Lira-Krise und Inflation Türkei in der Abwärtsspirale

Die Währungskrise in der Türkei beeinträchtigt die reale Wirtschaft: Firmen melden Zahlungsausfälle, Preise für Nahrung und Strom steigen drastisch. Doch Präsident Erdogan sträubt sich gegen grundsätzliche Reformen.

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Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat in den vergangenen Wochen diverse Schuldige für den Niedergang der türkischen Wirtschaft ausgemacht. Wie die USA, die der Türkei einen "Wirtschaftskrieg" erklärt hätten. Oder die Ratingagenturen, diese "Hochstapler" und "Erpresser", die das Image seines Landes beschmutzten. Die "Finanzlobby" natürlich auch.

Nur bei sich selbst kann Erdogan keinen Fehler erkennen.

Die Lira hat seit Jahresbeginn gegenüber dem Dollar fast die Hälfte an Wert verloren, die Inflation ist im August auf 18 Prozent gestiegen - den höchsten Wert seit 2003. Die Regierung verbreitet Durchhalteparolen: "Wir werden nicht aufgeben", sagte Erdogan kürzlich bei einer Zentralasien-Reise. "Wir werden siegreich sein."

Die Währungskrise weitet sich unterdessen mehr und mehr zu einer Wirtschaftskrise aus: Türkische Unternehmen, die einen Großteil ihrer Kredite in Dollar und Lira aufgenommen haben, können ihre Schulden kaum noch begleichen. Der Schuhhersteller Hotic und der Autoverleiher Derindere meldeten am Wochenende Finanzprobleme an. Der Energiekonzern Bis Enerji schaltete ein Kraftwerk in der Großstadt Bursa ab, nachdem er in Zahlungsrückstand geraten war. Zeitungen müssen den Vertrieb einstellen, da das Papier zu teuer wird.

Die Strompreise sind am 1. September um 14 Prozent für die Industrie und um neun Prozent für Privathaushalte gestiegen. Auch Lebensmittel und Kleidung werden teurer. Manche Lebensmittelfirmen haben bereits die Mengen in ihren Packungen verkleinert, um Preiserhöhungen zu kaschieren. Urlauber müssen Reisen nach Europa stornieren, weil sie sich diese wegen des Wechselkurses nicht mehr leisten können.

Erdogan aber glaubt nach wie vor, die Krise aussitzen zu können. Er scheut strukturelle Reformen, wie sie die meisten Ökonomen fordern. Seine Regierung hat bislang nur kosmetische Veränderungen vorgenommen.

Das Finanzministerium hat Exporteure verpflichtet, im nächsten halben Jahr acht Zehntel ihrer Einnahmen in türkischen Banken zu deponieren. Die Steuer auf Devisenguthaben wurde von 18 auf 20 Prozent erhöht. Die Behörden haben Ermittlungen eingeleitet gegen Firmen, die Preise überdurchschnittlich stark angehoben haben - was das Vertrauen von Anlegern in den türkischen Rechtsstaat kaum verbessern dürfte.

Investoren fiebern dem 13. September entgegen, wenn die Zentralbank ihre Geldpolitik neu justiert. Experten sind sich einig, dass nur eine massive Erhöhung der Zinsen den Niedergang der Lira bremsen kann. Die Frage ist, ob der Präsident das zulässt. Er möchte vor den Regionalwahlen im Frühjahr 2019 gegenüber den Bürgern weiter mit Wachstumszahlen protzen.

Das System Erdogan stößt in der Krise erkennbar an seine Grenzen. Der Präsident hat den Konjunkturboom in den ersten Jahren seiner Amtszeit durch Milliardeninvestitionen in die Bauindustrie befeuert. Er hat Straßen errichten lassen, Hochhaussiedlungen, Krankenhäuser. Im Oktober eröffnet in Istanbul der größte Flughafen der Welt. Da in der türkischen Privatwirtschaft nur begrenzt Kapital vorhanden ist, lieh Erdogan das Geld aus dem Ausland, aus Europa und den USA.

Die radikale Wachstumspolitik ging solange gut, wie die Lira stabil war und Kapital aus dem Ausland kam. Nun aber gerät das Land in eine gefährliche Abwärtsspirale.

Lira-Verfall, Inflation und Co.

Erdogan hat durch seine Tiraden gegen den Westen, durch die Repressionen gegen Oppositionelle und durch Interventionen in die Zinspolitik das Vertrauen der Anleger erschüttert. Zwischen 2015 und 2017 sind Direktinvestitionen aus dem Ausland fast um die Hälfte auf zehn Milliarden Dollar eingebrochen.

Die Ratingagentur Standard & Poor's hat die Kreditwürdigkeit der Türkei auf Ramschniveau herabgestuft. Die Türkei hat Argentinien als weltweit riskantesten Markt für Staatsanleihen abgelöst. Für die Regierung in Ankara wird es immer teurer, frisches Geld für Bauprojekte zu leihen.

Finanzminister Albayrak hat gerade erst beteuert, sein Land hätte die Krise überwunden. Vieles deutet jedoch darauf hin, dass den Menschen in der Türkei die schwersten Einschnitte erst noch bevorstehen. Die niederländische Bank ABN Amro geht in einem aktuellen Bericht davon aus, dass die Lira bis Jahresende weitere 20 Prozent an Wert verliert und die Wirtschaft 2019 um drei Prozent schrumpft.

Sollte die Krise auch auf die bislang recht stabilen türkischen Banken übergreifen, dürfte das Wirtschaftssystem endgültig ins Wanken geraten. "Die Türkei", schreiben die ABN Amro-Analysten, "ist in einen perfekten Sturm geraten."

Videoanalyse zum Maas-Besuch in der Türkei: "Mehr Einigkeitsshow geht nicht"

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hamburghammer 06.09.2018
1. Erdogan will die Krise aussitzen
Aus seiner Sicht verständlich. Halte ich für eine gute Lösung. Unsere Regierung sollte eine ähnliche Taktik fahren...und Erdogan aussitzen! Die Türkei, Land und Volk, verdient Unterstützung, aber nicht solange die Unterstützung vor allem dem Machterhalt, Machtausbau und der schamlosen Bereicherung des Erdogan-Clans dient. Die Türkei hat offenbar keine politischen Mittel (mehr), um Erdogan loszuwerden. Also muss das Land (leider) erst mal volle Kanne gegen die Wand rauschen, bevor sich dort in Sachen Rechtsstaat, Demokratie und Menschenrechte wieder etwas ändert. Dann kann gerne wieder Hilfe, auch finanzieller Art, gewährt werden. Aber hoffentlich nicht, um einen schmerzbefreiten, respektlosen und beratungsresistenten Autokraten über das Mindesthaltbarkeitsdatum hinaus an der Macht zu halten.
Ottokar 06.09.2018
2. Interessant zu lesen was über die Türkei geschrieben wird
wenn man vorher die Aussagen von Frau Merkel gelesen hat, so mit nicht alles Schwarz und Weiss zu sehen und wie wichtig die Türkei für Deutschland ist. Worauf soll der geneigte Leser denn eingestimmt werden ? Nachtigall ick hör dir trapsen...…..
hadmasufa 06.09.2018
3.
Man kann nur inständig hoffen daß das menschenverachtende Regime unter dem diktatorischen Präsidenten R. E. von der Krise aus der Regierung und Amt gejagt wird.
frankfurtbeat 06.09.2018
4. nun ...
nun es sind ja nicht die eigenen Fehler sondern die "bösen Machenschaften" des Westens ... "daher vertraut mir meine Brüder - wir sitzen das aus" Es gibt eigentlich nur einen Weg - absaufen lassen bis Erdogan samt Freunden endlich abgelöst wird. Wenn Merkel und Maas jetzt auch noch gutes Steuergeld hinterher werfen sollten wäre das Fass endgültig voll. Unternehmer welche in Länder wie die Türkei investieren um fette Gewinne einzustreichen sollten sich auch dem Länderrisiko bewusst sein. Es soll ja Menschen in diesem Land geben die jetzt in der Türkei Urlaub buchen da es billiger als billig ist - wie krank ist das denn - alles dem Geld zuliebe ausblenden?
Björn L 06.09.2018
5. Hausgemacht und absehbar
Die längst überfällige Abwertung wurde letztendlich durch Trump erreicht im Streit um einen Pastor. Die Geiselpolitik der erdoganschen Dikatur hat etwas losgetreten, was so schnell nicht mehr einzudämmen gilt. Entgegen diverer Spekulationen rechne ich nach dem 13. September mit einer Stabilisierung, sofern die Notenbank ihre Unabhängigkeit vortäuschen kann. Langfristig wird dier Türkei erst dann wieder zur alten Form finden, wenn Erdogan und das Präsidialsystem Geschichte sind. Das kann Jahrzehnte dauern, denn sein Clan hat sich vor Jahren schon in Stellung gebracht. Mitleid hält sich in Grenzen, zusehr haben sich viele vom Bau der Autobahn (uvm) beeindrucken lassen. Das sollte uns deutschen bekannt vorkommen.
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