Währungskrise Wie die Inflation die türkische Wirtschaft zermürbt

Die türkische Lira erholt sich langsam. Doch davon merken die wenigsten Türken etwas. Bei ihnen kommt die Krise jetzt erst an: Die Preise für Lebensmittel steigen dramatisch.

Gewürzbasar in Istanbul
AFP

Gewürzbasar in Istanbul

Von , Istanbul


Berat Albayrak war erkennbar gut gelaunt, als er Ende September in New York vor Investoren trat: Seine Regierung werde künftig mit der Beratungsfirma McKinsey zusammenarbeiten, kündigte der türkische Finanzminister stolz an. Wer an dem Vorhaben zweifle, sei entweder ein Ignorant oder ein Landesverräter, sagte er.

Seine Euphorie hielt ganze drei Tage. Dann erklärte sein Schwiegervater, Präsident Recep Tayyip Erdogan, die Türkei könne sich sehr gut selbst helfen. Erdogan beerdigte damit nicht nur den Deal mit McKinsey. Er stellte zugleich seinen Schwiegersohn in aller Öffentlichkeit bloß.

Albayrak, 40 Jahre alt, war einmal der Hoffnungsträger der Familie Erdogan. Es galt als ausgemacht, dass er seinen Schwiegervater irgendwann als Staatschef beerben würde. Nun ist er das Gesicht der schwersten Wirtschaftskrise in der Türkei seit 2001.

Zwar hat sich die Lira etwas erholt, seit die Türkei im Oktober den US-Pastor Andrew Brunson freigelassen hat. Sie steht gegenwärtig bei 5,5 zu 1 im Vergleich zum Dollar, nachdem sie im Sommer zwischenzeitlich beinahe auf 7 zu 1 abgerutscht war. Auch das Handelsdefizit ist kleiner geworden. Importe und Exporte halten sich zurzeit fast die Waage. Doch die Menschen in der Türkei bekommen die Folgen des wirtschaftlichen Niedergangs jetzt erst so richtig zu spüren.

Die Inflation ist im Oktober auf 25 Prozent gestiegen, den höchsten Wert seit 15 Jahren. Lebensmittel sind um 30 Prozent teurer geworden, Obst und Gemüse um 50 Prozent - worunter vor allem Bürger mit niedrigem Einkommen leiden.

Die Landwirtschaft war einmal eine Säule der türkischen Wirtschaft. In den vergangenen Jahren hat die Branche im internationalen Vergleich an Wettbewerbsfähigkeit verloren, große Betriebe wurden zunächst privatisiert und gingen dann pleite, weshalb die Türkei inzwischen auf Lebensmittelimporte angewiesen ist.

2001 waren fast 8 Millionen Menschen in der Landwirtschaft beschäftigt, heute sind es nur noch 5,7 Millionen. Bauern haben Schwierigkeiten, Dünger, Benzin und Saatgut aus dem Ausland zu bezahlen.

Inflation und schwache Lira

Finanzminister Albayrak hat einen "totalen Kampf" gegen die Inflation versprochen. Doch etliche Geschäfte, die beteuern, ihre Preise gesenkt zu haben, haben sie in Wahrheit erhöht. Die Ratingagentur Moody's rechnet für 2019 mit zweistelligen Inflationszahlen.

Die Inflation und die Schwäche der Lira führen dazu, dass Unternehmen, die Kredite in Euro und Dollar aufgenommen haben, ihre Schulden kaum mehr begleichen können. Mehrere Tausend Firmen mussten in diesem Jahr Zahlungsengpässe anmelden. Vor allem die Bauindustrie ist von der Krise betroffen. Gerade erst ist "Jeder Yapi" pleite gegangen, ein Großkonzern, der am Bau des neuen Flughafens in Istanbul beteiligt war. 70 Prozent der privaten Bauarbeiten seien eingestellt oder verlangsamt worden, schätzt Tahir Tellioglu, der Vorsitzende des Verbands der Bauwirtschaft.

Die Regierung hat einen Notfallfonds eingerichtet, der es angeschlagenen Bau- und Immobilienfirmen ermöglicht, Einheiten abzustoßen. Die Initiative dürfte der Branche allenfalls eine Atempause verschaffen. Insgesamt stehen 2 Millionen Immobilien in der Türkei leer.

Das Land steuert zudem auf eine Rezession zu. Moody's rechnet damit, dass die türkische Wirtschaft 2019 um 2 Prozent schrumpfen wird, was den Handlungsspielraum der türkischen Regierung weiter einschränken dürfte.

Auf Kapital aus dem Ausland angewiesen

Erdogan ist mehr denn je auf Kapital aus dem Ausland angewiesen. Die Türkei muss alleine in den kommenden zwölf Monaten Verbindlichkeiten von 220 Milliarden Dollar begleichen. Doch Investoren haben das Vertrauen in die Regierung in Ankara verloren.

Die Türkei gilt Anlegern als Risikoland, weshalb es für türkische Firmen immer teurer wird, Geld zu leihen. Schon jetzt hat das Finanzministerium 21 Milliarden Dollar aus dem Arbeitslosenfonds umgeschichtet, um die Banken zu stützen.

Erdogan scheut nach wie vor jene strukturellen Reformen, die nötig wären, um an den Märkten Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen. Er schließt auch aus, sich an den Internationalen Währungsfonds zu wenden. Stattdessen vollzieht er weitgehend symbolische Handlungen. Das Finanzministerium hat Exporteure dazu verpflichtet, acht Zehntel ihrer Einnahmen in türkischen Banken zu deponieren. Immobiliengeschäfte dürfen nur noch in Lira abgewickelt werden. Erdogan hat angekündigt, die Lager von Geschäften, die Preise unverhältnismäßig stark anheben, von der Polizei stürmen zu lassen.

Die Türkei hält im Frühjahr 2019 wichtige Lokal- und Regionalwahlen ab. Erdogan spiele in der Wirtschaftskrise ganz offensichtlich auf Zeit, kritisiert der Istanbuler Ökonom Mustafa Sönmez. Das Problem ist, dass das Land keine Zeit mehr hat.



insgesamt 6 Beiträge
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dirkcoe 13.11.2018
1. Erdogan ist gescheitert
und kann es auch nicht länger verbergen. Er war und ist es, der dafür sorgt, dass jedes Vertrauen der Investoren in die Türkei fehlt. Mit jedem öffentlichen Auftritt wird es schlimmer. Zeigt er doch jedes Mal seine nur rudimentäre Ahnung von Wirtschaft. Und mit Amateuren arbeitet niemand zusammen.
spondabel 13.11.2018
2. Jammertal
Ich fürchte die türkischen Bürger müssen durch ein sehr tiefes Jammertal. Ich hoffe, dass sie dabei zur Erkenntnis kommen, dass Erdogan der falsche Mann für die türkische Führung ist. Für korrupte und größenwahnsinnige Autokraten zahlen am Ende immer die kleinen Leute. Mögen sie bei der Bestimmung des nächsten Präsidenten noch die Wahl haben. Sicher kann man sich da aber nicht sein.
Meckerameise 13.11.2018
3.
"Schon jetzt hat das Finanzministerium 21 Milliarden Dollar aus dem Arbeitslosenfonds umgeschichtet, um die Banken zu stützen." Ich fühle mich gerade fast 10 Jahre zurückversetzt. Na wenn da mal nicht aus dem falschen Sozialtopf Geld abgezogen wurde. Wenn das so weitergeht, wird er ja erfreulicherweise nicht lange sein nach ihm umgestaltetes Politsystem auskosten dürfen. Wirtschaftliche Stabilität war notwendig, damit seine AKP-Anhänger gehorsam waren, seine "treuen" und "loyalen" Wähler werden sich sowas wohl nicht sehr lange gefallen lassen.
ziehenimbein 13.11.2018
4. Woher kommt dieser extreme Leerstand der Immobilien?
Bei rund drei Millionen Flüchtlingen, einer hohen Geburtenrate und aktuell sehr vielen jungen Erwachsenen, in Kombination mit der stark steigenden Lebenserwartung, dürfte da eigentlich nix frei sein. Da werden sich wohl Viele keine eigene Wohnung leisten können. Esgibt jetzt bestimmt viele Leute, die sich denken, dass es für uns günstiger wäre, die aufgenommenen Flüchtlinge dort unterzubringen. Einerseits sänken die Kosten und die Situation auf dem Wohnungsmarkt würde sich auch leicht entspannen. Da dabei wirklich alle gewinnen könnten, braucht nun wirklich nicht rechts zu sein, um die Idee überlegenswert zu finden.
MyMoon 13.11.2018
5. Schwarzmalerei
Wie immer wird versucht die Wirtschaft der Türkei runterzuschreiben. Erst würde die Währung schon am Ende gesehen, jetzt hat sie sich stabilisiert und gewinnt zum Euro/Dollar stetig. Das Handelsdefizit würde weiter wachsen hieß es noch vor 2 Monaten, jetzt ist es fast ausgeglichen. Natürlich ist jetzt die Inflation dran. Und auch die wird man in den Griff bekommen. Es wurde schon seit 2002 das Ende der AKP prophezeit und nichts davon ist eingetreten. Mittlerweile denke ich ist es er Wunschdenken was die meisten Journalisten im Westen zum Thema von sich geben und keine Realistische Einschätzung.
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