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Inflation, Lira, Wachstum

Wie die Türkei einen Crash verhindern kann

Die Wirtschafts- und Währungskrise setzt der Türkei massiv zu. Eine DIW-Studie zeigt, was dem Land droht - und wie Regierung und Notenbank gegensteuern könnten.

Von Felix Sommerfeld und (Grafiken)

AFP

Donnerstag, 06.09.2018   08:09 Uhr

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Wie lässt sich die Wirtschafts- und Währungskrise der Türkei stoppen? Führende Ökonomen sind sich einig, dass es keine Alternative dazu gibt, sowohl nationale als auch internationale Maßnahmen einzuleiten. Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), die dem SPIEGEL vor der Veröffentlichung an diesem Donnerstag exklusiv vorlag, belegt nun genau das.

Das Gesamtbild würde sich weiter verfinstern, wenn die Türkei keine Reformschritte einleitet. Angesichts des Vertrauensverlustes des Auslands würden die externen Finanzierungskosten steigen, Konsum und Investitionen sinken, die türkische Lira weiter abwerten. Schließlich sei damit zu rechnen, dass die ausländischen Kapitalströme vollständig versiegen.

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"Die jetzige Krise hat das Potential, so schlimm wie die Krise der Türkei im Jahr 2001 zu werden", prognostiziert Studienautor Alexander Kriwoluzky. Hohe staatliche Defizite und eine galoppierende Inflation führten damals zu einer massiven Abwertung der Lira und zu einem Konjunktureinbruch von rund zwölf Prozent. Der Staatsbankrott ließ sich damals nur durch Hilfen des Internationalen Währungsfonds (IWF) vermeiden.

Noch habe die Türkei die Möglichkeit durch einen Mix aus Gegenmaßnahmen einen weiteren Einbruch abzufedern, so Kriwoluzky. "Die Leitzinsen müssten erhöht werden, der Staatshaushalt konsolidiert und das Inflationsziel gesenkt." Es gehe vor allem darum, die Unabhängigkeit der Zentralbank wiederherzustellen. Genau das muss demonstriert werden, um das Vertrauen der Investoren wiederzugewinnen. Die Glaubwürdigkeit der türkischen Notenbank hat in den vergangenen Monaten massiv unter den Aussagen des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan gelitten.

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Zusätzlich zu nationalen Maßnahmen könnten günstige internationale Kredite den Reformprozess flankieren und zusätzliche positive volkswirtschaftliche Effekte zeigen.

Anhand eines Modells wird in der Studie simuliert, welchen Einfluss eine finanzpolitische Konsolidierung, eine Leitzinserhöhung und eine Notenbank, die wieder als unabhängig gilt, hätten. Auch der mögliche Einfluss günstiger internationaler Kredite wird dargestellt. Gegenübergestellt werden diese Werte einer Prognose, wie die Entwicklung aussehen würde, wenn keine Gegenmaßnahmen eingeleitet werden. Die Szenarien im Überblick.


Die türkische Lira


Innerhalb eines Jahres hat die türkische Landeswährung gegenüber dem Euro fast die Hälfte ihres Werts verloren. Vor einem Jahr bekam man für einen Euro etwa vier Lira, heute fast acht. Ohne kontinuierliche Zinserhöhungen sei damit zu rechnen, dass die Lira weiter abwertet. Es sei davon auszugehen, dass sie im Lauf des Jahres 2019 nochmal knapp 20 Prozent einbüßt.

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Sollten Gegenmaßnahmen eingeleitet werden, sei mit einer Aufwertung von insgesamt mehr als neun Prozent bis 2020 zu rechnen. Um weitere acht Prozent würde die Lira aufwerten, wenn internationale Finanzierungshilfen die Lage zusätzlich stabilisieren würden.


Das Wirtschaftswachstum


Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass das BIP-Wachstum ohne Reformen innerhalb eines Jahres um etwa fünf Prozentpunkte zurückgehen würde.

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Und selbst wenn die Simulation nahelegt, dass in Folge eines wirtschaftlichen Aufholprozesses das BIP-Wachstum im Jahr 2020 knapp einen Prozentpunkt gewinnen würde, seien dadurch bei weitem nicht die Produktionsverluste des ersten Krisenjahres zu kompensieren.


Der Staatssaldo


Die Studie zeigt, dass sich der staatliche Finanzierungssaldo im Jahr 2019 um mehr als einen Prozentpunkt des Bruttoinlandsprodukts verschlechtern würde, wenn keine Reformen eingeleitet werden.

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Die Verschlechterung fußt darauf, dass zunehmend teurer werdende Finanzierungskosten zu einem unmittelbaren Einbruch der Konjunktur führen. Sowohl der Konsum als auch die Investitionen sinken, die Reallöhne fallen ebenfalls. Die dadurch entstehende Produktionslücke verschlechtert den Staatssaldo.

Durch den Mix aus nationalen und internationalen Hilfsschritten würde sich der Saldo allein im Jahr 2019 um etwa zwei Prozentpunkte verbessern.


Die Inflation


Die Krise treibt die Inflation in der Türkei immer weiter in die Höhe. Im August sind die Verbraucherpreise im Jahresvergleich um 17,9 Prozent gestiegen. Das ist der höchste Wert seit 15 Jahren. Ohne Gegenmaßnahmen würde die Inflationsrate im Jahr 2019 um etwa weitere acht Prozentpunkte steigen - sie würde dann bei mehr als 25 Prozent liegen.

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Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass es am effektivsten und effizientesten wäre, wenn die Zentralbank ihr Inflationsziel senkt und dieses dann auch einhält. Damit könnte sie ihre Unabhängigkeit demonstrieren.

Malte Rieth, Co-Autor der Studie, resümiert: "Die Türkei hat es selber in der Hand, die Krise zu entschärfen."

Video: Außenminister Maas bei Präsident Erdogan


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