Türkische Wirtschaft Rettung auf Pump

Die türkische Wirtschaft ist zuletzt überraschend gewachsen. Erdogan feiert das als Triumph über den Westen. Doch der vorübergehende Aufschwung ist teuer erkauft.

Blick auf einen Bankentower in Istanbul
REUTERS

Blick auf einen Bankentower in Istanbul

Von , Istanbul


Die Nachricht kam für den Präsidenten zur richtigen Zeit: Kurz bevor Recep Tayyip Erdogan am vergangenen Sonntag in Ankara zu Zehntausenden Anhängern sprach, gab das türkische Statistikamt (TÜIK) die Wirtschaftsdaten für 2016 bekannt. Das türkische Bruttoinlandsprodukt (BIP) ist danach um 2,9 Prozent gewachsen - trotz des Putschversuchs vom vergangenen Juli und trotz düsterer Prognosen internationaler Experten, die der Türkei eine Rezession vorhergesagt hatten.

Erdogan instrumentalisierte die Zahlen prompt für seinen Wahlkampf. Die internationalen Institute seien vom türkischen Volk ein weiteres Mal eines Besseren belehrt worden, sagte er auf der Kundgebung in Ankara.

Die türkische Bevölkerung stimmt am 16. April über ein Präsidialsystem ab, das sämtliche Macht im Staat bei Erdogan bündeln würde (Die zentralen Fragen und Antworten zum Referendum können Sie hier nachlesen). Erdogan stellt die Europäer im Vorfeld des Referendums als feindliche Macht dar, um nationalistische Wähler zu mobilisieren. Erst am Wochenende bezeichnete er die EU als "Kreuzritter-Allianz". Türkische Regierungspolitiker betonen seit Wochen, dass es dem Land sehr viel besser gehe, als ausländische Beobachter behaupten. (Lesen Sie mehr zum Thema auch im aktuellen SPIEGEL).

Die Wachstumsraten scheinen Erdogan auf den ersten Blick recht zu geben. Die Banken Goldman Sachs und JPMorgan haben ihre Konjunkturprognosen für die Türkei 2017 inzwischen vorsichtig nach oben korrigiert. Doch die Berichte über einen vermeintlichen Befreiungsschlag trügen.

Reformen zeigen nur kurzfristig Wirkung

  • Zum einen ist das Wachstum noch immer deutlich niedriger, als die türkische Regierung gehofft hat. Ankara hat Anfang 2016 eine Zunahme des BIPs von 4,5 Prozent prophezeit und war selbst nach dem Putsch von einem Plus von 3,5 Prozent ausgegangen. 2015 war die türkische Wirtschaft noch um 6,1 Prozent gewachsen.

  • Zum anderen ist selbst der moderate Aufschwung teuer erkauft. Erdogan hat in den vergangenen Wochen und Monaten eine Reihe von Dekreten erlassen, die vor allem ein Ziel haben: Die türkische Konjunktur zumindest vorübergehend irgendwie am Laufen zu halten.

So hat seine Regierung die Mehrwertsteuer auf Möbel von 18 auf acht Prozent gesenkt und die Konsumsteuer auf Haushaltsgeräte ganz abgeschafft. Bezeichnenderweise laufen beide Initiativen am 30. April aus - also unmittelbar nach dem Verfassungsreferendum.

Erdogan drängt die Zentralbank, trotz wachsender Inflation, den Leitzins zu senken, um Investitionen auf Pump zu fördern. Er hat die Regeln bei der Kreditvergabe gelockert und Staatsausgaben ein weiteres Mal erhöht.

Die Reformen zeigen kurzfristig Wirkung: Der private Konsum, der etwa zwei Drittel der türkischen Wirtschaftsleistung ausmacht, ist nach Berechnungen von Goldman Sachs im vierten Quartal 2016 um fast zehn Prozent gestiegen.

Tourismusbranche leidet unter politischen Unruhen

Doch der Niedergang der türkischen Ökonomie ist damit nicht gestoppt - sondern nur verlangsamt. Die strukturellen Probleme bleiben bestehen und dürften sich mittelfristig umso stärker auswirken.

Anleger ziehen aus Sorge um die Stabilität in der Türkei Kapital ab. Ausländische Investitionen sind seit 2015 um die Hälfte eingebrochen. Die Ratingagenturen Moody's und Standard & Poor's haben die Kreditwürdigkeit der Türkei auf Ramschniveau heruntergestuft.

Die Lira ist im Vergleich zum Dollar so schwach wie seit 1981 nicht mehr und wird durch die Zinspolitik der Regierung weiter fallen. Die Inflation ist auf einen Rekordwert von 11,2 Prozent angestiegen. Dies führt früher oder später dazu, dass die Menschen weniger konsumieren und dadurch die Konjunktur lahmt.

Hinzu kommt, dass der Tourismus, einer der wichtigsten türkischen Wirtschaftszweige, aufgrund der politischen Unruhen im vergangenen Jahr um ein Drittel eingebrochen ist, und auch für 2017 keine Erholung in Sicht ist. Schon jetzt müssen an der türkischen Mittelmeerküste reihenweise Hotels schließen. Das Sterben der Branche dürfte sich fortsetzen - mit verheerenden Folgen für den türkischen Arbeitsmarkt.

Erdogan schert sich darum nicht groß. Er setzt alles darauf, das Referendum am 16. April zu gewinnen. Dass es auch einen 17. April geben wird, scheint er vergessen zu haben.

Mitarbeit: Eren Caylan

insgesamt 107 Beiträge
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echoanswer 04.04.2017
1. Wer bitte ...
glaubt den staatlichen Statistiken? Diese werden natürlich so angepasst, dass sie zum Referendum passen. In totalitären Regimen war und ist diese Art der Manipulation ein Teil der Machtausübung. Keine einzige Behörde in der Türkei ist unabhängig und kann Informationen veröffentlichen, die Erdogan nicht in den Kram passen. Deshalb sind diese Zahlen schlicht wertlos. Genauso wertlos wie Rankings der politisch unterwanderten Rankingagenturen, die mittlerweile eine Gefahr für den Weltfrieden darstellen.
werhaettedasgedacht 04.04.2017
2. wenn die EU
sich endlich dazu aufraffen könnte Wirtschaftssanktionengegen die Türkei zu verhängen dann wäre es schnell mit der Fröhlichkeit von Erdogan vorbei.
mlange8801 04.04.2017
3.
Na ja, wenn man sich die Staatsverschuldung der Türkei anschaut, scheinen die ja weniger auf Pump zu arbeiten als die EU Staaten: https://de.statista.com/statistik/daten/studie/216170/umfrage/staatsverschuldung-der-tuerkei-in-relation-zum-bruttoinlandsprodukt-bip/
frankfurtbeat 04.04.2017
4. ist und war ...
ist und war doch klar wie das abläuft. Während der Phase des Referendums werden Unwahrheiten präsentiert um dem Erdogan die Macht zu geben. Alle müssen dem Erdogan brav zuarbeiten ansonsten droht eben Schikane bis hin zu Knast. Was die Ratingagenturen von sich geben darüber lässt sich streiten da diese in der Vergangenheit auch politisch motiviert waren. Die Bemerkung "Bezeichnenderweise laufen beide Initiativen am 30. April aus - also unmittelbar nach dem Verfassungsreferendum." dagegen finde ich passend da es dem Kurzzeitdenken des Erdogan entspricht. Der einfache gemeine Türke an sich wird erst nach dem Referendum merken das es nicht so läuft wie es eigentlich von Erdogan angekündigt wurde ... Erdogan weiß schon heute das die anderen, die "Ungläubigen" aus dem Westen daran schuld sind ... primitiver geht Politik kaum noch aber anscheinend ist dieses Niveau für einen Großteil der Bevölkerrung ausreichend um sie bei der Stange zu halten ...
Gerdd 04.04.2017
5. ... die du nicht selbst gefaelscht hast!
Das kann Erdogan ja besser als Pippi Langstrumpf - er bastelt sich die Realitaet so, wie er sie fuer seine Plaene braucht. Und so erklaert sich auch der 17. April - von dem Tag an kann er ja sowieso machen, was er will - denkt er sich so ...
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