Türkei-Drama "Erdogan hat das Ausmaß der Krise nicht verstanden"

Die Lira verfällt, türkische Firmen stehen vor der Pleite. Präsident Erdogan aber weigert sich, notwendige Reformen anzupacken. Droht der Türkei der Kollaps?

Straßenszene in Istanbul am 22. August 2018
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Straßenszene in Istanbul am 22. August 2018

Von , Istanbul


Das Opferfest ist das höchste Fest im Islam: Muslime gedenken des Propheten Ibrahim, schlachten ein Schaf oder eine Kuh und geben einen Teil des Fleisches an Bedürftige. Für die Menschen in der Türkei ist das Fest in dieser Woche auch Gelegenheit, einem Alltag zu entfliehen, der zuletzt vor allem durch Krisennachrichten geprägt war.

Seit Anfang des Jahres hat die Lira gegenüber dem Dollar fast die Hälfte an Wert verloren. US-Sanktionen haben Anfang August den Währungsverfall weiter beschleunigt. Die Inflation hat mit 16 Prozent einen Höchststand erreicht. (Lesen Sie hier eine Analyse zu den fünf Krankheiten der türkischen Wirtschaft.)

Das Opferfest hat den Menschen in der Türkei für kurze Zeit Ablenkung verschafft: Eine Woche lang stand das Leben mehr oder weniger still, Firmen blieben geschlossen, Schüler hatten frei. An diesem Sonntag jedoch enden die Ferien - und damit die Auszeit von der Krise.

Videoanalyse: "Die Wende folgt einem strategischen Kalkül"

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Präsident Recep Tayyip Erdogan steht unter Druck: Er muss den Bürgern Lösungen präsentieren. Sein Schwiegersohn, Finanzminister Berat Albayrak, hat in einer Telefonkonferenz um das Vertrauen von Investoren geworben. Die Zentralbank hat durch Liquiditätsgarantien die Lira vorübergehend gestützt. Erdogan hat das Emirat Katar dazu gebracht, der Türkei 15 Milliarden Dollar Direktinvestitionen zu garantieren.

All diese Maßnahmen haben den Niedergang der türkischen Wirtschaft gebremst - jedoch nicht gestoppt. Erdogans Antwort auf die Krise sei "unvollständig", kritisiert die Ratingagentur Fitch. Sie werde die Wirtschaft kaum stabilisieren. Die Probleme, sagt der Istanbuler Ökonom Hursit Günes, reichten sehr viel weiter, als die Regierung wahrhaben wolle. "Erdogan hat das Ausmaß dieser Krise noch immer nicht verstanden."

Lira-Verfall, Inflation und Co.

Vor Regionalwahlen im Frühling mit Wachstum protzen

Der Präsident hat den Konjunkturboom in den ersten Jahren seiner Amtszeit durch Milliardeninvestitionen in die Infrastruktur befeuert. Er hat Straßen errichten lassen, Krankenhäuser, Flughäfen. Die radikale Wachstumspolitik der türkischen Regierung ging gut, solange die Lira stabil war und Kapital aus dem Ausland floss. Nun aber ist das Land in eine gefährliche Abwärtsspirale geraten.

Durch seinen erratischen Regierungsstil hat Erdogan das Vertrauen der Anleger erschüttert. Zwischen 2015 und 2017 sind Direktinvestitionen aus dem Ausland fast um die Hälfte eingebrochen. Die Ratingagentur Standard & Poor's hat die Kreditwürdigkeit der Türkei auf Ramschniveau herabgestuft.

Für die Regierung in Ankara wird es von nun an immer teurer, jenes frische Geld zu leihen, das sie für ihre Bauprojekte so dringend benötigt. Türkische Unternehmen, die Kredite überwiegend in Dollar und Euro aufgenommen haben, sind durch den Verfall der Lira kaum mehr dazu in der Lage, ihre Schulden zu begleichen. Mehrere Großkonzerne, darunter der Lebensmittelproduzent Yildiz, verhandeln mit den Banken über eine Umstrukturierung ihrer Kredite.

Ökonomen sind sich einig, dass die Regierung in Ankara die Zinsen erhöhen und die Staatsausgaben drosseln müsste, um einen Wirtschaftskollaps zu verhindern. Erdogan aber will vor den Regionalwahlen im Frühjahr 2019 mit Wachstumszahlen protzen. Er sperrt sich gegen jede Reform, die die Konjunktur dämpfen könnte. Er glaubt, die Krise aussitzen zu können.

Lieber ein Staatsbankrott als IWF-Hilfen

Die Türkei ist auch weiter nicht bereit, im Streit mit US-Präsident Donald Trump nachzugeben. Erdogan würde es als ein Zeichen von Schwäche betrachten, sollte er den amerikanischen Pastor Andrew Brunson aus dem Hausarrest entlassen, sagt ein türkischer Regierungspolitiker gegenüber dem SPIEGEL.

Erdogans Starrsinn könnte dazu führen, dass die Türkei in den kommenden Wochen und Monaten in eine Rezession abgleitet, dass Großkonzerne pleitegehen und Millionen Menschen ihre Arbeit verlieren, warnt Ökonom Günes.

Erdogans Leute schließen es trotzdem aus, dass der Präsident den Internationalen Währungsfonds (IWF) um Unterstützung bittet. Erdogan hat immer wieder damit geprahlt, dass er die Wirtschaft nach der schweren Krise von 2001 erneuert und die Türkei aus der Abhängigkeit vom Westen befreit habe. Sollte er sich nun, wie sein Vorgänger, an den IWF wenden, käme das für ihn dem Eingeständnis gleich, gescheitert zu sein, sagt ein türkischer Regierungspolitiker. "Erdogan ist eher bereit, einen Staatsbankrott in Kauf zu nehmen, als sich dem IWF auszuliefern."

insgesamt 107 Beiträge
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skeptikerjörg 24.08.2018
1. So sind Ergomanen halt
Im Zweifel sind ihm Land und Volk egal, wenn es seinem Selbst-Image des starken, unangreifbaren Machers beschädigen könnte. Ich Erdogan bin eure Sonne, ich bin der Quell eures Lebens. Es gab schon mal einen mit diesem Selbstverständnis und eine Zeitlang war er sogar erfolgreich. Am Ende stand allerdings der Untergang. Und auf der anderen Seite des Atlantiks wohnt einer, der überzeugt ist, seine Amtsenthebung würde den Zusammenbruch der US-Wirtschaft bedeuten. Welche Selbstüberschätzung.
michi_meissner 24.08.2018
2. Erdogan wird es nicht verstehen...
Er wird das Land in den Abgrund reissen weil es ihm nicht um die Türkei und seine Bürger geht sondern nur um ihn und seinen Clan. Game over, würde ich sagen. Das wird richtig hart für die Türken!
h.hass 24.08.2018
3.
Die Türkei ist auf dem Weg in venezuelanische Zustände. Und der Sultan wird wie Maduro seine Macht durch Polizei und Militär absichern. Vermutlich wird ein Bürgerkrieg oder eine Militärdiktatur die Folge sein.
okav 24.08.2018
4. Die Türken haben Erdogan gewählt,
nun müssen sie mit ihm leben. Da bleibt nur zu hoffen, dass die Bürger aufwachen, wenn es Erdogan schon nicht macht. Eine Einmischung von außen sollte unterbleiben.
frenchie3 24.08.2018
5. Türkei aus der Abhängigkeit vom Westen befreit*
Muss voll gelungen sein. Jetzt wo westliche Investoren abziehen dürfte das doch überhaupt nicht auffallen. Welche Staaten sind denn nun Schuld an der Misere?
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