Lira-Verfall "Alle wollen plötzlich Immobilien an der türkischen Riviera"

Die rapide Abwertung der Lira macht die Türkei zum Billigland für Ausländer. Manche wittern die Chance, sich nun auf die Schnelle eine Immobilie am Mittelmeer zuzulegen. Doch das kann böse ausgehen.

Blick auf Bodrum
imago/Westend61

Blick auf Bodrum

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Als die türkische Lira vor wenigen Tagen abstürzte, begann das Telefon des Maklerbüros in Side zu läuten, in einer Tour. "Seit Freitagmittag rufen ständig Interessenten bei uns an", erzählt Esmeralda Sepers. "Einige sind Investoren, andere Privatpersonen. Alle wollen plötzlich Immobilien an der türkischen Riviera kaufen."

Seit 17 Jahren vermittelt dieTurkologin aus den Niederlanden mit ihrer Maklerfirma Esmare Wohnungen und Häuser an der Mittelmeerküste: ob Bodrum, Fethiye, Side oder Alanya. Aber so einen schlagartigen Ansturm auf ihre Objekte wie dieser Tage hat sie noch nicht erlebt.

Der Auslöser sei eindeutig, sagt Sepers: "Die Abwertung der türkischen Lira." Bekam man für einen Euro zum Monatsanfang 5,75 Lira, waren es am Freitagmorgen schon 6,42 - und am Freitagabend dann 7,33 Lira. In der Nacht zu Montag schoss der Kurs sogar zeitweise auf rund 8 Lira nach oben. Entsprechend günstiger werden für Euro-Besitzer türkische Immobilien, die in Lira gepreist sind.

Sepers etwa hat ein Haus mit zwei Schlafzimmern im Angebot, das in der Nähe von Bodrum liegt. Es kostet 550.000 Lira. Zu Monatsanfang waren das umgerechnet knapp 96.000 Euro - am Dienstag beim Wechselkurs von 7,42 hingegen nur noch etwa 74.000 Euro.

Der Preissturz lockt Schnäppchenjäger an. "Normalerweise wollen unsere Käufer fast immer in Euro bezahlen: Das ist ihnen vertrauter, und sie fühlen sich sicherer", sagt Sepers. "Aber jetzt fragen viele Kunden explizit nach Lira-Zahlung."

Auch andere Makler an der Riviera spüren die Auswirkungen des rapiden Lira-Verfalls. "Wir verzeichnen verstärktes Interesse aus dem Mittleren Osten und teilweise aus Europa", berichtet Heike Tanbay, Geschäftsführerin und Lizenznehmerin von Engel & Völkers in Bodrum. Und der Betreiber des Portals immobilien-alanya.com, Helmuth Zimmermann, bekommt schon seit Tagen vermehrt Anfragen. "Drastisch gefallen" seien die Preise für einige Objekte, wirbt der deutsche Vermittler, der seit Jahren in der Region lebt. "Ein supertolles Penthouse" mit drei Schlafzimmern und Sauna im Badeort Avsallar beispielsweise koste nun nur noch umgerechnet 72.500 Euro: "Sie sollten jetzt schnell kaufen, was das Zeug hält."

Die meisten Verkäufer wollen keine Lira haben

Magere Jahre haben viele Makler an der türkischen Mittelmeerküste hinter sich. Terroranschläge, der Putschversuch, Verhaftungen von Journalisten, das autoritäre Gebaren von Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan - all das hielt nicht nur Kurzzeiturlauber fern aus der Türkei, es lähmte auch das Interesse potenzieller Käufer aus Deutschland, den Niederlanden oder Großbritannien. Und auch professionelle Investoren scheuten das Risiko, Objekte gegen Euro oder Dollar zu kaufen, um dann Mieten in Lira zurückzubekommen. Schließlich schwächelt die türkische Währung schon seit langem. "Zuletzt war tote Hose", räumt Zimmermann ein. Aber: "Jetzt geht's los."

Dass der Lira-Verfall nun einen lang anhaltenden Häuserboom an der Riviera auslöst, ist allerdings zu bezweifeln. Allein schon deshalb, weil es nicht allzu viele Lira-Schnäppchen auf dem Markt gibt. "Der Großteil der Immobilien, die wir anbieten, wird in Euro taxiert", sagt Sehhan Arabaci, Inhaberin von Al-Active Immobilien aus Alanya. Auch bei Engel & Völkers in Bodrum oder bei Esmeralda Sepers in Side dominieren die Euro-Angebote. Die meisten Verkäufer wollen keine Lira haben.

Einzelne Offerten in der türkischen Währung gibt es trotzdem: etwa ein 145-Quadratmeter-Appartment in einem Neubauprojekt bei Alanya, bei dem Käufer noch bis zum Monatsende für 380.000 Lira einsteigen kann. Fertig werden soll es allerdings erst in einem Jahr.

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Laut Sepers haben es manche Interessenten zurzeit so eilig mit der Schnäppchenjagd, dass sie die Immobilien vor dem Kauf nicht einmal mehr besichtigen wollen. Von solchen Blindkäufen rate sie aber grundsätzlich ab, sagt die Maklerin. "Uns ist sehr wichtig, dass unsere Kunden voll hinter ihrer Entscheidung stehen." Und gerade in den vergangenen Jahren sei so mancher ausländische Immobilienspekulant an der Türkischen Rivera böse reingefallen. Viele Objekte sind heute in Euro weniger wert als vor drei oder fünf Jahren - was auch an der massiven Abwertung der Lira liegt.

"Auf Sicht von zehn Jahren könnte es sich lohnen, jetzt einzusteigen"

Wenn der Verfall der türkischen Währung weitergeht, wenn aus der Währungs- eine politische Krise mit unabsehbaren Folgen wird, könnte sich manch vermeintlicher Spottpreisdeal dereinst als sündhaft teuer entpuppen.

Die Makler geben sich trotzdem optimistisch. "Die Menschen werden immer älter und wollen ihr Leben im sonnigen Süden verbringen", erklärt Al-Active-Chefin Arabaci. "Dadurch ist der Immobilienmarkt hier immer interessant für Investitionen." Heike Tanbay von Engel & Völkers verweist darauf, dass wohlhabende Türken seit mehreren Jahren aus den Großstädten nach Bodrum ziehen - "aufgrund der politischen Situation".

Und die Niederländerin Sepers ist überzeugt: Gerade wegen des Lira-Verfalls und der wachsenden Inflation werden vermehrt betuchte Türken aus Istanbul, Izmir oder Ankara eine Riviera-Immobilie anschaffen: um ihr Erspartes in Beton anzulegen, bevor es gar nichts mehr wert ist. Sie schließe nicht aus, dass die Häuserpreise in nächster Zeit noch tiefer fallen, sagt die Geschäftsfrau. "Aber: Auf Sicht von zehn Jahren könnte es sich lohnen, jetzt einzusteigen."

insgesamt 70 Beiträge
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YoRequerrosATorres 15.08.2018
1. Rechtssicherheit gegeben?
Würde ich sofort auch machen, wenn ich sicher sein könnte, dass die Staatsführung dieselbe Rechtssicherheit für ausländische wie inländische Käufer garantiert. Da zweifele ich allerdings ein wenig.....
hausfeen 15.08.2018
2. Die Gier macht blauäugig. Erdogan könnte ja per Dekret ...
... alle Lira-gepreisten Immobilenverkäufe für ungültig erklären und fetten Nachschlag verlangen. Was ich für nicht unwahrscheinlich halte.
suplesse 15.08.2018
3. Oder auch nicht!
Es geht in der Türkei in Richtung Diktatur. Wer will in so einem Land Uralub machen oder gar leben? Das Thema Enteignung ist sicher ernstzunehmen. Was, wenn es dem Regime einfällt ausländische Immobilienbesitzer zu enteignen. Wer willkürlich einsperrt, der schreckt auch davor nicht zurück.
mghi 15.08.2018
4. Immobilien, Gold, harte Währung
das sind die Dinge, wo die Reise in der Türkei hingeht, bis man sein Haus verkaufen muss, um sich ein Brot zu kaufen. So schlimm wird es nicht kommen, aber es gibt in der Geschichte unzählige Beispiele dafür.
su27 15.08.2018
5. Inflation und Immobilienpreise
Was kann man machen, wenn man Vermögen aufbauen will, das Geld aber jeden Tag weniger Wert ist? Zum Beispiel das Geld so schnell wie möglich für Sachen mit stabilerem Wert ausgeben. Man sollte also erwarten, dass jetzt nicht nur ausländische "Schnäppchenjäger" verstärkt Immobilien anfragen, sondern insbesondere auch die von der Inflation betroffen Türken selbst. Das könnte schon sehr bald die Immobilienpreise weiter nach oben treiben.
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