Türkei-Krise und die Weltwirtschaft Achtung, Ansteckungsgefahr!

Die Europäische Zentralbank ist in Sorge um Großbanken, die Währungen wichtiger Schwellenländer sind unter Druck: Längst scheint die türkische Krise auf andere Märkte überzugreifen. Wie hoch ist das Risiko wirklich?

Skyline von Istanbul
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Spätestens am Montag schien der Kursverfall der türkischen Lira auch die Währungen anderer Schwellenländer mit in die Tiefe zu reißen. Der südafrikanische Rand etwa war ebenso wie der argentinische Peso im Vergleich zum Dollar rund zwölf Prozent weniger wert als eine Woche zuvor, der russische Rubel um neun Prozent, der brasilianische Real sechs Prozent.

Zwar konnten alle diese Währungen ihre Verluste inzwischen teils deutlich verringern. Aber: "Die Angst ist, dass das, was in der Türkei passiert, nicht in der Türkei bleiben wird." So bringt es Katie Nixon auf den Punkt, hochrangige Managerin bei der US-Bank Northern Trust.

Wie groß sind also die Ansteckungsgefahren der türkischen Krise? Ein Überblick:


Schwellenländer: Die Lira reißt die Währungen mit

Wechselstube in Buenos Aires
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Wechselstube in Buenos Aires


Es sind weniger die konkreten wirtschaftlichen Verflechtungen mit der Türkei, die für andere Schwellenländer gefährlich sind. Dazu ist die Wirtschaftskraft der Türkei schlicht zu gering, mit rund 900 Milliarden Dollar trug sie im vergangenen Jahr nur rund ein Prozent zur globalen Wirtschaftsleistung bei.

Doch die meisten Schwellenländer kämpfen derzeit ohnehin mit einer Entwicklung, auf die selbst wenig Einfluss haben - von der sie aber erheblich abhängen: Jahrelang hatten sie davon profitiert, dass die Zentralbanken in den USA und in der Eurozone nach der Finanzkrise eine sehr lockere Geldpolitik betrieben - also unter anderem die Zinsen extrem niedrig hielten. Anleger zogen ihr Geld also aus dem Dollar- und Euroraum ab und investierten es dort, wo höhere Zinsen und damit höhere Renditen winkten: in den Schwellenländern.

Doch diese Phase ist vorbei: Zwar bleibt die Europäische Zentralbank (EZB) noch bei der Nullzinspolitik. Die US-amerikanische Fed jedoch hat die Zinsen inzwischen angehoben, und das schneller und öfter als erwartet. Zudem hat US-Präsident Donald Trump mit seinen auf Pump finanzierten Steuersenkungen den Effekt verstärkt - die USA müssen sich mehr Geld leihen und höhere Zinsen auf ihre Staatsanleihen bieten, um genügend Geldgeber zu finden. Beides zusammen hat dazu geführt, dass Investoren ihr Geld aus Schwellenländern abziehen und verstärkt im Dollarraum anlegen.

Während sich dieses Problem für fast alle Schwellenländer ähnlich stellt, unterscheidet sich ihr Umgang damit teils erheblich - wofür die Türkei und Argentinien die besten Beispiele sind: Eigentlich sind Schwellenländer gezwungen, ihrerseits die Zinsen drastisch zu erhöhen, um dem Schwund an internationalem Kapital entgegenzutreten - gleichzeitig verteuern sie damit Kredite für heimische Unternehmen und bremsen damit das Wirtschaftswachstum.

Nervosität bei Anlagen in Schwellenländern

Ob die Leitzinsen tatsächlich steigen, hängt entscheidend davon ab, ob die jeweilige Zentralbank unabhängig ist oder nicht. In Argentinien etwa hat die Notenbank die Zinsen in den vergangenen Monaten drastisch erhöht. Zudem rief die Regierung im Mai den Internationalen Währungsfonds (IWF) zu Hilfe. Diese Maßnahmen hatten Erfolg: Der Peso stabilisierte sich.

Im Gegenzug dazu verhinderte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, dass die türkische Zentralbank ebenfalls die Zinsen erhöhte - und lehnt eine Hilfe durch den IWF strikt ab. Ein Teil der türkischen Währungskrise ist auf diesen Umgang mit den veränderten Rahmenbedingungen zurückzuführen.

Dass die argentinische Währung nun durch die türkische Krise in Mitleidenschaft gezogen wird, und das trotz des sehr unterschiedlichen Krisenmanagements, zeigt, wie nervös Anleger bei Investitionen in Schwellenländern reagieren.

Für Unruhe dürfte die Entwicklung damit auch unter den G20-Finanzministern sorgen, die das nächste Mal im Oktober auf Bali zusammenkommen. Ihr neuer türkischer Amtskollege Berat Albayrak ist zwar mit vagen Reformversprechen in sein Amt gestartet, wird als Schwiegersohn von Erdogan aber kaum von dessen Linie abweichen können. Für eine international koordinierte Finanzpolitik, deren Bedeutung man in Deutschland so gern betont, sind das keine guten Vorzeichen.


Europas Banken: Die Rache des Booms auf Pump

Bankenviertel in Paris
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Bankenviertel in Paris


Am Freitag vergangener Woche sorgte ein Bericht der "Financial Times" für Aufregung: Die Europäische Zentralbank (EZB) sei besorgt um Großbanken aus dem Euroraum mit starker Verbindung in die Türkei. Vor allem drei Institute stünden unter der besonderen Beobachtung der EZB - die spanische BBVA, die französische BNP Paribas und die italienische Unicredit.

Auch die Anleger scheinen sich Sorgen zu machen: Seit Anfang August sind die Aktienkurse dieser drei Banken um zehn bis zwölf Prozent gefallen. Schließlich haben Europas Banken Erdogans Boom auf Pump in der Vergangenheit kräftig mitfinanziert.

Erinnerungen werden wach an die Griechenlandkrise, die schnell zu einer Krise des Euro-Bankensystems wurde und so auf zahlreiche weitere Länder der Eurozone übergriff. Nur wackelt mit der Türkei nun ein wirtschaftlich weit bedeutenderes Land.

Risiken beherrschbar

Allerdings ist die Gefahr einer Ansteckung der europäischen Banken im Fall Türkei weitaus geringer - und das nicht nur deshalb, weil das Land anders als Griechenland kein Mitglied der Eurozone ist. Die Banken in der Eurozone sind heute wesentlich robuster als damals - auch aufgrund der Erfahrungen aus der Schuldenkrise. So gibt es inzwischen eine stärkere europäische Bankenaufsicht, zudem haben die Institute die vergebenen Kredite stärker durch Eigenkapital abgesichert. Auch die EZB schätze die Situation derzeit als noch nicht kritisch ein, berichtete die "Financial Times".

Die Analysten der Ratingagentur Scope sehen das ähnlich: Die deutlichen Kursverluste der betroffenen Euro-Großbanken schienen übertrieben, meinen die Experten. Banken wie die BBVA oder Unicredit, die wiederum an türkischen Banken beteiligt sind, hätten ihr Engagement in der Türkei von vorneherein als langfristige strategische Investition angelegt und nicht als ein Abenteuer, schreibt Scope-Analyst Marco Troiano. In ihrer Analyse identifizieren die Scope-Experten vier Euro-Großbanken mit vergleichsweise starkem Türkei-Geschäft: Außer der BBVA, der Unicredit und der BNP Paribas noch die niederländische ING. Für alle Institute seien die Risiken durch die in die Türkei vergebenen Kredite aber beherrschbar.

Deutsche Banken haben übrigens vergleichsweise wenige Kredite in die Türkei vergeben. Laut der Bank für internationalen Zahlungsausgleich summieren sie sich auf rund 12,7 Milliarden Dollar. Spanische Institute haben mit fast 81 Milliarden Dollar mit Abstand das meiste Geld in die Türkei verliehen, Frankreich (35,15 Milliarden Dollar) und Italien (18,49 Milliarden Dollar) folgen auf Platz zwei und drei. Die Daten beziehen sich auf die sogenannte Ultimate-Risk-Basis, in der es darauf ankommt, in welchem Land letztendlich die Haftung für die Kredite anfällt.


Deutsche Wirtschaft: Weniger Nachfrage nach Autos

Hamburger Hafen
DPA

Hamburger Hafen


Die deutsche Wirtschaft lebt zu großen Teilen immer noch von ihrer Exportstärke - allein deshalb scheint es bedrohlich, wenn ein wichtiges Schwellenland in eine ernste Krise gerät. Und tatsächlich mehren sich die Zeichen, dass die Bestellungen aus der Türkei drastisch zurückgehen könnten. So wurden im Juli 36 Prozent weniger Neuwagen in der Türkei verkauft als ein Jahr zuvor, was auch die deutschen Autohersteller spüren dürften.

Dennoch besteht für die deutsche Wirtschaft insgesamt kaum Ansteckungsgefahr durch die Türkei-Krise. Das machen allein die Zahlen deutlich: Laut dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) summierte sich der Warenhandel zwischen Deutschland und der Türkei im vergangenen Jahr auf insgesamt 37 Milliarden Euro - das sind nur rund 1,6 Prozent des deutschen Außenhandels.

Kein unersetzliches Exportziel

Zudem ist die Türkei für Deutschland kein allzu wichtiges Exportziel - mit dorthin verkauften Waren im Wert von mehr als 21,4 Milliarden Euro nahm das Land in der Rangfolge der deutschen Handelspartner lediglich Platz 16 ein. Umgekehrt allerdings ist Deutschland für türkische Unternehmen der wichtigste Absatzmarkt. Knapp zehn Prozent der türkischen Exporte gingen laut BDI im vergangenen Jahr in die Bundesrepublik.

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Allgemein ist die Türkei für keines der großen Industrieländer der Welt ein unersetzliches Exportziel - was auch den Aufruf von Staatspräsident Erdogan zum Boykott von US-Elektronik relativiert. Insgesamt importierte die Türkei 2016 Waren im Wert von knapp elf Milliarden Dollar aus den USA, nur ein Teil davon entfiel wiederum auf Apples iPhone, auf das Erdogan offenbar abzielte.

Die möglichen Auswirkungen auf andere Länder werden auch im Bundesfinanzministerium genau verfolgt. Zwar hält man die Risiken für deutsche Banken und Unternehmen dort bislang für überschaubar. Doch die Beamten von Olaf Scholz (SPD) wissen, dass Krisen sich auch auf Umwegen auf Deutschland auswirken können. Dazu könnte ein Übergreifen der Türkei-Krise auf andere Schwellenländer wie Russland, Brasilien oder Indien gehören, deren Währungen bereits unter Druck gerieten.

Mitarbeit: David Böcking

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In-Golf 14.08.2018
1. Risiko
Grösser als bei Griechenland 2008, was am 8.5.2010 zur Illiquidität aller EU-Staaten führte, weil die Banken más o menos pleite waren und keine Staatspapiere mehr annahmen. Heute habe ich gelesen, dass die spanischen Banken in der Türkei mit 80 Mrd. Dollar drin sitzen, die nun -wegen des Lira-Absturzes- gefährdet sind. Das bringt ganz Spanien zum Wackeln und damit auch die EU. Deshalb habe ich heute meine ganzen Aktienbestände raus gehauen. Nochmal werde ich nicht kalt erwischt wie in der Griechenland-Krise, bei der vorher die Medien den Aussmasss der Schieflage verschwiegen hatten. Wofür gibt es eigentlich Medien, wenn die nicht berichten, weil sie es für politisch inopportun halten? Auch in diesem Artikel hier wird doch wieder verschwiemelt.
dunnhaupt 14.08.2018
2. Trumps Stahlzölle treffen deutsche Firmen
Die US-Zölle auf "Stahlimporte" aus Kanada und aus der Türkei betreffen die Röhren für amerikanische Pipelines, die von den Firmen Mannesmann-Algoma in Kanada und Mannesmann-Türkei hergestellt werden.
Dosenbrot 14.08.2018
3.
Aber, aber die türkische Wirtschaft ist von keiner großen Bedeutung für die. Welt. Ein bisschen Pfusch am Bau, etwas Tourismus, ein wenig Menschenhandel/Flüchtlingskontrolle gegen Geld. Das war´s auch schon. Wenn die Türkei morgen aufhört zu existieren, merken wir das gar nicht ... wirtschaftlich gesehen.
pascal3er 14.08.2018
4. Ich bin ein Gewinner
Kursverfall ist etwas gutes für Leute die eh kaum Geld haben. Wenn irgendwann ein Brot wieder 1 Milliarde kostet, regelt sich die Umverteilung von selber. Wer viel Geld hat, hat dann nichts mehr, das freut mich. Klar könnte man auch die Löhne verdoppeln in Sozialberufen z.B. Dann würde der Wirtschaftsmotor wegen der Kaufkraft wieder anspringen, aber durch die gier verliert man halt. Dumme Millionäre...
GrüneLeuchte 14.08.2018
5. Wie hoch ist das Risiko wirklich.
Null. Das Risiko ist 0 dass sich europäische Banken durch den Zusammebruch der Türkei in Schwierigkeiten begeben. Seit der Finanzkrise 08 sind die Banken viel besser aufgestellt. Diese Mrd. an Verlusten stecken sie locker weg. Die Türkei ist viel zu unbedeutend als das sie Global gesehen irgendeinen Schaden anrichten könnte. Der Rest ist Spekulation um des Geldes oder des Traffic wegen.
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