Türkei-Krise Erdogans Rendezvous mit der Wirklichkeit

Lange sperrte sich der türkische Präsident gegen höhere Zinsen, nun steigen sie überraschend stark. Die Intervention der Zentralbank dürfte der türkischen Wirtschaft trotzdem nur eine kurze Atempause verschaffen.

Recep Tayyip Erdogan
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Recep Tayyip Erdogan

Von , Istanbul


Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan ist ein Mann, der Wort hält. Und genau das, schreibt der Wirtschaftsdienst "Bloomberg", sei zuletzt das Problem gewesen.

Als Erdogan vor den Präsidentschaftswahlen am 24. Juni angekündigte, seine Kontrolle über die türkische Zentralbank auszuweiten, taten Beobachter, die es gut mit der türkischen Regierung meinten, dies noch als Wahlkampfgeplänkel ab. Seither hat Erdogan sie wiederholt eines Besseren belehrt.

Die türkische Lira hat dramatisch an Wert verloren. Die Inflation ist im August auf ein Rekordhoch von 18 Prozent geklettert. Ökonomen drängten die Regierung in Ankara bereits vor Monaten vergeblich, die Zinsen anzuheben, um einen Kollaps zu verhindern. Erdogan wollte gegenüber seinen Wählern weiter mit Wachstumszahlen protzen.

Nun aber hat die Krise ein solches Ausmaß angenommen, dass selbst der türkische Präsident sie nicht länger ignorieren kann. Am Donnerstag erhöhte die Zentralbank den Leitzins von 17 auf 24 Prozent - deutlich stärker als erwartet. "Ein gewaltiger Schritt. Die Märkte hätten auf kein besseres Ergebnis hoffen können", kommentierte der Londoner Ökonom Timothey Ash. "Gut zu sehen, dass sich der gesunde Menschenverstand durchgesetzt hat", sagte Brett Diment vom britischen Vermögensverwalter Aberdeen der "Financial Times".

Noch am Donnerstagvormittag, zwei Stunden vor der Entscheidung, hatte Erdogan Zinsen als "Instrument der Ausbeutung" bezeichnet. Die Intervention der Zentralbank verschafft der türkischen Wirtschaft nun eine Verschnaufpause. Die Lira legte zunächst um fünf Prozent zu, bevor sie wieder etwas fiel.

"Die Zinserhöhung hätte sehr viel früher kommen müssen"

Die Frage ist, wie lange der Trend anhält. "Wir haben wohl einen Punkt erreicht, an dem Geldpolitik allein die Lira nicht mehr retten kann", sagte Esther Reichelt von der Commerzbank bereits vor einigen Wochen. "Die Zinserhöhung hätte sehr viel früher kommen müssen", kritisiert auch der Istanbuler Ökonom Mustafa Sönmez.

Die Währungskrise ist längst dabei, sich zu einer Wirtschaftskrise auszuweiten: Türkische Unternehmen, die einen Großteil ihrer Kredite in Dollar und Lira aufgenommen haben, können ihre Schulden kaum mehr begleichen. Der Energiekonzern Bis Enerji schaltete ein Kraftwerk in der Großstadt Bursa ab, nachdem er in Zahlungsrückstand geraten war. Zeitungen müssen den Vertrieb einstellen, da sie sich die Papierkosten nicht mehr leisten können. Die Strompreise sind am 1. September um 14 Prozent für die Industrie und neun Prozent für Privathaushalte gestiegen. Auch Lebensmittel werden teurer.

Lira-Verfall, Inflation und Co.

Erdogan, der demnächst zu einem Staatsbesuch in Deutschland erwartet wird, hat den Konjunkturboom in den ersten Jahren seiner Amtszeit durch Milliardeninvestitionen in die Bauindustrie befeuert. Er ließ Straßen errichten, Hochhaussiedlungen, Krankenhäuser. Nun, da das Kapital fehlt, gerät gerade dieser Wirtschaftszweig in Bedrängnis. 70 Prozent der privaten Bauarbeiten seien eingestellt oder verlangsamt worden, schätzt Tahir Tellioglu, der Vorsitzende des Verbands der Bauwirtschaft: "Unsere Branche ist am Rand des Komas."

Erdogans Scheu vor Reformen

Ökonom Sönmez schätzt, dass die türkische Wirtschaft unter anderem durch die hohen Zinsen über Monate hinweg zum Erliegen kommen könnte. Die niederländische Bank ABN Amro geht in einem aktuellen Bericht davon aus, dass das türkische Bruttoinlandsprodukt 2019 um drei Prozent schrumpft.

Trotz der Misere scheut Erdogan nach wie vor strukturelle Reformen, da diese ihn in seiner autoritären Herrschaft einschränken könnten. Stattdessen baut er seine Macht über die Wirtschaft weiter aus. Erst am Mittwoch ernannte er sich zum Chef des milliardenschweren, staatlichen Vermögensfonds. Das Finanzministerium hat Exporteure dazu verpflichtet, im nächsten halben Jahr acht Zehntel ihrer Einnahmen in türkischen Banken zu deponieren. Immobiliengeschäfte dürfen künftig nur noch in Lira abgewickelt werden.

Die Entscheidung der Zentralbank, die Zinsen zu erhöhen, dürfte den Niedergang der Wirtschaft nun bremsen - aber kaum stoppen.

Mitarbeit: Eren Caylan

insgesamt 41 Beiträge
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Carlos Gardel 13.09.2018
1. Erdoğan kann die Krise nicht lösen.
Damals wie Reagan gesagt hat: Erdoğan kann das Problem (sprich: die Ökonomische Krise) nicht lösen, Erdoğan ist das (Haupt-)Problem. Schon einige Schritte zur Lösung der krise, egal in welchem Sinne, sei es liberaler Natur odes sei es linker, würde bedeuten dass seine Machtstruktur anfängen würde zu schrumpfen. Und das wäre eine sich beschleunigende Prozess. Sein Ende würde sehr schnell kommen.
Antalyaner 13.09.2018
2. Kleines Beispiel
Gestern hat ein Freund von mir über das Internet beim Media Markt ein verbilligtes iPad für 1700 türkische Lira bestellt. Die Ware sollte dann beim hiesigen Markt abgeholt werden. Am Spätnachmittag bekam er dann von der Marktleitung einen Anruf, ob er denn heute noch vorbei kommen und das Gerät in Empfang nehmen würde. Ganz verdutzt über diese ungewöhnliche Nachricht machte er sich auf den Weg und holte das iPad ab. Heute wurde klar, warum er diesen Anruf bekam. Das gleiche Gerät kostet heute, also nur einen Tag später, 2700 TL. Eine Teuerung von sage und schreibe 1000 TL in nur einem Tag. So etwas hält KEINE Regierung auf Dauer aus.
makeup 13.09.2018
3. Ich hoffe seine Wähler hier in Deutschland untertützen ihn
und wechseln ihr sauer verdientes Geld in türkische Lira.
Barças Superstar 13.09.2018
4. Am Ende,
so zeigt es uns wiederholt die Geschichte, scheitern alle Chauvinisten, die sich und ihre Gruppe für überlegen halten. Hier zeigt sich auch die Schwäche der Demokratie, die es Despoten wiederholt ermöglicht mittels Vortäuschung, Lügen und nciht einhaltbaren Versprechungen parlamentarische Mehrheiten und somit Macht und Einfluss zu erringen. Insofern kann man auch thematisieren, dass verführte und verblendete Wähler die Demokratie missbrauchen, wenn sie Partein wählen, die nicht dem Allgemeinwohl sondern der Überlegenheit der eigenen Gruppe verpflichtet sind. Zum Chauvinismus gehört auch der Narzissmus, der dem Anführer Fehlerlosigkeit "attestiert". Das kann man am Twitter-Verhalten mancher Politiker erkennen. Der Blick in die USA wird uns ähnliche Entwicklungen aufzeigen. Die Frage ist, wie viel Schaden bis zum Zusammenbruch angerichtet worden ist. Wahre Leader setzen sich für ihre Leute ein und opfern nicht ihre Leute für ihre Ziele.
outlander 13.09.2018
5. Hochmut kommt vor dem Fall
Auch für einen größenwahnsinnigen wie Erdogan gelten die Naturgesetze. In diesem Fall die Gesetze des Marktes und der daraus resultierenden Konsequenzen. Das ist ja die Kunst der Volkswirtschaft, eine Balance zwischen Wirtschaftswachstum, Zinsen, Inflation, Kreditfinanzierung, Steuerpolitik und Lohnniveau zu haben. Der pure Wille eines möchtegern Machtmenschen reicht allein nicht aus. Ich empfehle dem Großmaul vom Bosporus auf den Boden der Tatsachen zurück zu kommen und ein paar Gastsemester in VWL und BWL an einer renomierten Universität zu belegen. Das wird aber an dem fortgeschrittenem Altersstarrsinn scheitern. Viel Glück den Türken, die Erdogan nicht gewählt haben. Die anderen haben es nicht besser verdient.
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