die Hose gegangen sind. Das wäre dann nach Griechenland und anderen unsicheren Kantonisten (Italien) der nächste Kostgänger. Man soll den Erogan ruhig zappeln lassen. Wenn er will, soll er doch dem ganzen islamischen Block beitreten und die Ideale Atatürks weiter verraten. Militärstrategisch ist auf den doch kein Verlass mehr. Das Beste wäre, er würde gestürzt. Unverständlicherweise laufen Deutschtürken ihm her. Die wissen offensichtlich nicht, wie gut es Ihnen in einer Demokratie geht.
beotto 22.08.2018
3. Zu 2: Leistungs- oder Handelsbilanz?
Wieder einmal ist nicht klar, ob in der Grafik auch die hohen Beträge einberechnet sind, die von Türken vom Ausland nach Hause übertragen werden: Überschrift "Leistungsbilanz", Grafik "Im- und Exporte". Irgendwann las ich einmal, dass die Rücküberweisungen die Leistungsbilanz ganz anders aussehen lassen als die Handelsbilanz. (Ähnliches Problem wie beim deutschen Exportüberschuss und den Klagen Trumps darüber) Sind bei Im- und Exporten auch die Geldflüsse aus dem Tourismus einbegriffen?
tomhueskens 22.08.2018
4. Diese 5 Krankheiten..
sind die Auswirkungen oder Symptome! Es gibt nur eine Krankheit in der türkischen Wirtschaft und die heißt Erdogan. Würde Erdogan Politik nicht die Zinsen so niedrig halten und die Inflation so hoch treiben sowie ausländische Investoren und Banken verjagen durch seine Ich-bin-der-Kalif-Politik, dann sähe es in der Türkei anders aus. Noch dazu hält er individuelle Freiheiten und Medien klein und damit das einfachere Volk dumm. Erdi ist der Größte und hat immer Recht. Sie wissen's mehrheitlich halt nicht besser, woher auch?? Selbst wenn's schlecht läuft wie jetzt... das Volk glaubt überwiegend an seine Thesen der ausländischen Verschwörungen. Fazit: Erdogan sitzt fest im Sattel. Ich sehe nicht, wie er in nächster Zeit gestürzt werden könnte.
Liberalitärer 22.08.2018
5. Kapitalexporte
Zitat von beottoWieder einmal ist nicht klar, ob in der Grafik auch die hohen Beträge einberechnet sind, die von Türken vom Ausland nach Hause übertragen werden: Überschrift "Leistungsbilanz", Grafik "Im- und Exporte". Irgendwann las ich einmal, dass die Rücküberweisungen die Leistungsbilanz ganz anders aussehen lassen als die Handelsbilanz. (Ähnliches Problem wie beim deutschen Exportüberschuss und den Klagen Trumps darüber) Sind bei Im- und Exporten auch die Geldflüsse aus dem Tourismus einbegriffen?
Dazu sollte man volkswirtschaftlich verstehen, dass ein Leistungsbilanzüberschuss den Abfluss von Kapital bedeutet. Umgekehrt ist es nicht anders. Die Türkei braucht Kapital und zieht es an. Wenn z.B. US Technologiekonzerne Geld einnehmen, dann steigert das das US Leistungsbilanzdezit. Ein Leistungsbilanzüberschuss ist ein Verlust von Kapital, ein Defizit ist ein Gewinn an Kapital. Das scheint sich auch manchen Leuten nicht so wirklich zu erschließen. Das ist aber gängige Lehrmeinung. Tourismus wird in der Leistungsbilanz erfasst und stellt einen Kapitalexport da. Schwierig, denn man bekommt ja Geld? Nein, das Geld für die Kellner usw. wird in lokaler Währung bezahlt.
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