Türkische Währungskrise Das riskante Schuldenspiel des globalen Finanzkapitalismus

Die Türkei ist ein besonders krasses Beispiel für die globale Schuldenmanie, die nach der Finanzkrise auf die Schwellenländer übergesprungen ist. Die Risiken waren bekannt, die Warnungen laut. Genutzt hat es nichts.

Trump und Erdogan (im Juli)
REUTERS

Trump und Erdogan (im Juli)

Eine Kolumne von


Die Story ist schnell erzählt. Zwei selbst ernannte starke Männer verstricken sich in einen Streit. Keiner der beiden will nachgeben. Der eine, US-Präsident Donald Trump, verhängt Sanktionen gegen ein Land, mit dem Amerika seit sieben Jahrzehnten eine strategische Partnerschaft in der Nato pflegt.

Der andere, der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan, ruft sein Volk zur patriotischen Tat, um eine akute Wirtschafts- und Währungskrise abzuwenden: Kauft keine iPhones, tauscht eure Dollars in Lira! Und er begibt sich auf die Suche nach neuen Partnern.

Das Ende dieser Geschichte ist noch nicht geschrieben. Aber es ist möglich, dass die Schäden groß und dauerhaft sein werden - für die türkische Bevölkerung, aber auch für die geopolitische Rolle der USA und die Sicherheit Europas.

Die Story von den zwei alten, sturen Männern ist zwar nicht falsch. Aber sie verdeckt andere, tiefergehende Zusammenhänge. Denn in der Wirtschaftskrise am Bosporus zeigen sich auch grundlegende Unzulänglichkeiten des globalen Finanzkapitalismus.

Es stimmt schon: Ausgelöst wurde die derzeitige Zuspitzung - der rapide Verfall der Währung, der sprunghafte Anstieg der Inflation - durch den Konflikt zweier nationalpopulistischer Führungsfiguren. Doch die eigentlichen Ursachen liegen tiefer. Die Probleme der Türkei sind so gesehen kein Einzelfall, sondern ein Symptom.

Die aktuelle Krise wirft zwei große Fragen auf:

  • Wie kann es eigentlich sein, dass die türkische Volkswirtschaft über Jahre immer höhere Schulden aufgetürmt hat?
  • Und: Warum waren internationale Investoren überhaupt bereit, diese gigantischen Summen zu verleihen?

Angst vor der Pleitewelle

Dass Grundlegendes schiefläuft, ist seit Jahren bekannt. Bereits im Sommer 2013 war es zu einem Ausverkauf an den Börsen diverser Schwellenländer gekommen. Auslöser war damals die Ankündigung der US-Notenbank Fed gewesen, allmählich den Krisenmodus zu verlassen und weniger Geld in die Märkte zu pumpen.

Die Aussicht auf steigende US-Zinsen schürte die Angst vor einer Pleitewelle in den Schwellenländern. Die Fed stellte daraufhin zunächst ihre Pläne zurück.

Im Sommer 2014 warnte dann die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel erneut vor dem rapiden Schuldenaufbau in den Schwellenländern. Und es waren nicht die Staaten oder die Privatbürger, die in großem Stil Kredite aufnahmen, sondern die Unternehmen. Schon damals warnte die BIZ insbesondere vor der Entwicklung in der Türkei.

Risikoreich war nicht nur die Höhe der Schulden, sondern auch ihre Zusammensetzung. Weil in den USA, der Eurozone, Japan und anderen reichen Ländern die Zinsen extrem niedrig waren - die großen Notenbanken pumpten massiv Geld in die Märkte, und sie tun dies zum Teil bis heute -, liehen sich Unternehmen in der Türkei und anderen Schwellenländern Dollar und Euro.

Mehr als 90 Prozent der internationalen Anleihen und mehr als 80 Prozent der internationalen Bankkredite, die an Unternehmen in den Schwellenländern vergeben worden waren, lauteten auf ausländische Währung, so die BIZ im Jahr 2014.

Wechselstube in Istanbul am 14. August
AP

Wechselstube in Istanbul am 14. August

Firmen liehen sich Geld in Dollar oder Euro - ihre Einnahmen jedoch bezogen sie überwiegend in heimischer Währung. Ein Vabanquespiel: Im Falle einer Abwertung würde es für hoch verschuldete Unternehmen erheblich teurer, ihre Fremdwährungsschulden zu bedienen. Auch an neue Kredite zu kommen, würde schwieriger und kostspieliger - spätere Pleiten nicht ausgeschlossen.

Diese Risiken waren bekannt, die Warnungen nicht zu überhören. Dennoch ging das Schuldenspiel immer weiter.

Die Folgen sind ziemlich dramatisch. Seit 2008 hat sich das Volumen der Dollar-Kredite, die an die Schwellenländer vergeben wurden, mehr als verdoppelt: auf inzwischen sagenhafte 3,6 Billionen.

Mancher Schuldner droht nun, in der Schuldenfalle steckenzubleiben. Denn der Dollar ist in den vergangenen Monaten deutlich stärker geworden. Und weil die US-Zinsen steigen, werden Anschlussfinanzierungen tendenziell noch teurer - falls sie überhaupt zu bekommen sind.

Angewiesen auf ausländisches Geld

Wie gesagt, die Türkei ist kein Einzelfall, aber ein besonders krasses Beispiel für die globale Schuldenmanie, die nach der Finanzkrise von 2008 von den westlichen Volkswirtschaften auf die Schwellenländer übersprang.

Laut Zahlen des Internationalen Währungsfonds (IWF) vergaben türkische Banken über Jahre deutlich mehr Kredite in Fremdwährung als in Lira. Dazu kommen Fremdwährungsanleihen türkischer Schuldner. Insgesamt lautet ein Viertel der ausstehenden Verbindlichkeiten auf Euro, Dollar und Yen, so die OECD.

Die rapide Abwertung der Lira ist vor allem deshalb so brisant, weil die Türkei auf ständige Mittelzuflüsse aus dem Ausland angewiesen ist: In der Leistungsbilanz klafft ein Loch von fünf Prozent der Wirtschaftsleistung. Die Inflation steigt, was die Währung weiter unter Druck setzt und die Lage weiter verschlechtert. Betroffen sind auch Banken in der Eurozone, die womöglich einen Teil ihrer Türkei-Forderungen abschreiben müssen.

Andere Schwellenländer wie Indien, Brasilien oder Südafrika drohen in den Strudel des Misstrauens hineingezogen zu werden, auch wenn die Bedingungen dort deutlich besser sind.

Am Ende steht die Frage: Wer ist eigentlich schuld?

Kurzsichtigkeit, Hybris und andere Gebrechen

Dass die aktuellen Schuldenprobleme der Schwellenländer sich lange und deutlich sichtbar abzeichneten, offenbart eine bemerkenswerte Kurzsichtigkeit, verbunden mit einem gehörigen Schuss Opportunismus.

Aus Sicht der Kreditnehmer waren die Zinsen ja so schön niedrig: Warum nicht die fantastischen Finanzierungsbedingungen nutzen?

Die Gläubiger suchten händeringend nach Anlagemöglichkeiten, die mehr abwarfen als die im Westen üblichen homöopathischen Renditen: Warum nicht das eine oder andere Risiko eingehen?

Regierungen und Notenbanken in Schwellenländern wie der Türkei mochten den Boom nicht stoppen: Warum die Chance verstreichen lassen, auf ein höheres Wohlstandsniveau zu kommen?

Die westlichen Notenbanken ignorierten weithin die globalen Nebenwirkungen ihrer beispiellosen Geldflut: Warum Rücksicht nehmen auf andere Volkswirtschaften, wenn EZB, Fed und Co. doch per Gesetz nur für ihre jeweiligen Länder zuständig sind?

Und dann ist da natürlich auch noch Präsident Erdogan, dessen Allmachtsanspruch auch in Gelddingen inzwischen die finanzielle Glaubwürdigkeit seines Landes unterminiert.

All das zeigt: Der globale Finanzkapitalismus braucht strikte globale Regeln. Auf die Selbstverantwortung der einzelnen Akteure zu setzen, genügt nicht. Geld sollte knapp sein, Kapitalströme sollten nachhaltig sein und nationale Spielräume im Zweifel beschränkt.

Es ist genau jene Form von globaler Finanzpolitik, die Nationalpopulisten wie Erdogan und Trump von Herzen ablehnen.

Die wichtigsten Wirtschaftsereignisse der kommenden Woche
Montag
Washington - Kühe auf dem Eis - Die Handelsexperten von EU und USA treffen sich, um nach einer Umsetzung der Absprachen zwischen Kommissionschef Juncker und US-Präsident Trump zu suchen.

Mittwoch
Berlin - Wenig Wasser, steigende Preise - Gegen Ende der Dürre-Ernte 2018: Der Bauernverband zieht Bilanz.

Donnerstag
London - Brexit-Vorboten - Die britische Statistikbehörde ONS veröffentlicht Zuwanderungszahlen. Britannien verfolgt eine zunehmend restriktive Haltung gegenüber der Immigration.

Freitag
Jackson Hole - Let's talk about money - In den Teton-Bergen treffen sich führende Notenbanker aus aller Welt, um über die Veränderung der Marktstrukturen und die Auswirkungen auf die Geldpolitik zu debattieren.

Wiesbaden - Besser als die EU erlaubt - Das Statistische Bundesamt veröffentlicht Details zum deutschen Bruttoinlandsprodukt (BIP) im 2. Quartal sowie die staatliche Defizitquote gemäß Maastricht-Vertrag.

Sonntag
Berlin - Angie zum Schluss - Die ARD beendet ihre Reihe von Sommerinterviews mit einem Gespräch mit Bundeskanzlerin Merkel. Kurz danach sendet das ZDF ein Gespräch mit CSU-Chef Seehofer.

Mehr zum Thema
Newsletter
Müllers Memo


insgesamt 87 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Mach999 19.08.2018
1.
Gut analysiert: Die Schwellenländer, insbesondere die Unternehmen dort wollten billige Kredite in Fremdwährung nutzen und haben diese Kredite bekommen. Die Regierungen dort haben sich nicht dagegen gestellt. Was ich an dem Artikel allerdings nicht verstehe, ist dann die Volte, dass der globale Finanzkapitalismus schuld daran sein soll. Ich bin ja für jede begründete Kapitalismuskritik zu haben, aber in diesem Fall ist das doch wohl eher die Schuld der Kreditnehmer. Niemand hat sie gezwungen, Kredite in Fremdwährung aufzunehmen. Ein bisschen Eigenverantwortung muss man von Unternehmern und Staaten schon erwarten können.
Ein_denkender_Querulant 19.08.2018
2. Wo ist das Problem?
So what? Die Banken haben für die Kredite an die Türkei über Jahrzehnte fette Gewinne germacht. Zinsen zwischen 10 und 15% sprechen Bände. Und jetzt wird es vermutlich Ausfälle geben. Ärgerlich wird es für niemanden. Die Banken haben bisher genug verdient, Erdogan wird abgewählt, und der "kleine Mann" in der Türkei wirdauf das Niveau zurück fallen, was er ohne Verschulung hätte. Das mag bitte klingen, aber mehr hat er halt nicht erwirtschaftzen. Eigentlich gibt es nur Gewinner. Die einen haben schon genug bekommen, der drohend Machtentzug des Dispoten ist für alle gut und ein "kleiner Mann", der aufwacht, ist auch gut. So what?
Hoberg 19.08.2018
3. was sind 3,6 Billionen?
Zuviel ? ausreichend viel? es ist zunächst eine reine Zahl. Sie entspricht im Moment in etwa der Exportleistung dieser Länder für ein Jahr. Das ist zunächst mal nicht zuviel, wenn das Wachstum stimmt. Dieses ist auch Folge von good Gouvernance . Natürlich sind Zölle und Handelskriege hier schädlich. Hat also nichts mit Funktionieren oder Überwachung der Märkte zu tun. Sorry. Die Funktionieren . Man gab sich optimistisch . Und nicht mal übermäßig. Im Moment zumindest .
rubberducki 19.08.2018
4. Die Kehrseite des Kapitalismus ...
Geld ist in industrialisierten Wertesystemen nicht nur ein Garant für Lebensqualität und Weiterwicklung ... nein ... Geld ist mittlerweile die gefährlichste Waffe der Welt ... man kann ohne einen Schuss und ohne einen Tropfen Blut einen sehr grausamen Krieg führen, der primär auf die Zivilbevölkerung abzielt. Ein toter Soldat ist eine Tragödie ... eine zusammenbrechende Wirtschaft eine biblische Kathastrophe für Generationen ...
trackingerror 19.08.2018
5.
Naja, ob ein ausländischer Kredit in der Inlands- oder Auslandswährung notiert, spielt bei einer Abwertung der Währung für das Risiko in letzter Konsequenz keine Rolle. Bei Notation in Inlandswährung (z.B. Lira) würde der ursprüngliche Gegenwert in der Referenzwährung nicht wieder erreicht werden und bei Notation in ausländischer Währung (z.B. EURO) würde auch nur ein Teil der Forderung getilgt werden können. In beiden Fällen würde es zu einer Wertberichtigung kommen. Dieses Risiko ist auch der Grund, warum sog. Credit Spreads erhoben werden. In Kombination mit den im Vergleich höheren Marktzinsen, dem damals moderaten Wechselkurs und des Wirtschaftswachstums machte es absolut Sinn, in der Türkei zu investieren. Erdogan hat sich mit seinem autoritären Anspruch um den Erfolg seiner eigenen Mühen gebracht. Die Türkei ist kein Land, das autark agieren kann. Wenn schon keine Autarkie möglich ist, dann benötigt es innovativer Technologien. Auch das ist in der Türkei im Vergleich kaum gegeben. So hart es klingt: solche Länder sind auf Gedeih und Verderb dem Diktat volkswirtschaftlich stärker Nationen ausgesetzt. Übrigens: selbst wenn im Euro- und US-Raum die Zinsen höher gewesen wäre, wäre eine Rezession in der Türkei oder anderen Schwellenländern wohl die Folge gewesen. Das kann auch kein weltpolitischer Anspruch sein.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.