Inflation Türkische Lira nähert sich Rekordtief

Einen Tag nachdem die Investmentbank JP Morgan die Türkei vor Finanzierungsproblemen gewarnt hat, geht die Talfahrt der Lira weiter. Belastend wirkten auch Berichte über den Zentralbankvize.

Kopie einer 200-Lira-Note in einer Wechselstube
DPA

Kopie einer 200-Lira-Note in einer Wechselstube


Die Währungskrise in der Türkei findet kein Ende. Die türkische Lira setzt ihre Talfahrt der vergangenen Tage fort. Der Kurs stand am Mittag bei 6,7 Lira für einen Dollar und damit nicht weit entfernt vom Rekordtief, das Mitte August bei 7,2362 Lira erreicht worden war.

"Die Stimmung in der Türkei trübt sich weiter ein - es droht eine Rezession", sagte Deutsche-Bank-Anlagestratege Ulrich Stephan. Die Folgen für die Eurozone sollten seiner Ansicht nach aber überschaubar bleiben.

Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge soll der Zentralbankvize Erkan Kilimci vor dem Rücktritt stehen. Das hätten zwei mit der Angelegenheit vertraute Personen gesagt. Nach Berichten darüber war die Währung zum Dollar zeitweise auf 6,85 Lira gefallen. Eine Bestätigung gab es nicht, in der Türkei ist ein Feiertag.

JP Morgan warnt vor Finanzierungsrisiko

Seit Beginn des Jahres hat die Währung zum Dollar fast 40 Prozent an Wert eingebüßt. Die Wirtschaftspolitik von Präsident Erdogan und die angezweifelte Unabhängigkeit der Zentralbank untergraben das Vertrauen der Anleger. Hinzu kommt der Konflikt mit den USA um einen inhaftierten US-Pastor, den Erdogan als Angriff auf die türkische Wirtschaft wertet.

Diese befindet sich derzeit in einer schwierigen Lage: Die Inflation ist auf mehr als 15 Prozent gestiegen, das Handelsdefizit geht zwar zurück, liegt aber mit knapp sechs Milliarden Dollar noch vergleichsweise hoch.

Lira-Verfall, Inflation und Co.

Der US-Investmentbank Goldman Sachs zufolge könnte der Liraverfall die Kapitalpuffer der türkischen Banken aufzehren. Die US-Großbank JP Morgan hat errechnet, dass die Türkei allein bis Mitte nächsten Jahres umgerechnet 153 Milliarden Euro an Auslandsschulden zurückzahlen muss. Das entspricht fast einem Viertel der jährlichen Wirtschaftsleistung des Landes. Bei Verbindlichkeiten von etwa 93 Milliarden Euro, die bis Juli 2019 beglichen werden müssten, bestehe ein Finanzierungsrisiko.

Finanzminister Berat Albayrak - Erdogans Schwiegersohn - sieht trotzdem keine großen Wirtschaftsrisiken für sein Land. Experten sind hier gänzlich anderer Meinung. Nur mit einem radikalen Kurswechsel gebe es eine Chance, die Währungskrise zu stoppen. "So müssten die Unabhängigkeit der Zentralbank sichergestellt, der Leitzins deutlich angehoben und das Finanzministerium neu besetzt werden", sagt Stefan Bielmeier, Chefvolkswirt von der DZ Bank.

brt/dpa/Reuters

insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
Jo-achten-van-Haag 30.08.2018
1. Auch dann nicht
Zitat aus dem Beitrag "So müssten die Unabhängigkeit der Zentralbank sichergestellt, der Leitzins deutlich angehoben und das Finanzministerium neu besetzt werden". Mit Erdo wird das nichts. Der ist fast genau so unglaubwürdig wie Trump. Aber die nächste Wahl kommt ja. Wollen hoffen das da nicht ägyptische Verhältnisse einziehen.
hansulrich47 30.08.2018
2. Wen wundert es?
Es gibt immer Zocker, die glauben, ein Aufschwung liefe endlos. Er kann lange laufen, wenn das Umfeld stimmt. Zum Beispiel, wenn die Investition tatsächlich eine Rendite abwirft. Ob sich die nächsten Bosporus-Brücke wirklich lohnt oder ob der riesige Flugplatz in Istanbul jemals Gewinn macht, ist dagegen ziemlich fraglich. Erdogan plant ja schon einen Kanal für die Schifffahrt parallel zum Bosporus. Wer dort investiert, pokert und kann sich verzocken. Banken haben in Europa und anderswo privates Kapital eingesammelt und kurzfristige Schuldentitel laufen. Das kann schon zum Jahresende ein übles Erwachen geben, wenn die Rückzahlungen nicht möglich sind. Vielleicht helfen die Golfstaaten, die schwimmen in Petrodollars. Aber wäre das dann nicht auch ein schöner Ansatz für Hilfe gegen mehr Menschenrechte, liebe Politiker? Oder helft ihr wieder ohne Gegenleistung?
Sissy.Voss 30.08.2018
3. Das macht doch wirklich keinen Unterschied
Zitat von hansulrich47Es gibt immer Zocker, die glauben, ein Aufschwung liefe endlos. Er kann lange laufen, wenn das Umfeld stimmt. Zum Beispiel, wenn die Investition tatsächlich eine Rendite abwirft. Ob sich die nächsten Bosporus-Brücke wirklich lohnt oder ob der riesige Flugplatz in Istanbul jemals Gewinn macht, ist dagegen ziemlich fraglich. Erdogan plant ja schon einen Kanal für die Schifffahrt parallel zum Bosporus. Wer dort investiert, pokert und kann sich verzocken. Banken haben in Europa und anderswo privates Kapital eingesammelt und kurzfristige Schuldentitel laufen. Das kann schon zum Jahresende ein übles Erwachen geben, wenn die Rückzahlungen nicht möglich sind. Vielleicht helfen die Golfstaaten, die schwimmen in Petrodollars. Aber wäre das dann nicht auch ein schöner Ansatz für Hilfe gegen mehr Menschenrechte, liebe Politiker? Oder helft ihr wieder ohne Gegenleistung?
Das macht doch wirklich keinen Unterschied: Hilfe gegen nichts oder Hilfe gegen mehr Menschenrechte. Papier ist geduldig und überwiesene Milliarden sind nicht mehr rückholbar. Merke: man greift keinem nackten Mann in die Tasche. Erdogans Zusagen zu vertrauen ist, gelinde gesagt, naiv. Der einzige Ausweg wäre der endgültige Rücktritt von Erdogan und seiner Blase. Da die sich aber mittlerweile auf mafiöse Weise des Tafelsilbers bemächtigt haben ist da wohl kein Durchkommen. Es gibt nur eine Methode solche Verbrecher loszuwerden und die kann man als Demokrat nicht ernsthaft in Betracht ziehen.
frankfurtbeat 30.08.2018
4. lasst ...
lasst bitte den Erdogan und seine Freunde das selber machen denn um so schneller geht es weiter bergab. Die trivialen Aussagen "der Westen" mag bei ungebildeten Menschen ankommen. Gebildete Türken haben bereits in 2017 angefangen ihr Kapital nach Deutschland zu holen und werden sicher kein Kapital in türkische Lira eintauschen. Den Karren direkt an die Wand fahren lassen ist die einzige Option Erdogans Machtansprüche zu beenden.
dirkcoe 30.08.2018
5. Solange ein überforderter Erdogan
mehr auf die Hilfe Allahs zählt als auf fundierten Sachverstand bewegt sich die Türkei weiter rückwärts - in Richtung Entwicklungsland. Sein eigener Sachverstand reicht nicht einmal für eine Pommesbude und seinem Schwiegersohn scheint es ähnlich zu gehen. Das Modell Erdogan ist krachend gescheitert und der möchtegerne Sultan Reisetipp in seiner naiven Dummheit die Türkei in den Abgrund.
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