Türkische Währungskrise "Die Leute wissen nicht, was ihr Geld morgen noch wert ist"

Lira-Abwertung, Inflation und Währungskrise - wie erleben das die Leute vor Ort? Menschen aus den drei größten Städten des Landes - Istanbul, Ankara und Izmir - haben es uns berichtet.

Einkaufsstraße in Istanbul
AP

Einkaufsstraße in Istanbul

Von Felix Sommerfeld


Die Nachrichten aus der Türkei überschlagen sich - Abwertung, Inflation, Krise. Strafzölle auf der einen Seite, iPhone-Boykott auf der anderen. Absturz der Lira, leichte Erholung, katarische Finanzspritze. Ein Staatspräsident, der an seine Landsleute appelliert, Gott zu vertrauen und nicht den Gesetzen des Marktes.

Die vergangenen Tage waren gefüllt mit Nachrichten, die ein breites Spektrum zwischen skurril und besorgniserregend abdecken. Zu Beginn dieser Woche mussten erstmals mehr als acht Lira für einen Euro gezahlt werden, mehr als sieben für einen Dollar. Welchen Einfluss hat das auf den Alltag der Leute in der Türkei? Wie erleben sie die Situation? Menschen aus den drei größten Städten des Landes - Istanbul, Ankara und Izmir - haben uns berichtet, wie sie die Entwicklungen sehen.

Sie alle nehmen die Krise auf ihre jeweils eigene Art wahr, wie überall unterscheiden sich auch in der Türkei die Lebensrealitäten von Person zu Person. Was sie allerdings eint, ist das sie umgebende Gefühl der Unsicherheit. "Die Leute sind nervös, haben Angst. Sie wissen nicht, was ihr Geld morgen noch wert ist", sagt Hakan Çelik. Der 24-jährige Student erlebt, wie die Menschen in der Küstenstadt Izmir der Talfahrt ihrer Landeswährung mit einer Mischung aus Hoffnungslosigkeit und schwarzem Humor begegnen. "Nicht mehr lange, sagen sie, dann bekommen die Amis zehn Lira für einen Dollar."

Die USA. Sie werden von vielen Türken für die Krise verantwortlich gemacht. Ohnehin gelten die Beziehungen zwischen den beiden Staaten als angespannt, die Inhaftierung des US-Pastors Andrew Brunson hat die fragile Situation aber noch schlimmer werden lassen. Der bislang letzte Akt des Kräftemessens war Recep Tayyip Erdogans Aufruf an seine Landsleute, elektronische Geräte und Produkte aus den USA zu boykottieren.

Vielen Türken liegt es fern, sich ein neues Smartphone oder einen neuen Fernseher zuzulegen. Und das liegt nicht am Appell ihres Staatspräsidenten. Der Verzicht fußt auch nicht auf einer ideologischen Haltung. Der Grund ist ein anderer, er ist ganz pragmatischer Natur: Sie können sich diese Produkte nicht leisten oder wollen sie sich nicht leisten.

Burak Horata
Privat

Burak Horata

"Die Menschen hier befürchten, dass etwas Schlimmes passiert, ein Kollaps. Daher hamstern sie und versuchen, ihre Ausgaben zu limitieren. Und natürlich fängt man da bei weniger alltäglichen Produkten an", sagt Burak Horata. Der 27-Jährige zog für sein Studium an einer Elite-Universität nach Istanbul und arbeitet seit seinem Abschluss in der IT-Branche.

Gefährliche Mischung aus hohen Inflationsraten und massiven Wechselkursverlusten

Das Vertrauen sinkt, die Shoppinglust nimmt ab. Das bringt die türkische Volkswirtschaft weiter in die Bredouille, denn ohne die Kaufkraft und dementsprechendes Konsumverhalten der Türken wäre der wirtschaftliche Aufschwung der vergangenen Jahre nicht möglich gewesen. Im Jahr 2017 betrug die Wachstumsrate 7,4 Prozent. Die Konjunktur hat sich so gut entwickelt, weil die Türken gern gekauft haben.

Nun geben sie immer weniger Geld aus. Aus drei Gründen:

  • hohe Inflationsraten,
  • massive Wechselkursverluste
  • und zunehmende Unsicherheit.

Es ist genau diese Mischung, die Ökonomen veranlasst, die derzeitige Situation als hochgefährlich einzustufen.

Die Verbraucherpreise im Juli sind im Vergleich zum Vorjahresmonat um fast 16 Prozent gestiegen. "Egal, wo man ist, die Währungskrise ist immer da, überall. Es werden nicht nur Luxusartikel teurer, auch alltägliche Produkte kosten immer mehr Geld", sagt Horatas Mutter Ayse, eine 55-jährige Grundschullehrerin aus Ankara, die sich durch die kriselnde Lira merkbar eingeschränkt sieht. "Am Einkommen ändert sich nichts, zeitgleich wird aber alles teurer - selbst auf dem Wochenmarkt."

Das ist es, was eine Inflation auszeichnet. Hat der Apfel gestern noch zwei Lira gekostet, muss man heute drei für ihn bezahlen. Das Geld verliert an Wert. Für eine Geldeinheit lässt sich immer weniger kaufen.

Mureille van der Meulen
Privat

Mureille van der Meulen

"Als ich im Januar hierher gezogen bin, habe ich für eine Flasche Bier am Kiosk acht Lira bezahlt. Das waren damals etwa 1,80 Euro", sagt Mureille van der Meulen, eine 27-jährige Erasmus-Studentin aus den Niederlanden. "Heute kostet dieselbe Flasche 11 Lira, was aktuell 1,60 Euro entspricht." Seit Anfang des Jahres wohnt sie in Istanbul und bekommt heute ein Drittel mehr Lira als noch im Januar, wenn sie Geld von ihrem niederländischen Konto abhebt.

Die Entwicklung, dass alles zunehmend mehr Geld kostet, macht nirgendwo halt: Die Bananen werden teurer, ebenso wie die Zigaretten, auch für Milch und Brot muss der türkische Verbraucher immer tiefer in die Tasche greifen.

Waren aus dem Ausland werden besonders teuer

Besonders stark spüren die Türken das bei Importprodukten, da spielen Inflation und Abwertung zusammen. Das betrifft grundsätzlich jeden, in extremem Maß aber die Unternehmer, die ihre Waren aus dem Ausland beziehen müssen. Sie selbst müssen mehr Geld für Importe bezahlen, um aber sich selbst nicht allein durch den Einkauf zu verschulden, sind sie gezwungen, den erhöhten Preis auf die Käufer umzuwälzen. Deren Kaufkraft ist aber ohnehin schon gehemmt. Die Waren bleiben liegen.

Was für eine Schlagkraft die zunehmende Teuerung von eingeführten Waren entwickeln kann, lässt sich mit Blick auf das chronische Handelsbilanzdefizit der Türkei erahnen - im Jahr 2017 betrug es 68 Milliarden Euro. Das Land und die lokale Industrie sind extrem abhängig von Importen, insbesondere von Rohstoffen und industriellen Halbwaren, aber auch von Öl und Gas.

Auch Benzin müsste folglich teurer werden. Wird es aber nicht. Um den Anstieg aufzufangen, hat die Regierung die Steuern auf Kraftstoff gesenkt. Es sind Versuche, die Unruhe in der Bevölkerung einzudämmen, keine Panik ausbrechen zu lassen.

Erinnerungen an die schweren Wirtschaftskrisen 1994 und 2001 kommen hoch

Und dennoch beobachten viele Türken die gegenwärtige Situation mit großer Sorge. Besonders die Älteren denken schnell an die Krisen aus den Jahren 1994 und 2001. Als 1994 die erste Währungskrise nach der Liberalisierung des Kapitalmarkts zu einer massiven Abwertung führte, rutschte die Türkei in eine Rezession. Sieben Jahre später erlebten die Türken die bislang schwerste Finanzkrise ihres Landes - mit Inflationsraten von fast 70 Prozent. Die türkische Bevölkerung zeichnet Parallelen zu damals.

Die verheerende Krise von 2001 ebnete den Weg für einen Machtwechsel in der Türkei. Ihre dramatischen Auswirkungen hievten die Erdogan-Partei AKP in Regierungsverantwortung. Sie versprach den Menschen Wohlstand, Erdogan selbst galt als pragmatischer Wirtschaftspolitiker.

Heute befolgt er nicht einmal mehr ökonomische Grundsätze, stattdessen wettert er gegen die USA, gegen Trump und die Zentralbank. Er verbreitet krude Verschwörungstheorien, wittert, dass es ausländische Interessen am Untergang der Lira und dem wirtschaftlichen Kollaps der Türkei gibt.

Vom Pragmatiker Erdogan ist nicht mehr viel übrig. Schon vor der Krise fanden viele gut ausgebildete junge Türken genügend Gründe, ihrem Heimatland den Rücken zuzukehren. In erster Linie wegen des sich ändernden politischen Klimas. Heute kommen wirtschaftliche Erwägungen dazu - sie fühlen sich eingeschränkt, Auslandsaufenthalte sind kaum noch zu bezahlen.

Es sind hoch qualifizierte Jungakademiker wie Horata, die sagen, dass auch für sie der Wunsch, langfristig ins Ausland zu gehen, immer größer werde.

insgesamt 15 Beiträge
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Seite 1
Newspeak 19.08.2018
1. ....
Kein Mitleid. Die Türken haben diese Situation vor einigen Wochen selbst gewählt. Die Lira stürzte schon vorher ab, aber man wollte eben nicht lernen. Nicht aus der Geschichte anderer Länder, nicht aus rein wirtschaftlichen Gründen. Man hat Erdogan wieder gewählt und ihn ganz bewusst mit noch mehr Macht ausgestattet. Daher kein Mitleid. Die Türken bekommen nur das, was sie wollten.
troll_von_luftikus 19.08.2018
2. Wie entstehen Wechselkurse?
"Heute befolgt er nicht einmal mehr ökonomische Grundsätze, stattdessen wettert er gegen die USA, gegen Trump und die Zentralbank. Er verbreitet krude Verschwörungstheorien, wittert, dass es ausländische Interessen am Untergang der Lira und dem wirtschaftlichen Kollaps der Türkei gibt." Es kommt Kapital ins Land, so steigt der Wert der einheimischen Währung, verlässt das Kapital wieder das Land, so wird das einheimische Geld weniger Wert. Dumm ist es, wenn die Schulden in Dollar ausgewiesen sind, somit kann der Präsident der USA über den Dollar natürlich die Daumenschraube anlegen - geschieht aber nicht nur bei der Türkei. Auch die EU kuscht, wenn die USA droht.
bluraypower 19.08.2018
3. Venezuela lässt grüßen
Erdogan braucht nur mal nach Venezuela zu schauen und hat damit schon einmal einen Vorgeschmack was ihn erwartet wenn er nicht schleunigst seine Macht reduziert und seiner Zentralbank endlich den Freifahrtschein für eine Zinsanhebung von ca. 5 Prozent zulässt. Erst dann wird es besser werden, aber es wird trotzdem wehtun, aber eben der Bevölkerung. Ansonsten wird es über der Türkei ganz dunkel werden. Die 15 Mrd. aus Katar sind nur der Tropfen auf dem heißen Stein. Und nebenbei: Venezuela könnte schneller aus der Krise kommen wenn sie wollten weil die das Öl haben aber in der Türkei gibt's kaum Rohstoffe. Aber ich sehe für beide Länder schwarz weil Autokraten an der Macht sind.
lathea 19.08.2018
4. Erdogan sollte eigentlich politisch aus dem....
.....Ausland und der EU nicht auch noch durch Wirtschaftshilfe gestützt werden. Seine Diktatur wird durch Wirtschaftshilfe sonst nur noch mehr gefestigt. Leider sind die Medien bereits zu stark gleichgeschaltet. Aber vielleicht wird es auch noch in den Köpfen der einfach gestrickten Wähler langsam ein Aufwanchen geben.
lazyfox 19.08.2018
5. Wer hätte das gedacht?
Viele, würde ich sagen. Aus meinem Bekanntenkreis hat keiner gedacht, dass Erdogan die Macht haben sollte, die die Türken ihm gegeben haben. Die Türken haben einen schweren Fehler gemacht und werden dafür bezahlen müssen. Die Zeit sie mit Geld zu unterstützen ist noch nicht reif. Jetzt mit Geld zu helfen hiese Erdogan zu unterstützen. Das wäre ein weiterer schwerer Fehler, der der Türkei schaden würde. Der einzige richtige weg ist, dem System Erdogan die Luft zum Atmen zu nehmen.
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