Lira-Absturz und Inflation "Erdogan muss sich zwischen Rezession und Kollaps entscheiden"

Die türkische Wirtschaftskrise bringt Präsident Erdogan in Bedrängnis. Für eine Schadensbehebung sei es längst zu spät, sagt Ifo-Chef Clemens Fuest. Nun komme es nur noch darauf an, einen Zusammenbruch zu vermeiden.

Erdogan-Unterstützer mit Bild des türkischen Staatspräsidenten
REUTERS

Erdogan-Unterstützer mit Bild des türkischen Staatspräsidenten

Ein Interview von Felix Sommerfeld


SPIEGEL ONLINE: Die Währungskrise in der Türkei hält unvermindert an. Nach einer kurzen Erholung steht die Lira vor einem neuen Tiefstand. Woher kommt der jüngste Absturz?

Fuest: Die türkische Wirtschaft steht am Abgrund, das haben auch die Investoren erkannt. Sie haben abgewartet, wie sich die Lage entwickelt, gehofft, dass sie sich bessert. Tatsächlich hat sich das Gesamtbild aber weiter verfinstert. Die US-Investmentbank JP Morgan hat errechnet, dass die Türkei bei ausländischen Kreditgebern mit rund 153 Milliarden Euro verschuldet ist. Dieses Ausmaß hat die Märkte offenbar überrascht. Erschwerend hinzu kam, dass die Rating-Agentur Moody's vor einigen Tagen die Kreditwürdigkeit 20 türkischer Banken herabgestuft hat.

Zur Person
  • DPA
    Clemens Fuest ist Präsident des Instituts für Wirtschaftsforschung (Ifo) und lehrt als Professor an der Ludwig-Maximilian-Universität München. Der gebürtige Münsteraner war mehrere Jahre an der Universität Oxford tätig und gilt als einer der einflussreichsten Ökonomen Deutschlands.

SPIEGEL ONLINE: Wie war es überhaupt möglich, dass sich die Lira zwischenzeitlich kurz erholen konnte?

Fuest: Nach dem drastischen Kursverfall Anfang August haben sich viele Investoren gefragt, ob ein Tiefstand erreicht ist und es sich lohnt, jetzt günstig einzusteigen. Dann fließen wieder Gelder, das konnten wir in der Türkei beobachten. Außerdem hat die Zentralbank türkische Banken mit Hilfsmaßnahmen gestützt. Die Erholung war größtenteils aber getragen von der Hoffnung, dass man in Ankara die Brisanz erkennen würde und eine glaubwürdige politische Wende einleitet.

SPIEGEL ONLINE: Das Gegenteil ist passiert. Erst vor wenigen Tagen ließ der türkische Finanzminister Albayrak verlauten, dass das Finanzsystem stabil sei und er kein Risiko für die türkische Wirtschaft sehe.

Fuest: Das sind Versuche, die Bevölkerung zu beruhigen. Sie sind wirkungslos und unglaubwürdig. Schlimmer noch: Sie führen dazu, dass sich auf den Märkten der Eindruck festigt, die türkische Regierung sei der Krise nicht gewachsen. Die Fragilität kehrt nun zurück, weil es ihr nicht gelungen ist, vertrauensbildende Maßnahmen einzuleiten. Ein realistischer Blick auf die Krise und dringend notwendige Zinserhöhungen wären erste Schritte in die richtige Richtung gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Der Vize-Chef der türkischen Zentralbank soll vor dem Rücktritt stehen. Er selbst war für eine Erhöhung der Leitzinsen. Welches Signal sendet das?

Fuest: Ein katastrophales. Hintergrund des Rücktritts soll ein Streit um die ausbleibende Leitzinserhöhung sein. Die türkische Regierung hat öffentlich erklärt, dass sie Zinserhöhungen ablehnt. Und nun tritt jemand zurück, der sich immer wieder für höhere Leitzinsen eingesetzt hat. Damit wird nicht nur die Hoffnung der Investoren begraben, dass die Regierung die Unabhängigkeit der Notenbank respektiert, auch Zinserhöhungen werden damit immer unwahrscheinlicher. Dabei wären sie dringend notwendig, um den Lira-Verfall einzudämmen. Es geht gar nicht mehr darum, den entstandenen Schaden wieder zu beheben, das ist schon jetzt nicht mehr möglich. Ein kontrollierter Konjunkturabschwung wäre noch das Beste, was der Türkei passieren könnte. Erdogan muss sich entscheiden: beherrschbare Rezession oder unkontrollierter Kollaps.

SPIEGEL ONLINE: Was kann die Türkei tun, um das Schlimmste zu vermeiden?

Fuest: Die Zentralbank müsste Maßnahmen ergreifen, die demonstrieren, dass sie von der Regierung unabhängig ist, vor allem die Zinsen erhöhen. Da sie ganz offensichtlich nicht unabhängig ist, wird es dazu wohl nicht kommen. Eine zusätzliche Möglichkeit, Vertrauen zu schaffen, wäre, dass die Türkei beim Internationalen Währungsfonds (IWF) Hilfen beantragt. Der türkische Staatspräsident lehnt das aber bislang ab - er will nicht als Bittsteller dastehen. Erdogans Politik verschärft die Krise. Der Verzicht auf Zinserhöhungen nährt Spekulationen über eine Beschränkung des Kapitalverkehrs. Diese Spekulationen befeuern die Kapitalflucht.

Lira-Verfall, Inflation und Co.

SPIEGEL ONLINE: Im August hat die Inflation einen neuen Höchstwert erreicht - was machen die aktuellen Entwicklungen mit den Menschen vor Ort?

Fuest: Schon jetzt haben Inflation und Wechselkursverluste konkret spürbare Auswirkungen für die Menschen in der Türkei. Sie bekommen immer weniger für ihr Geld, besonders Waren aus dem Ausland werden deutlich teurer. Viele befürchten einen weiteren Verfall und tauschen ihre Lira in Euro oder Dollar um, was der türkischen Landeswährung weiter zusetzt. Auch der Wunsch, das Land zu verlassen, wächst bei vielen Türken - dazu tragen politische Bedingungen ebenso bei wie wirtschaftliche Erwägungen.

SPIEGEL ONLINE: Seit es in der Türkei kriselt, hat sich auch die Situation in anderen Schwellenländern verschlechtert. Ist die Krise ansteckend?

Fuest: Es sind nicht nur Ansteckungseffekte. Länder wie Argentinien, Brasilien und Indien haben hausgemachte wirtschaftliche Probleme. Hinzu kommt, dass die Finanz- und Geldpolitik der USA die Kapitalflucht aus den Schwellenländern antreibt. Aber natürlich führt die Krise in der Türkei den Investoren derzeit drastisch vor Augen, dass es in Schwellenländern mit hohen Schulden in Auslandswährungen schnell zu Krisen kommen kann. Sie werden auch in anderen Ländern vorsichtiger.

Im Video: Ein Urlaubsland in der Krise - "Werde ich denn sicher nicht verhaftet?"

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Seite 1
ceen 03.09.2018
1. Kollaps das beste was den Türken wiederfahren kann
Ein Kollaps ist die einzige Möglichkeit den hausgemachten Diktator als das zu entlarven was er ist, ein Versager. Wenn die Türken das spüren werden sie hoffentlich auch mit Hirn wählen.
rstevens 03.09.2018
2. Und Erdogan...
... wird die Schuld für die Misere wieder anderen, ggf. sogar unspezifisch "dem Westen" in die Schuhe schieben, die Bevölkerung wird es ihm glauben und ihn nächstes Mal wieder wählen.
pascal3er 03.09.2018
3. zwischen Rezession und Kollaps entscheiden
Dumm wenn man nen Versager wählt, dann hat man am Ende die Arschkarte. Tut mir echt leid für die Türkei, schönes Land, aber Urlaub machen dort? Nee lass mal, kein bock auf Knast. Gülen hatte recht. Erdogan sperrt Menschen ein, der Prophet Mohammend hat Menschen im übrigen befreit ! - peinlich wenn man seine eigene Religion nicht versteht.
realplayer 03.09.2018
4.
Zitat von ceenEin Kollaps ist die einzige Möglichkeit den hausgemachten Diktator als das zu entlarven was er ist, ein Versager. Wenn die Türken das spüren werden sie hoffentlich auch mit Hirn wählen.
Nein, die Türken denken doch der Westen ist an der Miesere Schuld. Nicht Erdogan. Der Gott gleiche Herrscher. Auweia.
helmut.alt 03.09.2018
5. Schon erstaunlich:
vor wenigen Monaten hat man der türkischen Wirtschaft noch eine Wachstumsrate von 7% bescheinigt und jetzt soll das Land kurz vor dem Kollaps stehen? Wahrscheinlich waren die 7% Wachstum eine Mogelpackung von Erdogan.
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