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Grubenunglück in der Türkei: Profit statt Sicherheit

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Das Grubenunglück in Soma wirft ein Schlaglicht auf die Arbeitsbedingungen in der Türkei. Profit geht vor. Ein deutscher Experte moniert zudem: "Die Grubenleitung hat keine Vorstellung, was im Notfall zu tun ist."

Explosion in Bergwerk: Die Türkei trauert um die Opfer des Grubenunglücks Fotos
AP

Berlin - Die Katastrophe im Braunkohlebergwerk von Soma ruft ungute Erinnerungen wach: Am Morgen des 7. Februar 1962 hatte sich in einem Seitenstollen des Bergwerks Luisenthal im Saarland Methangas entzündet. Die Stichflamme setzte eine Kettenreaktion in Gang, gleich an mehreren Stellen explodierte die mit Kohlenstoff gesättigte Luft und brachte die Decken zum Einsturz. Von den rund 430 Bergleuten, die sich in der Nähe des Unglückorts aufhielten, kamen knapp 300 ums Leben.

Gut 50 Jahre später ringen die Experten um Fassung, wenn sie die Umstände des Bergwerksunglücks im westtürkischen Soma mit weit mehr als 200 Toten näher betrachten. Denn in vielen Details gleicht die Katastrophe dem Beispiel von 1962. Und sie wirft ein Schlaglicht auf die teils haarsträubenden Arbeitsbedingungen, die in der Türkei den Alltag bestimmen. Menschenleben zählen hier nicht viel - Profit dagegen alles.

Matthias Stenzel von der Berufsgenossenschaft Rohstoffe und chemische Industrie kennt die Arbeitsbedingungen in den türkischen Gruben seit langem und ist kaum überrascht, dass so ein Unfall passieren konnte. "Was die Arbeitssicherheit betrifft, hat die Kohleindustrie in der Türkei massiven Nachholbedarf", sagt er. Und das betreffe nicht nur die Gerätschaften und die Notfallausrüstung, sondern auch das, was Stenzel "die Sicherheit in den Köpfen" nennt.

Notfallplan? Fehlanzeige

Das Gewühl in der Nähe des Schachts, die engen Spaliere, durch die sich die Rettungswagen hindurchzwängen müssten, ließen nur einen Schluss zu: "Die Grubenleitung hat überhaupt keine Vorstellung davon, was im Notfall zu tun ist." Solche Notfallpläne lesen sich ähnlich wie der Aufmarschplan einer Armee. Streng ist in solchen Plänen zum Beispiel geregelt, wer wem was zu sagen hat und welche Wege für den Abtransport von Verletzten abzusperren sind. "Das klingt im ersten Moment etwas kleinkariert", räumt Stenzel ein. "Doch im Ernstfall spart man damit die Minuten ein, die unter Umständen über Leben und Tod entscheiden."

Das fehlende Risikobewusstsein führt auch zu einem geradezu fahrlässigen Umgang mit den Gefahren des Arbeitsalltags. Nach Angaben der Internationalen Arbeitsorganisation ILO nahm die Türkei 2012 in Europa den höchsten Rang bei tödlichen Arbeitsunfällen ein. Weltweit lag sie auf Platz drei. Das Unglück mache die schweren Sicherheitsmängel in der türkischen Arbeitswelt erneut schmerzlich bewusst, sagt Ralf Bartels von der deutschen Bergbaugewerkschaft IG BCE. "Es ist nur das jüngste Glied einer Kette von tödlichen Unglücken in der Türkei."

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Grafische Darstellung des Unglücks

730.000 Arbeitsunfälle in neun Jahren

Nach Angaben des türkischen Arbeitsministeriums starben allein in den vergangenen neun Jahren in der Türkei mehr als 11.000 Menschen bei rund 730.000 Arbeitsunfällen. 2010 kamen durchschnittlich vier Personen täglich ums Leben. Der Bergbau steht an der Spitze der Unfallstatistik. Als besonders gefährlich gelten daneben die Metallproduktion, der Schiffsbau und der Bau.

Ende 2012 hatte die Regierung in Ankara ein neues Gesetz zur Arbeitssicherheit verabschiedet, das unabhängigen Fachleuten zufolge EU-Niveau hat. Doch was helfen die besten Gesetze, wenn sie kaum jemand einhält und sie niemand kontrolliert? Nach Angaben der IG BCE sind für die gesamte Türkei nur rund 500 Personen für den Arbeitsschutz zuständig.

Aber selbst mehr Kontrollen dürften das Problem allein nicht lösen, sagt Gewerkschafter Bartels. "Ursache der Mängel ist eine Philosophie, die die Produktivität vor die Sicherheit stellt." Wenn sich daran nichts ändere, ließen sich auch die vielen Arbeitsunfälle kaum verhindern.

Mitarbeit: Yasmin El-Sharif

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